Laut einer aktuellen Bertelsmann-Studie gibt es viel zu viele Krankenhäuser in Deutschland. Das sagt der Geschäftsführer des Sixtus-Hospitals, Andreas Hauke, zu der gewagten These.

Haltern

, 08.08.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Eine bessere medizinische Versorgung sei nur mit halb so vielen Kliniken möglich, lautet das Fazit einer aktuellen Bertelsmann-Studie. „Eine starke Verringerung der Klinikanzahl von aktuell knapp 1400 auf deutlich unter 600 Häuser würde die Qualität der Versorgung für Patienten verbessern und bestehende Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal mildern“, meinen die Experten.

Die Halterner Zeitung hat sich mit dem Geschäftsführer des Katholischen Klinikums Ruhrgebiet Nord (KKRN), zu dem auch das Halterner Sixtus-Hospital gehört, unterhalten. Im Gespräch mit Redakteurin Ingrid Wielens stellt der KKRN-Chef klar: Innerhalb der KKRN GmbH werden zwar nicht alle Leistungen angeboten, aber in der Summe aller Angebote an den vier Standorten handele es sich um ein großes Klinikum, dessen Kompetenz zukunftsfähig sei.

Die Hälfte der derzeit vorhandenen Krankenhäuser sind nach der aktuellen Bertelsmann-Studie überflüssig. Gibt es Alternativen zur Konzentration im Kliniksektor?

Dass es Alternativen zu dem genannten Krankenhausabbau gibt, zeigt die Entwicklung der KKRN GmbH.

Der Abbau der Kliniken, so wie es aus der Bertelsmann-Studie hervorgeht, ist aus unserer Sicht nicht zu realisieren. Ganz davon zu schweigen, dass die dann benötigten Großkliniken ja gar nicht existieren. Und um diese zu bauen, müssen Milliarden von Euro in die Hand genommen werden. Die Errichtung eines (!) solchen Großklinikums würde schnell mit einer Milliarde zu Buche schlagen. Da kann man schnell hochrechnen, dass diese Summen gar nicht zur Verfügung stehen. Darüber hinaus würde es zu einer Einschränkung der Wahlfreiheit der Patienten führen, wenn die Patientensteuerung zentralisiert würde.

Und was passiert mit unseren Mitarbeitern? Die Wege würden ja nicht nur für unsere Patienten länger, sondern auch für die Mitarbeiter eines solchen Großklinikums. Nicht zu vergessen, dass auch die KKRN GmbH – ebenso wie alle anderen Kliniken in Deutschland auch – zu den größten Arbeitgebern vor Ort zählt. Man muss sich also auch die Frage stellen, was mit den Regionen passiert, in denen Kliniken geschlossen werden sollen. Die Folgen sind nicht zu vernachlässigen.

Das KKRN führt Krankenhäuser in Haltern, Dorsten, Marl und Herten-Westerholt. Wie bewerten Sie die allgemeine medizinische Versorgungssituation in Haltern?

Innerhalb der KKRN GmbH, die bereits seit zehn Jahren besteht, sind die Leistungsspektren der Kliniken bereits in vielen Bereichen abgestimmt. Neben der Grund- und Regelversorgung, die wir an allen unseren Betriebsstätten vorhalten, gibt es an den verschiedenen Standorten unterschiedliche Schwerpunkte. Zum Beispiel haben wir am Marien-Hospital in Marl einen Linksherzkathetermessplatz (LHKM). Muss eine entsprechende Untersuchung während des stationären Aufenthaltes in einer der anderen Kliniken durchgeführt werden, werden unsere Patienten für diese Untersuchung nach Marl gefahren. Ebenso halten wir am Marien-Hospital die Bereiche der Urologie und Nephrologie vor, die es an unseren anderen Kliniken nicht gibt.

Im St. Elisabeth-Krankenhaus Dorsten und St. Sixtus-Hospital Haltern am See gibt es wiederum pneumologische Schwerpunkte und sogenannte Weaningstationen (Beatmungsintensivstationen/Anm. d. Redaktion). Das Gertrudis-Hospital Herten-Westerholt hat sich im Bereich der Medizin im Alter spezialisiert und auch im Bereich der Hernienchirurgie sind wir dort – ebenso wie in Dorsten – stark aufgestellt.

