Schädelfund in Haltern: Was Knochen Experten verraten - und was nicht

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Jugendliche haben am Mittwoch im Wesel-Datteln-Kanal einen Schädel gefunden. Fachleute untersuchen ihn derzeit. Maximilian Hagen, Rechtsmediziner in Münster, erklärt das Vorgehen.

Haltern

, 08.06.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der am Mittwoch von Jugendlichen im Kanal gefundene Schädel ist von der Polizei in die Gerichtsmedizin zu weiteren Untersuchungen gebracht worden. Wer genau mit der Analyse befasst ist, teilt die Polizei nicht mit. Das Verfahren ist aber überall ähnlich.

Maximilian Hagen (30), Arzt am Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Münster, erklärt, wie er und seine Kollegen in solchen Fällen vorgehen. Der Mediziner ist seit vier Jahren am Münsteraner Institut und hat sich in dieser Zeit auf Knochenfunde spezialisiert.

Was ist der erste Schritt, wenn man einen Schädelknochen vor sich hat?

Zunächst schaut man sich den Schädel makroskopisch, das heißt mit dem bloßen Auge, an. Sind Verletzungen zu sehen? Wie viel Weichgewebe ist noch vorhanden? Daran lässt sich gut ablesen, welche Verletzungen vor dem Tod zugefügt worden oder möglicherweise erst nachher entstanden sind. Beim Auffinden im Kanal könnten zum Beispiel Wunden durch Schiffsschrauben zu sehen sein. Wenn an den Wundrändern keine Einblutungen zu sehen sind, dann ist die Verletzung erst nach dem Tod entstanden. Mit Gewebe ist die Chance auch relativ hoch, dass man noch Zellmaterial und somit auch Erbgut, sprich DNA, extrahieren kann.

Die Polizei glaubt, dass der Schädel schon sehr lange im Wasser gelegen hat. Das spricht gegen viel Weichgewebe an den Knochen. Was macht man dann?

In dem Fall kann man versuchen, anhand des Zahnstatus Erkenntnisse über die Person zu erlangen. Wie gut sind die Zähne erhalten? Sind sie möglicherweise überkront? Ein Zahnstatus erfordert aber, ebenso wie DNA, ein Vergleichsmuster. Da es keine allgemeine Zahnarzt-Datenbank gibt, fragen wir die Polizei, ob sie von möglichen vermissten Personen den Zahnstatus beschaffen kann.

Kann man anhand des Schädels sehen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt?

Ohne Weichgewebe ist die Bestimmung des Geschlechts nur schwer möglich. Man hat zwar Untersuchungen an Schädeln aus aller Welt gemacht, um die anatomischen Strukturen abzugleichen und daraus eine Systematik zu entwickeln. Um sie anzuwenden, braucht man aber sehr, sehr viel Erfahrung in der Untersuchung von Schädeln. Und selbst dann muss das Ergebnis nicht stimmen.

Ist in den Knochen auch DNA-Material zu finden?

Wenn der Schädel noch Zähne hat, ist der große Backenzahn ein guter Kandidat für DNA. Aufgrund seiner Größe ist er ziemlich unempfindlich gegenüber äußeren Einflüssen, aus ihm lässt sich Genmaterial extrahieren. Auch am Hinterkopf wäre es möglich, dort ist die Knochenstruktur am stärksten.

Das ist nicht der im Kanal gefundene Schädel. Er könnte jedoch ähnlich aussehen. Dieser wurde 2016 bei Friedhofsausgrabungen in Sachsen gefunden.

Das ist nicht der im Kanal gefundene Schädel. Er könnte jedoch ähnlich aussehen. Dieser wurde 2016 bei Friedhofsausgrabungen in Sachsen gefunden. © picture alliance / Daniel Bockwo

Gibt der Schädel Informationen darüber, wie lange er im Wasser gelegen hat?

Nur anhand des Knochens lässt sich das nicht bestimmen. Zumindest machen wir das nicht. Es spielen eher äußere Faktoren eine Rolle, wie zum Beispiel Pflanzenbewuchs.
Frische Knochen werden übrigens recht selten gefunden. Man denkt dabei in Intervallen von 50 Jahren. Wenn Knochen länger als 50 Jahre gelegen haben, sinkt die Relevanz für die Polizeiarbeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mögliche Täter findet, ist dann eher gering.

Wie oft haben Sie mit gefundenen Knochen oder Schädeln zu tun?

Ich mache hier im Institut allein zwischen 10 und 20 Gutachten pro Jahr hinsichtlich Knochenmaterial, die Aufträge meiner Kollegen nicht mit eingerechnet. Davon ausgenommen sind auch die Fälle, in denen die Polizei mit einzelnen Knochen zu uns kommt und wir sehr schnell sehen können, dass es sich um Tierknochen handelt.

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