Tiergestützte Therapie: Mit „Kuschelhormon“ gegen die Depression

LWL-Haardklinik

Sabine Schwarz leidet an Depressionen. Durch die Tiergestützte Therapie in der LWL-Klinik in der Haard zwischen Marl und Haltern lernt sie wieder, Vertrauen zu sich zu fassen.

Haltern

25.04.2021, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Mit Lisbeth genießt Sabine Schwarz die Sonne. Für sie ist das pure Entspannung.

Mit Lisbeth genießt Sabine Schwarz die Sonne. Für sie ist das pure Entspannung. © LWL/Seifert

Eine Depression beeinflusst das Leben von Sabine Schwarz (Name geändert) schon seit vielen Jahren. Die junge Frau ist oft niedergeschlagen und antriebslos, aber wenn die 37-Jährige zwischen Esel Friedemann und seiner Gefährtin Martha steht oder mit Aussie-Doodle Dame Lisbeth oder Golden-Doodle Emma Kunststückchen übt, ist ihr von ihrem Handicap nichts anzumerken.

Ein eingespieltes Team: Heilpädagogin Elke Bein, Lisbeth und Emma.

Ein eingespieltes Team: Heilpädagogin Elke Bein, Lisbeth und Emma. © LWL/Seifert

Einmal in der Woche kommt sie im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens ins Gehege der Tiergestützten Therapie im Wohnverbund des Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) auf dem Gelände der LWL-Klinik in der Haard. „Alleine die Tiere zu beobachten, macht mich schon glücklich“, beschreibt Sabine Schwarz ihr Gefühl während der Tiergestützten Therapie.

Spiegelneuronen lösen Gefühl von Entspannung aus

Diplom-Heilpädagogin Elke Bein wundert diese Aussage gar nicht: „Menschen mit einem Hilfebedarf, etwa aufgrund einer Angststörung, einer Sozialphobie oder einer Depression profitieren enorm von der Tiergestützten Therapie“, sagt sie.

Das hat mehrere Gründe, „der Anblick von Lebewesen, die sich offensichtlich wohl fühlen, löst auch in den meisten Menschen ein Gefühl der Entspannung aus.“ Verantwortlich sind hierfür die Spiegelneuronen.

Auch die Berührung der Tiere habe eine entspannende Wirkung. Diese Berührung sorge dafür, dass Oxytocin ausgeschüttet wird. Dieses „Kuschelhormon“ senkt den Cortisol-Spiegel, der auch für das Stressempfinden zuständig ist, und führt zu einer merkbaren Entspannung des Körpers, so die Fachkraft für tiergestützte Intervention.

Diese Beobachtung kann Sabine Schwarz durch ihr eigenes Empfinden bestätigen, während sie mit Lisbeth auf der Bank sitzt. Der Aussie-Doodle lässt sich nur allzu gerne kraulen und beide genießen diese Berührung.

Massage für Martha und Friedemann

Als nächstes geht es in der heutigen Therapiestunde zu den beiden Zwergeseln Martha und Friedemann. Während die Heilpädagogin Martha striegelt, macht sich Sabine Schwarz bei Friedemann ans Werk. Der Esel genießt die Bürstenmassage augenscheinlich und ist auch einer Krauleinheit hinter den Ohren nicht abgeneigt.

Und auch Sabine Schwarz hat sichtlich Spaß: „Das erfüllt mich mit großer Freude, wenn ich merke, dass ich einem Tier etwas Gutes tun kann!“ „Diese Selbstwirksamkeitserfahrung ist ein weiterer positiver Aspekt der tiergestützten Therapie“, erklärt Elke Bein, „unsere Klienten merken direkt den Effekt ihres Handelns auf die Tiere, egal ob beim Striegeln, Füttern oder auch beim Stall ausmisten.“

Wanderung mit Lisbeth und den Eseln

Nach dem Striegeln steht eine kleine Wanderung mit Lisbeth und den Eseln auf dem Plan. Sabine Schwarz führt Friedemann an einem Halfter und trainiert so ganz nebenbei durch ihre Körpersprache, souverän zu sein und klar zu kommunizieren, wo der Weg hingeht.

Bei einer kleinen Wanderung kann man sich wunderbar unterhalten.

Bei einer kleinen Wanderung kann man sich wunderbar unterhalten und ganz nebenbei mithilfe der Körpersprache bestimmen, wo es langgeht. © LWL/Seifert

Auf die Frage, was sie aus der tiergestützten Therapie für sich mitgenommen habe, fällt der 37-Jährigen die Antwort leicht: „Ich bin aktiver, kann mich besser konzentrieren und habe mehr Vertrauen in mich, auch wenn nicht immer alles gleich gut gelingt. Ich falle nicht mehr in ein tiefes Loch, wenn ich einen schlechten Tag habe und die Tiere nicht so reagieren, wie ich es möchte, weil sie meine Stimmung widerspiegeln. Ich weiß jetzt, das ist nicht schlimm. Dann versuche ich es bei meinem nächsten Termin einfach noch einmal.“

  • Die Tiergestütze Therapie ist ein Angebot im Rahmen des ambulant betreuten Wohnens. Ambulant Betreutes Wohnen (ABW), das bedeutet sozialtherapeutische Begleitung für Menschen, die zum Beispiel an Depressionen, Ängsten, Zwängen oder einer Persönlichkeitsstörung erkrankt sind und Hilfe im Alltag benötigen.
  • Etwa zweieinhalb bis drei Stunden pro Woche verbringt ein Betreuer bzw. eine Betreuerin mit den Klienten. Auf dem Plan stehen Behördengänge, Arztbesuche, ein gemeinsames Einkaufen aber auch Freizeitaktivitäten oder Hilfe bei Problemen im Beruf. Das ABW ist ein Angebot des LWL-Wohnverbundes Marl-Sinsen.
  • Menschen, die für sich diese Hilfe in Anspruch nehmen möchten, können telefonisch unter Tel. (02366) 50 49 30 mit Nicole Patzkowski einen ersten Gesprächstermin vereinbaren. Voraussetzung ist eine chronische, mindestens sechs Monate andauernde, psychische Erkrankung sowie eine schriftliche ärztliche Empfehlung.
  • Kostenträger ist in der Regel die Eingliederungshilfe. Je nach finanzieller Situation des Antragsstellers ist ein Selbstkostenbeitrag erforderlich bzw. ein Zuschuss durch den LWL möglich.
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