Pater Neuenhofer berichtet aus La Paz: Kinder sterben auf der Straße

dzArco Iris in Corona-Zeiten

Pater Josef Neuenhofer, der sich um Straßenkinder in La Paz kümmert und von Halternern unterstützt wird, weilt nach überstandener Corona-Infektion in Deutschland. Er erzählt Erschütterndes.

Haltern

, 01.11.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Alle zwei Jahre kommt Josef Neuenhofer zu Besuch in die Seestadt, berichtet in Gottesdiensten und Schulen über die Situation in der bolivianischen Hauptstadt La Paz und von seinen Projekten. Wegen Corona beschränkt sich der 83-Jährige diesmal allerdings auf wenige Stationen wie Aachen. Wir haben am Telefon mit ihm gesprochen.

Es gibt in La Paz Kindergärten, Schulen, Werkstätten und Menschen, die es gut mit ihnen meinen: Für Straßenkinder in der Millionen-Metropole La Paz, der in 4000 Metern Höhe liegenden Hauptstadt Boliviens, ist die von Pater Josef Neuenhofer gegründete Fundacion Arco Iris auf ihrer Flucht vor Armut und Gewalt die einzige Überlebenschance. Seit 1993 lebt und hilft der deutsche Priester in Bolivien, seit fast genauso langer Zeit wird er von Halternern finanziell unterstützt.

Pater Neuenhofer hat gerade Corona überstanden

Pater Neuenhofer hat gerade Corona überstanden. „Ich war sehr krank und musste auch auf die Intensivstation. Aber jetzt bin ich wieder gesund“, sagt er mit kräftiger Stimme. „Seinen“ Kindern allerdings geht es nicht gut. Die Straßenkinder verhungern seit Ausbruch der Corona-Pandemie in der Öffentlichkeit, außer Arco Iris hilft ihnen niemand. Eine Mutter hat in ihrer Panik vor dem Hungertod erst ihre fünf Kinder und dann sich selbst vergiftet. „Das war besonders schmerzlich und traurig“, sagt Pater Neuenhofer. Zweimal in der Woche verteilt Arco Iris Lebensmittelpäckchen an 1250 Straßenkinder. „Aber leider können wir nicht alle retten.“

Nils Freundt war 2013 als Freiwilliger in La Paz/Bolivien - so wie weitere junge Menschen aus Haltern vor und nach ihm auch.

Nils Freundt war 2013 als Freiwilliger in La Paz/Bolivien - so wie weitere junge Menschen aus Haltern vor und nach ihm auch. © Foto privat

Seit Corona haben die Straßenkinder von heute auf morgen ihre Einkünfte verloren. Sie überleben normalerweise mehr schlecht als recht als Schuhputzer oder Lastenträger beispielsweise. „Jetzt sind sie arbeitslos und brotlos“, beschreibt Pater Neuenhofer die Situation.

Krankenhaus ließen die Infizierten vor den Türen sterben

Wer krank wird, ist ohnehin verloren. „Ärzte hatten anfangs keine Schutzkleidung, Krankenhäuser keine Beatmungsgeräte. Die Infektionsrate war deshalb gerade am Anfang extrem hoch. Auch gute Ärzte sind gestorben“, erzählt der 83-Jährige. Krankenhäuser nahmen aus Angst keine Patienten mehr auf, Ärzte verweigerten die Behandlung. Patienten starben unbehandelt auf der Straße. Mittlerweile sei die Versorgung besser, berichtet Pater Neuenhofer.

In den Häusern von Arco Iris steckten sich ebenfalls Kinder und Jugendliche sowie Personal an. Seine 6300 Familienmitglieder, wie der Priester sie nennt, werden von 181 Angestellten betreut: Von Lehrern, Erziehern, Psychologen, Handwerkern, Köchen, Hilfskräften und Ärzten. Zu den Personalkosten kommen Ausgaben für Kleidung, Schuhe und Schulmaterialien hinzu. Aktuell werden 1300 junge Menschen alphabetisiert, „das ist der schnellste und beste Weg aus Armut und Versklavung“, sagt der 83-Jährige.