Wie gut sind die Halterner im Fall eines Schlaganfalls oder eines Herzinfarkts medizinisch versorgt? Können die einzelnen KKRN-Kliniken der KKRN GmbH jederzeit eine fachärztliche und pflegerische Kompetenz vorhalten?

Im Marien-Hospital in Marl halten wir zwei hochmoderne LHKM vor. Das Team rund um Prof. Dr. Martin Spiecker hält dort täglich einen 24-stündigen Bereitschaftsdienst extra für Katheter-Untersuchungen vor. Eine optimale Versorgung unserer Patienten im Falle eines Herzinfarktes ist somit gewährleistet.

Kommt ein Patient über den Rettungsdienst ins Krankenhaus, entscheiden in kritischen Situationen die vor Ort tätigen Einsatzkräfte gemeinsam mit der Kreisleitstelle, welches Krankenhaus angefahren wird.

Schlaganfallpatienten werden über den Rettungsdienst gar nicht erst in unsere Häuser eingeliefert, sondern direkt in ein Krankenhaus mit einer Stroke-Unit gebracht. Wird bei uns im Hause ein Schlaganfall diagnostiziert, verlegen auch wir – wenn damit eine bessere Patientenversorgung erfolgen kann – die Patienten in eine Stroke-Unit, die wir innerhalb der KKRN GmbH nicht vorhalten.

Darüber hinaus haben wir selbstverständlich in allen bettenführenden Bereichen der KKRN GmbH rund um die Uhr ärztliche und pflegerische Fachkräfte im Haus. Dies gilt für die Stationen ebenso wie zum Beispiel für die Aufnahmebereiche und Funktionsbereiche (Labor, Radiologie usw.).

Wie zukunftsfähig ist diese Versorgungssituation?

Schon weit vor den aktuellen politischen Überlegungen hat die KKRN GmbH angefangen, Prozesse und Leistungsstrukturen zukunftsfähig und bedarfsorientiert zu zentralisieren und vereinheitlichen. Insofern sehen wir uns für die Zukunft auf dem richtigen Weg.

Innerhalb der KKRN GmbH bieten wir nicht alle Leistungen an, die wir als Krankenhaus anbieten könnten. Das, was wir machen, machen wir auf höchstem, fachlichen Niveau. Dabei verlieren wir jedoch unsere Grenzen nicht aus den Augen. Dafür gibt es spezialisierte Schwerpunkt- und Unikliniken.

Die Kompetenz unserer Häuser schätzen wir daher zukunftsfähig ein.

Wie sieht die Personalsituation aus? Wie stark haben Krankenhäuser mit der Besetzung von Stellen für Pflege- und weiteres medizinisches Personal bis hin zu Fachärzten zu kämpfen?

Wie in allen anderen Krankenhäusern in Deutschland ist auch bei uns die Stellensituation angespannt. Dennoch konnten wir bisher – außer im Bereich der Gynäkologie und Geburtshilfe im St.-Sixtus-Hospital Haltern am See – alle Stellen besetzen. Auch wenn es manchmal ein wenig länger dauert, bis wir den richtigen Mitarbeiter gefunden haben, der nicht nur das Team verstärkt, sondern auch ins Team passt.

Stehen nach der jüngsten Schließung der Gynäkologie im Halterner Sixtus-Hospital noch weitere Abteilungen in den KKRN-Häusern hinsichtlich ihrer Wirtschaftlichkeit auf der Kippe?

Innerhalb der KKRN GmbH haben wir in den letzten Jahren ein umfassendes Controlling-System etabliert. Alle relevanten Zahlen haben wir damit zeitaktuell im Blick.

Selbstverständlich sind aus wirtschaftlicher Sicht nicht alle Bereiche unserer Kliniken gleich gut aufgestellt. Das zu schaffen wäre sicherlich wünschenswert – aber nicht zu realisieren. Unser Anspruch ist es, unseren Versorgungsauftrag so gut wie möglich zu erfüllen. Und das in der höchstmöglichen Qualität. Dass aus wirtschaftlicher Sicht schwächere Bereiche von den stärkeren Bereichen mitgetragen werden, ist für uns selbstverständlich und dem Finanzierungssystem geschuldet.

