Er war zugezogen und auch noch evangelisch - doch das tat Heinrich Rumpfs Karriere keinen Abbruch: Er machte die gleichnamige Nagelschmiede zum Symbol des Wirtschaftsaufschwungs in Haltern.

Haltern

, 26.04.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Heinrich Jacob Rumpf am 10. Juli 1828 in Leun an der Lahn (Hessen) geboren wurde, ahnte noch niemand, dass aus dem Bauernsohn einmal ein erfolgreicher Unternehmer und angesehener Bürger Halterns werden würde.

Zunächst machte der junge Mann eine Ausbildung zum Schmied und zog anschließend als Wandergeselle umher. Vermutlich kam er bei einer dieser Arbeitsreisen nach Lünen und lernte dort seine spätere Ehefrau Elisabeth kennen. Drei Söhne und sechs Töchter gingen aus der Ehe hervor, wie der Halterner Chronist Ulrich Backmann im Halterner Jahrbuch von 2011 schreibt.

1851 zog das Ehepaar nach Haltern, im selben Jahr gründete Rumpf die Nagelschmiede. Wie der Stadtarchivar Gregor Husmann schreibt, war Rumpf einer der ersten 30 evangelischen Neubürger in Haltern. Für die Erlöserkirche fertigte sein Betrieb 1912 sogar eines der großen, bunten Kirchenfenster an.

Haltern wollte ein Stück vom Kuchen abhaben

„Ein reges Industriestädtchen“ hätte aus Haltern Mitte des 19. Jahrhunderts werden können, wenn es nach dem Willen der Stadtväter gegangen wäre. Sie boten einem Bochumer Unternehmer sogar ein verkehrsgünstig gelegenes Gelände an, nahe der Lippe und der heutigen B 51. Dort sollte er eine Eisenhütte gründen. Eisen war „der“ Werkstoff jener Zeit. Die Industrialisierung begann, und Haltern wollte ein Stück vom Kuchen abhaben. Doch der Unternehmer wählte das benachbarte Dülmen als Standort aus, weil dort dringend Arbeitsplätze benötigt wurden.

Die farblich abgesetzte Fläche auf dem Luftbild zeigt in etwa den damaligen Standort der Nagelschmiede Rumpf.

Die farblich abgesetzte Fläche auf dem Luftbild zeigt in etwa den damaligen Standort der Nagelschmiede Rumpf. © www.blossey.eu

Mit seinen 2000 Einwohnern war Haltern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschaulich und ländlich, mit handwerklichen Kleinbetrieben, die jedoch nicht das Geld für größere Investitionen besaßen. Sparkassen spielten bei der Finanzierung zu dieser Zeit noch eine untergeordnete Rolle.

Heinrich Rumpf gründete daher 1851 die Nagelschmiede als Kleinbetrieb, wo er mit lediglich zwei Gehilfen Nägel herstellte. Sie wurden für die Verwendung in Schuhen, Latten und auf Schiffen produziert. Der Sitz des Betriebes sei am Disselhof, auf der Rückseite des heutigen Textilgeschäftes Heckmann, gewesen, schreibt Stadtarchivar Gregor Husmann in seinen Ausführungen zur Industriegeschichte in Haltern. Die Entwicklung der Nagelschmiede von einem kleinen Handwerksbetrieb in ein großproduzierendes Unternehmen sei beispielhaft für die Zeit gewesen.

Der Briefkopf der Firma Rumpf aus dem Jahr 1878. Die rauchenden Schlote sollen Vollbeschäftigung und Prosperität demonstrieren.

Der Briefkopf der Firma Rumpf aus dem Jahr 1878. Die rauchenden Schlote sollen Vollbeschäftigung und Prosperität demonstrieren. © Archiv Backmann/Repro Bärwald

Zehn Jahre später wurden in der Schmiede die ersten Grubenschienennägel angefertigt - von Hand. Durch den stetig expandierenden Bergbau und den immer größeren Bedarf wuchs das kleine Unternehmen auf 40 Mitarbeiter bis zum Jahr 1880. Doch bald schon musste Rumpf einen Großteil seiner Mitarbeiter entlassen, weil ein Konkurrent die Nägel maschinell herstellen konnte. Heinrich Rumpf blieben noch sechs Angestellte.

Der Kopfbogen der Firma zeigt 1915 ihren patentierten Sicherheitsnagel. Die Nägel fanden speziell in Grubenbetrieben bei der maschinellen Streckenbeförderung Verwendung und wurden in die ganze Welt versandt.

Der Kopfbogen der Firma zeigt 1915 ihren patentierten Sicherheitsnagel. Die Nägel fanden speziell in Grubenbetrieben bei der maschinellen Streckenbeförderung Verwendung und wurden in die ganze Welt versandt. © Archiv Backmann/Repro Bärwald

Doch in den 1890er-Jahren wurde im Ruhrgebiet mehr Wohnraum gebraucht. Das kurbelte den Umsatz der Nagelschmiede an. Sie fertigte ab 1885 sogenannte Nägel mit „Ohren“ an. Diese wurden in den Schienen eingesetzt, auf denen Loren Erdmassen vom Aushub beförderten. Diese Nägel konnten durch die spezielle Fabrikation mit Ohren leicht herausgezogen werden.

1896 beschäftigte Rumpf durch diesen „Verkaufsschlager“ bereits wieder 60 Arbeiter, alles wurde auf industrielle Großproduktion ausgelegt. 1900 waren 70 Menschen dort beschäftigt, diese Zahl habe sich um die Jahrhundertwende konstant auf diesem Niveau bewegt, wie Gregor Husmann schreibt. Die Fabrik wurde ausgebaut, was in der Folge zu Beschwerden über eine erhöhte Umweltbelastung führte - Anwohner fanden, der Qualm aus dem Schornstein verruße die Landschaft. Eine Initiative, die zu dieser Zeit kein Gehör fand.

1912 arbeiteten 64 Menschen in der Nagelschmiede, während des ersten Weltkrieges stieg die Zahl auf 88. 1920 waren 50 Maschinen in Betrieb. Auf diesen konnten Schienennägel und Nieten in allen Formen und Größen hergestellt werden.

Kinder schätzten das warme Kühlwasser zum Spielen

Kleine Anekdote am Rande: Das warme Wasser von der Kühlung eines Gasmotors floss in den Rinnstein auf dem Disselhof und wurde von den Kindern der dortigen Anwohner sehr geschätzt, berichtet Stadtarchivar Gregor Husmann.

1924 siedelte die Fabrik in eine eigens errichtete, große Halle auf dem Ikenkamp um. Mittlerweile führte den Betrieb Heinrich Rumpf, der Enkel des Firmengründers. Doch schon 1927 war Schluss: Neben der nachlassenden Konjunktur und zunehmendem Konkurrenzdruck war ein gescheitertes Überseegeschäft wohl der Grund dafür, dass der Betrieb Konkurs anmelden musste. Etwa 100 Arbeiter verloren ihre Jobs. Der Chef selbst soll seine Arbeiter aber bis zum Schluss ordentlich bezahlt haben und selbst in den Ruin gegangen sein.

Unternehmensgründer erlebte den Fall nicht mehr

Heinrich Rumpf, der von 1886 bis 1897 Mitglied der Stadtverordneten-Versammlung war, erlebte den Niedergang seines Unternehmens nicht mehr. Er starb am 28. August 1914 und wurde in der Familiengruft auf dem evangelischen Friedhof an der Holtwicker Straße beigesetzt. In Haltern wurde eine Straße nach ihm benannt. Sie verläuft parallel zwischen der Reinhard-Freericks- und der Lavesumer Straße.

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