Ohne Spenden ist die Arbeit nicht zu leisten

Ohne Spenden sei das alles nicht zu schaffen, betont Pater Josef Neuenhofer. Deshalb seit er noch einmal wieder in Deutschland auf Betteltour, obwohl er damit aus Altersgründen schon 2016 Schluss machen wollte.

Er kann nicht loslassen. „Unsere Kinder gehören niemandem, sie haben eine traumatisierte Kindheit erlebt ohne Liebe und Geborgenheit“, Pater Neuenhofer will die „Wegwerf-Kinder“ wie sie in Bolivien genannt werden, nicht im Stich lassen. „Ich bin in La Paz glücklich und möchte auch wieder nach Bolivien zurück. Es sei eine glückliche Fügung gewesen, dass sein Dienst ihn dort hingeführt habe. Täglich sei er bei seinen Schützlingen in den Projekten, auf den Straßen, unter den Brücken. „Das ist für mich Erfüllung.“

Die Projekte von Arco Iris

Eines der ersten Projekte, die Pater Neuenhofer ins Leben rief, war das Mädchenheim Hogar Niñas Obrajes. Hier leben bis zu 120 Mädchen und junge Frauen, die viel körperliches und seelisches Leid erfahren haben. Das Jungenwohnheim Casa Esperanza beherbergt bis zu 70 Straßenkinder im Alter von 10 bis 18 Jahren. Das Heim ermöglicht schulische und handwerkliche Bildung. Im Casa Refugio leben 20 minderjährige schwangere Frauen und Mütter. Diese werden sozial und psychologisch unterstützt und in eine Ausbildung gebracht. Das Apoyo social familiar unterstützt mehr als 100 Familien, die in extremer Armut leben. Das Centro Betaña bietet Kindern aus armen Familien Unterstützung in schulischen Anforderungen und versorgt sie mit gesundem Essen. Das Projekt Centro Penitenciarias („Zentrum Zuchthaus“) hilft Kindern, die bei inhaftierten Eltern leben. Das Casa de Paso ist ein Zentrum für Hunderte obdachloser Kinder. Sie bekommen Mittagessen, können dort duschen und Wäsche waschen und sie werden unterrichtet. Das Streetworker-Projekt„Calle“ richtet sich an Kinder und Jugendliche, die in La Paz auf der Straße leben, sei es als Waisenkinder, als Ausgestoßene oder als Flüchtlinge vor familiärer Gewalt. Das Projekt „Trabajadores de la Calle“ arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, die sich ihren Lebensunterhalt als (Gelegenheits-) „Arbeiter auf der Straße“ verdienen. Neu ist ein Sparprogramm, damit die Kinder kleine Rücklagen bilden können. Apoyo Pedagógico: An der „Pädagogischen Unterstützung“ nehmen 140 Kinder und 40 Erwachsene teil. Sie beinhaltet Hausaufgabenbetreuung, Alphabetisierungs-, Computer- und Internetkurse. Im Kindergarten Ceiku werden Kinder von jungen Müttern betreut, die tagsüber auf der Straße arbeiten. In der „Handwerkstätte“ Talleres Ocupacionales können Straßenkinder ihre Fähigkeiten und Talente ausprobieren. Das Projekt „Ex-Beneficiarios“ betreut ehemalige Zöglinge der Sozialprojekte von Arco Iris. Da viele der „Ehemaligen“ keine Familie haben, ist es oft deren einzige Anlaufstelle, um Hilfe zu erhalten. Das Hospital Arco Iris hat 100 Betten. Dazu gehören eine Apotheke, Psychologie- und Physiotherapie-Praxis. Die Unidades Productivas sind Werkstätten, in denen ehemalige Straßenkinder eine Berufsausbildung erhalten. Das Spendenkonto: Verein zur Förderung der Straßenkinder in Bolivien e. V., IBAN: DE62 6425 0040 0000 0960 69, BIC: SOLADES1RWL, Kreissparkasse Rottweil
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