Wenn wir allerdings die Patientenversorgung aufgrund von externen Faktoren, wie zum Beispiel einem Facharztmangel im Bereich der Gynäkologie in Haltern am See, nicht mehr gewährleisten können, haben wir kaum noch Handlungsspielraum. Die Sicherheit unserer Patienten hat bei uns höchste Priorität.

Wäre es denkbar, dass – rein theoretisch – eines Ihrer Häuser geschlossen würde, um die Spezialisierung in einem anderen Haus noch weiter voranzutreiben?

Eine Spezialisierung innerhalb der KKRN GmbH wurde bereits seit Jahren auf den Weg gebracht. Neue Leistungsspektren konnten unser Angebot in den letzten Jahren ergänzen – andere Bereiche haben wir zentralisiert beziehungsweise auch abgegeben.

Dieser Prozess wird jedoch nie abgeschlossen sein. Neue Untersuchungs- und Therapieansätze, neue rechtliche Vorgaben, neue Mitarbeiter mit neuen fachlichen Expertisen und vieles mehr: Es gibt immer wieder Gründe, Entscheidungen neu zu bewerten und Altbewährtes kritisch zu hinterfragen.

Aus heutiger Sicht sind wir gut aufgestellt und so miteinander verzahnt, dass wir in der Summe aller Angebote über unsere vier Standorte ein großes Klinikum sind – quasi eine Klinik mit vier Eingängen.

Was wiegt bei der Bewertung einer Klinik schwerer - dass sie schnell erreichbar ist oder dass sie den Qualitätskriterien wie Facharztbereitschaft rund um die Uhr, ausreichend Erfahrung und Routine des medizinischen Personals oder angemessene technische Ausstattung entspricht?

Die Frage kann man nicht mit „entweder/ohne“ beantworten. Was nutzt das perfekte Krankenhaus, wenn es im medizinischen Notfall nicht rechtzeitig erreicht werden kann. Und ein Krankenhaus vor Ort ist auch nur dann gut, wenn die von Ihnen genannten Qualitätskriterien gewährleistet sind.

Die schnelle Erreichbarkeit einer medizinischen Versorgung muss immer mit hoher Qualität einhergehen. Und das sichern wir als KKRN GmbH unseren Patienten zu.

Was ist dran an der Aussage, dass ein Viertel der in Kliniken behandelten Patienten gar nicht hätte stationär behandelt werden müssen?

Diese Aussage ist nicht neu – aber auch kein Schritt, der von jetzt auf gleich umgesetzt werden könnte. Seit Jahren wird schon bei der Einweisung durch den niedergelassenen Arzt, dann bei der Aufnahme durch die Krankenhäuser und zuletzt ja auch von den Krankenkassen bei der Abrechnung geprüft, ob überhaupt eine stationäre Behandlung notwendig ist. Und selbst dann gibt es oft unterschiedlichste Sichtweisen und Gründe, die man sorgsam gegeneinander abwägen sollte.

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Von jetzt auf gleich 25 Prozent der stationären Patienten ambulant behandeln zu wollen, wird unser Gesundheitsministerium vor große Herausforderungen stellen. Die erforderlichen ambulanten Strukturen müssten erst geschaffen werden. Wo sollen die Patienten denn hingehen? Dazu der Hausarztmangel in ländlichen Regionen.

Auch die Verweildauer in deutschen Krankenhäusern wird kritisiert. Wie sieht es bei der KKRN GmbH aus?

Auch in der KKRN GmbH wurden die Verweildauern in den letzten Jahren gesenkt. Das ist nicht nur dem politischen Willen, sondern auch dem medizinischen Fortschritt geschuldet. Bei uns entscheidet nicht die Verweildauerstatistik, wie lange ein Patient bleiben muss, sondern der Gesundheitszustand des Patienten. Die in der Presse oft zitierten „blutigen Entlassungen“ gibt es bei uns nicht. Gibt es aus medizinischer Sicht Gründe, dass ein Patient noch bleiben muss, bleibt er. Durch stetige Optimierung unseres Entlassmanagements versuchen wir, ab dem Zeitpunkt der Aufnahme des Patienten dafür Sorge zu tragen, dass die Weiterversorgung nach Entlassung sichergestellt ist. Die Steuerung des Behandlungsablaufs mittels klinischen Behandlungspfaden ist dabei von großer Bedeutung und unser tägliches Brot.

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