Aus dem Kriegerdenkmal in Lippramsdorf wurde ein Mahnmal gegen alle Formen von Gewalt. © Schrief
Erneute Diskussion

Schande oder Ehre? – Debatte über das Mahnmal in Lippramsdorf

Die Diskussion um das Lippramsdorfer Mahnmal flammt wieder auf. „Es ist eine Schande, keine Ehre“, sagt Alfons Bomholt. Der Schützenverein und die Stadt reagieren auf diese markigen Worte.

Alfons Bomholt weiß, dass er provoziert. Aber zum 8. Mai, dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wolle er zunehmendem Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus etwas entgegen setzen. Am Mahnmal in Lippramsdorf statuiert er ein Exempel: Es ist seiner Meinung nach absolut unpassend für eine Erinnerungskultur. Das Mahnmal stellt Soldaten mit Handgranaten in der Hand auf dem Weg zum Kampf dar.

„Nach dem Ende des Krieges dauerte es lange, bis eine ehrliche, offene Auseinandersetzung mit der Geschichte stattfand. Die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker war das Ergebnis eines langen Diskurses, der schließlich zu einer Änderung der Erinnerungskultur führte“, sagt Alfons Bomholt. Weizsäcker sprach in seiner damaligen Rede zum 8. Mai vom „Gedenken in Trauer an alle Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft“. Hintergrund waren in den 1990er-Jahren die Recherchen über die Verbrechen der Wehrmacht.

„Ein Stück Zeitgeschichte, kein Ehrenmal“

Was Alfons Bomholt ärgert: „Es gab Bestrebungen, dieses Ehrenmal durch ein angemessenes Mahnmal zu ersetzen, in dem auch der zivilen Opfer, der Zwangsarbeiter und der Opfer des Terror-Regimes gedacht wird. Die Bestrebungen waren erfolglos.“ Das Denkmal sei ein Stück Zeitgeschichte, aber kein Ehrenmal. „Hier werden bis heute nationalsozialistische Kultur und kriegsverherrlichende Denkweisen gewürdigt.“ Dieses Denkmal sei eine Schande für Haltern.

Dem widerspricht die Stadt. „Es handelt sich um ein Mahnmal für die Vertriebenen und Gefallenen. Das macht die dazugehörige Namenstafel klar deutlich“, sagt Bürgermeister Andreas Stegemann. „Das Mahnmal ist wichtig, da es uns die Vergangenheit vor Augen führt, um daraus zu lernen und den Verstorbenen zu gedenken.“

„Nie ist gesagt worden, der Ort sei der Reden nicht würdig“

Norbert Vierhaus, 1. Vorsitzender des Schützenvereins Lippramsdorf, sagt aus persönlicher Sicht: „Am Denkmal gab es beeindruckende Reden von Bürgermeistern und deren Stellvertretern, die der zivilen Opfer aller Kriege und Unruhen gedachten. Ich habe bei allen Reden, bei denen ich zugegen war, keine Unmutsäußerungen der Bevölkerung gegen die Inhalte der Reden erfahren und mir ist noch nie gesagt worden, dass der Ort für solche Reden nicht würdig ist. Dieses Denkmal ist, auch wenn die Inschriften etwas anderes vermuten lassen, nicht nur ein Ehrenmal, es ist vielmehr ein Mahnmal. Es darf nie wieder Aggression von diesem Grund und Boden ausgehen. Das sagt mir dieses Denkmal.“

Es gibt alte Protokolle, die die Geschichte des Mahnmals dokumentieren. 1922 beschloss der damalige Kriegerverein Lippramsdorf, mit einem Ehrenmal der gefallenen Soldaten des 1. Weltkrieges zu gedenken. Aus einem Fonds sollte das Vorhaben finanziert werden, doch der fiel dann der Inflation zum Opfer. Es vergingen einige Jahre, bis 1932 schließlich sechs Künstler Entwürfe erarbeiteten und öffentlich ausstellten. Zwei Jahre später kaufte der Kriegerverein einen „Kriegerdenkmalsplatz und zwar das Föckersche Brink“. Noch im selben Jahr wurde der Bauantrag gestellt. Der Entwurf einer beauftragten Stadtlohner Firma stellte zwei Soldaten dar, die ihren toten Kameraden zu Grabe tragen. Der Kulturgauwart lehnte diesen Entwurf jedoch 1936 ab.

Jugendliche veranlassten Anbringung weiterer Tafel

Die Nationalsozialisten forderten einen neuen Vorschlag, er wurde 1938 realisiert. Das Denkmal steht bis heute. 1951 debattierten Lippramsdorfer über einen Abriss. Ausgangspunkt war die Frage, wie man der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges gedenken und diese ehren könne. Am Ende entschloss man sich, das Mahnmal um Namenstafeln der Gefallenen beider Weltkriege zu ergänzen.

Diese Tafel wurde 1985 ergänzend aufgestellt.
Diese Tafel wurde 1985 ergänzend aufgestellt. © Schrief © Schrief

1985 stellten Jugendliche der evangelischen Kirchengemeinde einen Antrag an den Rat, eine weitere Tafel anzubringen. Ihre Begründung: „Wir verstehen die Aussage der Figuren leicht als kriegsverherrlichend“. Daraufhin wurde eine weitere Tafel angebracht: „Die Opfer des Krieges mahnen: Trauert um uns, wahrt Frieden und öffnet Eure Hände zur Versöhnung mit allen Völkern.“

Das Mahnmal in Lippramsdorf ist im städtischem Besitz, um die Pflege kümmert sich der Baubetriebshof. Ergänzend ist außerdem der Schützenverein involviert, der das Mahnmal im Vorfeld von besonderen Anlässen, wie dem Volkstrauertag, reinigt.

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Elisabeth Schrief

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