NS-Zeit in Haltern: Neues Buch räumt mit Mythos über NSDAP-Mitglied Bernhard Gerwert auf

NS-Zeit in Haltern

In einem neuen Buch beleuchtet der Autor Ortwin Bickhove-Swiderski die NS-Zeit in Haltern und entzaubert den Mythos um den Tod des Sythener Nazis Bernhard Gerwert.

Haltern

, 12.02.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
NS-Zeit in Haltern: Neues Buch räumt mit Mythos über NSDAP-Mitglied Bernhard Gerwert auf

Ortwin Bickhove-Swiderski, Buchautor aus Dülmen, schreibt in seinem neuen Buch über die Anfänge des NS-Zeit in Haltern. Neben ihm seine Verlegerin Gabriele Hillebrand vom Laumann Verlag. © Antje Bücker

Der 1956 in Recklinghausen geborene Autor Ortwin Bickhove-Swiderski arbeitet mit seinem 172 Seiten starken Werk „Die Anfänge der NS-Zeit in Haltern am See und der Fall Bernard Gerwert“ ein dunkles Kapitel Halterner Geschichte auf und räumt mit dem Mythos über Bernard Gewert auf. Das NSDAP-Mitglied aus Sythen sei nicht, wie behauptet, im politischen Kampf von Kommunisten erschlagen worden, sondern an einer Blinddarmentzündung gestorben.

Den Ehrensold kassierte Gerwerts Vater noch jahrelang zu Unrecht. Funktionäre der NSDAP in Dülmen legten sogar einen Denkmal-Grundstein für Gerwert. Den Fall des sogenannten Blutzeugen der Bewegung hat er historisch aufgearbeitet. Die Recherchen zu dieser Person waren der eigentliche Antrieb für das Buch.

Halterner NSDAP-Mitglieder wurden bundesweit als Helden gefeiert

Bickhove-Swiderski nennt darin die Verantwortlichen des NS-Regimes und geht der Frage nach den Opfern der Euthanasie nach, die es möglicherweise in Sythen gegeben hat. Wie viele andere wurden auch Halterner NSDAP-Mitglieder bundesweit als Helden gefeiert. In seinem Buch zeigt der Autor ein neues Bild der Täter, deren Verbrechen bekannt waren und dennoch nie geahndet wurden. Die Täter seien stattdessen oft auch nach dem Krieg nicht aus ihren Ämtern entlassen und sogar befördert worden.

Zur Person

Ortwin Bickhove-Swiderski

Der Gewerkschaftssekretär bei ver.di NRW ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Mitglied der SPD, im VS-Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Mitglied der VVN-Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, langjähriger Stadtverordneter in Dülmen und Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Dülmen. 2015 wurde er mit der Kulturplakette der Stadt Dülmen ausgezeichnet.

Gemeinsam mit Verlegerin Gabriele Hillebrand vom Laumann Verlag stellte Ortwin Bickhove-Swiderski sein Werk über die Entstehung der NS-Zeit in Haltern vor. Im Buch werden zudem führende NS-Köpfe aus Haltern, darunter Bürgermeister Carl Scheniut, Stadtbaurat Friedrich Illian und Parteigenosse Josef Korber porträtiert.

Noch vorhandene Akten und Zeitzeugnisse, die der Autor in mehr als vier Jahren Recherche zusammengetragen hat, wurden dazu erstmalig grundlegend ausgewertet. Dabei kamen auch bisher unbekannte Fakten zutage, berichtet Bickhove-Swiderski. So sei bekannt geworden, dass Parteigenosse Friedrich Illian Gründer der SS im Siegerland war und Josef Korber mit einer Beamtenurkunde Versorgungsansprüche nach 1945 durchgesetzt hatte.

Neues Bild der Täter gezeichnet

Bickhove-Swiderski schreibt über den SS-Mann Werner Hanemann, nach dem eine Straße von der Wuppertaler NSDAP benannt wurde und untersucht, warum für den SA-Mann Köster in Haltern kein Denkmal entstanden ist. Auch der Heimatforscher und Lehrer Phillip Schaefer sowie der Fraktionsvorsitzende der NSDAP im damaligen Halterner Stadtrat, Lehrer Wilhelm Heermann, werden anhand von NS-Akten in ein anderes Licht gerückt.

Ortwin Bickhove-Swiderski ist es ein besonderes persönliches Anliegen, in der heutigen Zeit wiedererstarkender rechter Parteien Aufklärung über die Naziverbrechen zu betreiben – auch über die vor der eigenen Haustür. „Wenn wir an die Macht kommen, schaffen wir alle Schulen ab, die Konzepte gegen Rassismus fahren“, zitiert er eine Aussage eines AfD-Mitglieds. Bickhove-Swiderski: „Arbeitsgemeinschaften wie die Waggon-AG der Alexander-Lebenstein-Realschule wird es dann nicht mehr geben. Aber es wird sich dann auch niemand mehr damit herausreden können, er hätte nichts gewusst!“

Ortwin Bickhove-Swiderski arbeitet bereits an einem Folgewerk, in dem der Fokus seiner Recherchen über das Naziregime auf den Ortsteilen von Haltern liegen wird. Dazu sucht er noch nach Dokumenten, Fotos und weiteren Zeitzeugnissen. Wer solche anzubieten hat, kann sich melden unter: Ortwin.Swiderski@gmx.de. Alle Angaben werden auf Wunsch anonym behandelt.

Autor liest im Paul-Gerhardt-Haus

Am 20. Februar (Donnerstag) wird der Autor im evangelischen Gemeindezentrum Paul-Gerhardt-Haus an der Reinhard-Freericks-Straße 17 ab 19:30 Uhr eine Lesung über die Nazizeit in Haltern halten. Er ist darüber hinaus gerne bereit, in Schulen, Altertums- und Heimatvereinen, bei Parteiveranstaltungen, etc. zu informieren. Das beim Laumann Verlag erschienene Werk kann ab sofort für 16,80 Euro in der Buchhandlung Kortenkamp erworben werden.

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