Im St. Andreas-Kindergarten im Halterner Ortsteil Hullern hat es sexuelle Übergriffe unter Kindern gegeben. Eltern werfen der Kita-Leiterin vor, die Situation verharmlost zu haben.

Hullern

, 20.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Aufregung im katholischen St.-Andreas-Kindergarten in Hullern, der vorweihnachtliche Frieden ist gestört. Dort hat es sexuelle Übergriffe unter Kindern gegeben. Zwei Vorfälle sind bekannt und vom Träger, der katholischen Kirchengemeinde, unter Vorbehalt eingeräumt worden; Eltern sprechen von mindestens drei weiteren. Kita-Leiterin Bärbel Stelmaszyk schweigt, Verbundleiterin Iris Hillenbrand äußert sich zurückhaltend, das Jugendamt hält sich ganz bedeckt, Väter und Mütter haben zurzeit das Vertrauen in die Einrichtung verloren.

Der erste Vorfall liegt mehrere Monate zurück. Ein Kind soll ein anderes psychisch und physisch misshandelt haben. Erst, als Letzteres zu Hause auffällig wurde, erfuhren die Eltern davon. Das Kind wird mittlerweile in der Kinderschutzambulanz der Dattelner Kinderklinik therapiert. Auf Drängen der Eltern schalteten sich im Frühjahr das Jugendamt und die Caritas-Erziehungsberatungsstelle ein, es gab zudem einen Info-Abend zur Sexualerziehung von Kindern. Man habe darüber hinaus versucht, die Situation aufzuarbeiten, auch die Pfarrer Michael Ostholthoff und André Pollmann waren dazu eingeladen.

Vorwurf: Eltern mit Ängsten und Sorgen allein gelassen

„Die Betroffenen haben eine gute Beratung erfahren“, betont Iris Hillenbrand, Verbundleiterin und damit Verantwortliche für einen Teil der zehn katholischen Kitas in Haltern. Doch Eltern widersprechen: Leiterin Bärbel Stelmaszyk und Kindergarten-Verbundleiterin Iris Hillenbrand hätten vielmehr versucht, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren – aus Angst um den guten Ruf der Einrichtung. Letztlich habe die Kita-Leitung die verzweifelten Väter und Mütter mit ihren Ängsten und Sorgen allein gelassen. Vor der Öffentlichkeit blieb das Geschehen bislang verborgen.

Doch dann wurde das Kind, das selbst vor längerer Zeit Opfer einer sexuellen Handlung gewesen sein soll, ein zweites Mal übergriffig. Das führen Eltern auf eine Nachlässigkeit der Einrichtung zurück. Zwischen Eltern und Kita-Leiterin Bärbel Stelmaszyk vereinbarte erzieherische Konsequenzen seien am 10. Dezember ohne Absprache mit ihnen fallen gelassen worden, so der Vorwurf von Eltern. Verbundleiterin Iris Hillenbrand bestätigt das auf Nachfrage der Halterner Zeitung: Die engmaschige Begleitung des übergriffigen Kindes zur Toilette sei gelockert worden, weil man Kindern irgendwann wieder selbstständiges Handeln ermöglichen müsse. Auf der Toilette kam es erneut zum sexuellen Übergriff. „Was geschehen ist, sag ich zum Schutz der Kinder natürlich nicht. Aber wir haben den Familien ans Herz gelegt, Psychologen aufzusuchen.“ Es handele sich um einen besonderen Fall, gab sie zu, der besondere Fragen aufwerfe. Grundsätzlich müsse man aber auch abwägen, was im Bereich eines Übergriffes oder kindlicher Neugier liege. Sie betonte jedoch, die Betroffenen bekämen jegliche Hilfe und Unterstützung. Das Jugendamt agiere dabei als Beratungs- und Aufsichtsbehörde und sehe die Vorgehensweise der Kita als richtig und sinnvoll an.

Jugendamt führt Gespräche mit allen Beteiligten

Das städtische Jugendamt hält sich mit Äußerungen sehr zurück und verweist auf seine Pflicht, die Kinder schützen zu müssen. „Wir kümmern uns und haben ein hohes Interesse daran, eine gute Lösung zu finden“, sagte Jugendamtsleiter Gisbert Drees gegenüber der Halterner Zeitung. Mehr wollte er nicht sagen. Es würden Gespräche mit allen Beteiligten geführt, „sachlich und fachlich“. Auch nach einem wiederholten Treffen im Kindergarten am 17. Dezember bleibt das Jugendamt einsilbig. Es sei im Einvernehmen mit Bürgermeister Bodo Klimpel Stillschweigen vereinbart worden, erklärte Stadtsprecher Georg Bockey auf wiederholte Nachfrage.

