Tödliche, krebserregende Asbestfasern können auch unter dem Teppichboden lauern

dzAsbest

Millionenfach verbaut, dann versteckt und verdrängt. Krebserregendes Asbest schlummert in zigtausenden privaten und öffentlichen Gebäuden. Auch an Stellen, wo es bisher nicht vermutet wurde.

Haltern

, 17.08.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Jahrzehntelang galt Asbest als Superstoff: unbrennbar, isolierend. Dann zeigte sich: Asbest ist krebserregend. 1993 wurde es in Deutschland verboten. Bis dahin wurde der Stoff millionenfach verbaut, in Fußböden und Wandverkleidungen, auf Dächern, in Fassaden. Wo überall Asbest lauert, hat die Stiftung Warentest aufgelistet. Bis zu 180.000 Tonnen Asbest wurden laut Berufsgenossenschaft Bau pro Jahr verbaut, insgesamt viele Millionen Tonnen.

Ein Großteil der vor 1993 erstellten Häuser steht bis heute. Solange Asbest fest verbaut ist, ist das wenig problematisch. Kritisch wird es, wenn bei einer Sanierung, beim Fräsen, Bohren oder Schleifen Staub freigesetzt wird. Inzwischen gibt es Regeln, wie bei Sanierungen vorzugehen ist.

Die unterschätzte Gefahr

Dass Asbest auch im Putz, in Spachtelmassen, Fliesen- und Teppichklebern steckt, geriet erst in jüngster Zeit in den Blick. Die Verwendung in diesen Stoffen galt lange als unkritisch, weil der Asbestanteil hier sehr gering ist. Heute ist klar: Die Gefahr wurde unterschätzt. Das Bundesarbeitsministerium räumte 2017 ein, dass diese Gefahr bislang „wenig beachtet“ worden sei. 2017 wurde auf Bundesebene der „Nationale Asbestdialog“ gegründet, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Feste, neue Regeln gibt es noch nicht.

Das dauerte etwa der Stadt Bochum zu lange. Sie beschloss im Mai 2019, dass alle vor 1995 errichteten Gebäude so zu behandeln sind, als wenn asbesthaltige Putze oder Spachtelmassen verwendet wurden. Grundsätzlich ist jetzt bei Sanierungen solcher Häuser ein Gutachter einzuschalten. Und wenn auch nur ein kleines Loch in eine Wand gebohrt werden soll, dürfen nur Bohrmaschinen verwendet werden, die den Staub absaugen.

Tote und Kranke

Dass Asbest krebserregend ist, ist unstrittig. Wie viele Neuerkrankungen oder Sterbefälle Asbest noch immer verursacht, ist unklar. Die Berufsgenossenschaft Bau spricht für 2017 von 1561 Toten. Das Landes-Gesundheitsministerium verweist darauf, dass viele Erkrankungen nicht nur durch Asbest, sondern auch durch andere Faktoren ausgelöst werden können (etwa Lungenkrebs durch Rauchen). Lediglich bei der Tumor-Erkrankung Mesothelion, die überwiegend durch Asbest ausgelöst wird, zählte es zwischen 2006 und 2015 in NRW 4001 Fälle.

Wie viele Gebäude in NRW noch mit Asbest belastet sind, ist nicht bekannt. Das Bau-, das Umwelt- und das Gesundheitsministerium des Landes teilten auf Anfragen mit, das wisse man nicht. Auch der Städtetag, der Städte- und Gemeindebund sowie der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW nannten keine Zahlen. Aber: Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin erklärte 2016, dass noch immer „80 Prozent der ursprünglich verwendeten asbesthaltigen Bauteile im heutigen Gebäudebestand“ schlummern.

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