Am 18. Dezember ließ Verbundleiterin Iris Hillenbrand einen Elternbrief verteilen. Darin kündigt sie eine Elternversammlung im Januar an; die Einladung erfolgt nach der Weihnachtspause. In dieser Versammlung will sie erklären, wie die Kita und die katholische Kirchengemeinde als Träger mit den kindlichen Übergriffen umgehen. Darin bezieht sie sich allerdings nur auf den letzten Vorfall: „Verständlicherweise wünschen sich viele von Ihnen mehr Informationen darüber und wie wir seitens des Kindergartens und der Kirchengemeinde als Trägerin damit umgehen.“

Kindergarten-Leiterin beruft sich auf Schweigepflicht

Die Kindergarten-Leiterin selbst äußert sich öffentlich nicht zu den Vorfällen, sondern beruft sich auf ihre Schweigepflicht. „Über sie ist ein völlig falscher Eindruck entstanden. Sie hat sehr kompetent gehandelt“, stellt sich Iris Hillenbrand vor ihre Kollegin. Aus Sicht einiger Eltern hat aber bis heute kein ehrlicher Umgang mit den Vorfällen stattgefunden, stattdessen sei zu spät und immer nur auf Initiative von Eltern gehandelt worden. Deshalb wandten sie sich am 18. Dezember mit einem Brief an den Münsteraner Bischof Felix Genn.

„Wir hätten uns grundsätzlich von Anfang an ein ehrliches Miteinander aller gewünscht, um so die Situation zu entschärfen“, sagt ein Vater. Die Ernsthaftigkeit gegenüber den Eltern aber hätten sie vermisst. Im Gegenteil, sie seien in ihrer Sorge als hysterisch hingestellt worden. Derzeit haben einige Eltern die Betreuungszeiten ihrer Kinder drastisch reduziert oder lassen die Kinder komplett aus der Einrichtung. Das Kind, das übergriffig geworden ist, besucht weiterhin die Kita. „Beteiligte Kinder sollen sich durchaus weiterhin begegnen können“ sagt Juristin, Erziehungswissenschaftlerin und Autorin Ulli Freund aus Berlin, die Prävention von sexueller Gewalt zu ihrem Beruf gemacht und zahlreiche Fachbeitrage veröffentlicht hat, auf Nachfrage. Vorausgesetzt, die pädagogischen Fachkräfte haben die Möglichkeit, auf übergriffige Kinder Einfluss zu nehmen und sie zu kontrollieren. Transparenz sei allerdings immer das oberste Gebot. „Eine Einrichtung läuft bei mangelnder Kommunikation Gefahr, das Vertrauen von Eltern zu verlieren“, betont Ulli Freund. Nur wenn ein Kind nach einem sexuellen Übergriff erlebe, dass so ein Vorfall nicht übergangen oder bagatellisiert werde, stelle diese Erfahrung für die Zukunft einen gewissen Schutz vor sexuellem Missbrauch dar. Ein übergriffiges Kind wiederum müsse erfahren, dass solches Verhalten kein Spaß sei. Entscheidend ist, dass von Anfang an auf Übergriffe reagiert wird“, sagt die Wissenschaftlerin.

Schilderungen des betroffenen Kindes in Ruhe anhören

Die Belastung durch einen sexuellen Übergriff unter Kindern könne durchaus variieren, sagt Dr. Michele Cagnoli, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Haardklinik. Wichtig sei, die Schilderungen des betroffenen Kindes in Ruhe anzuhören, ebenso ruhig zu beraten und dann zu agieren. Eltern seien natürlich in Sorge und erwarteten Hilfe. Grundsätzlich sei ein behutsamer Umgang zum Schutz des Kindes anzuraten. Dr. Cagnoli: „Kinder haben gute Selbstheilungskräfte und können solche Situationen vergessen, genauso aber können sie ein Trauma erleiden. Die Bandbreite ist je nach Veranlagung des Kindes groß.“ Ein Kind, das Auffälligkeiten zeige, müsse auf jeden Fall in Therapie.

Auch das übergriffige Kind brauche Hilfe. Gemeinsam mit den Eltern müsse, so Dr. Cagnoli, beharrlich und konsequent, jedoch nicht panikartig nach einem Weg gesucht werden, damit das Kind lerne, dass sein Verhalten kein Spaß ist.

Lesen Sie jetzt