Nach Flügelbruch am Windrad soll der Rat Sicherheitsprüfung einfordern

dzWindenergie

Windkraftanlagen können ohne bundesweit einheitliche Kontrollen betrieben werden. Es gibt keinen TÜV wie beim Auto. Nach der Havarie in Haltern wird die Forderung nach mehr Sicherheit laut.

Haltern

, 30.04.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Windräder dürfen als Gesamtanlage ohne bundesweit einheitliche Kontrollen betrieben werden. Einen TÜV für diese Anlagen - wie bei Fahrzeugen - hält die Bundesregierung nicht für notwendig. Die etablierte Prüfsystematik sei ausreichend, hieß es nach einer Anfrage der FDP im Bundestag. Die Wählergemeinschaft in Haltern will nun das Thema an der Basis aufrollen.

In einem Antrag an den Rat fordert sie, die Verwaltung solle dazu auf Kosten der jeweiligen Betreiber eine Sicherheitsüberprüfung aller auf dem Stadtgebiet vorhandenen Windkraftanlagen einfordern. Die Stadt Haltern habe als Touristenstadt eine besondere Verpflichtung, die Gesundheit und Unversehrtheit ihrer Bürger und der Besucher sicherzustellen. Der Antrag wird nach Auskunft von Bürgermeister Bodo Klimpel demnächst im Rat erörtert.

Windrad-Genehmigung ist an Überprüfungen geknüpft

Genehmigungsbehörde für Windräder ist allerdings der Kreis. Dessen Sprecher Jochem Manz sagt dazu: „In jedem Genehmigungsverfahren verpflichtet sich der Anlagenbetreiber, in regelmäßigen Abständen sein Windrad überprüfen zu lassen, weil es keinen bundeseinheitlichen TÜV gibt.“

Was die WiKoNo-Betreibergesellschaft für die Sicherheit präventiv tut, erklärt Markus Nolte. Er ist mit Hubertus Koch Geschäftsführer der Gesellschaft. „Für alle Windräder werden Wartungsverträge abgeschlossen, darin ist neben der Reparatur auch eine regelmäßige Kontrolle der Betriebsdaten und der Funktionsfähigkeit der Bauteile enthalten.“

Jetzt lesen

Zwei Mal im Jahr würden vor Ort für mehrere Tage alle nach einem Wartungsplan festgelegten Bauteile geprüft. Daneben gebe es eine Unmenge an Sensoren, die alle möglichen Zustandsdaten der Anlage erfassen, zum Beispiel auch Schwingungen und Unwuchten, die Steuerung der Stellmotoren , die Netzspannung, Temperaturen oder Winddaten.

Gutachten zum Turm und zu den Rotorblättern

Diese Daten führen zu automatischen Regelungen der Anlage, so Markus Nolte. Bei Störungen werde sofort eine dauerhaft besetzte Fernüberwachung gewarnt, die am Computer direkt auf die Anlagen zugreifen könne und gegebenenfalls weitere Einstellungen vornehme. Der Wartungsdienst sei daran interessiert, dass die Anlage ständig in gutem Zustand laufe, weil bei Ausfallzeiten aufgrund von Reparaturen nicht nur die Reparatur selbst, sondern auch der Ertragsausfall von der Firma ersetzt werden müsse.

Jetzt lesen

Zusätzliche verpflichtende TÜV-Prüfungen gibt es laut Markus Nolte nur zum Beispiel für die Aufzugs- und Rettungsbauteile in der Anlage sowie für die elektrischen Schalteinrichtungen. Die Standsicherheit der Gesamtanlage ist zunächst für 20 Jahre vom Kreis genehmigt und wird zwischendrin aber nicht wieder überprüft. Dazu sagte Nolte: „Um die Entwicklung und den Zustand unseres Bauwerkes zu dokumentieren geben wir daher weitere Gutachten zum Turm und eben auch zu den Rotorblättern in Auftrag.“

TÜV fordert bundesweit einheitliche Prüfpflicht

Der Verband der Technischen Überwachungsvereine geht das nicht weit genug. Er fordert deshalb eine bundesweit einheitliche Prüfpflicht, wie sie auch für andere Industrieanlagen besteht.

Reparatur am Windrad

Sperrung der B 58 bleibt noch bestehen

Der Wind zerfetzte am 20. April das Rotorblatt eines Windrades an der Bundesstraße 58 in der Nähe des Annabergs. Als erste Maßnahme sperrten Feuerwehr und Polizei die Bundesstraße 58. „Das Risiko ist zu groß, dass weitere schwere Teile auf die Straße fallen“, sagte Werner Schulte, der Leiter der Halterner Feuerwache. Inzwischen ist der Kran aus Hannover eingetroffen, der für die Reparatur in 143 Metern Höhe benötigt wird. Solange aber die Reste vom Flügel nicht abgebaut sind - was aufgrund der Wetterverhältnisse aktuell nicht möglich ist - bleibt die Bundesstraße dicht. Der Verkehr wird über die Dorstener Straße umgeleitet. Wie lange die Sperrung noch dauert, ist ungewiss.

Der Bundesverband Windenergie spricht dagegen von „übertriebener Panikmache“, wie Top Agrar (landwirtschaftliche Fachzeitschrift) schreibt. Der Bundesverband spricht von zehn Unfällen pro Jahr, was bei rund 30.000 Windkraftanlagen sehr wenig sei. Für einen Windrad-TÜV sehe man keinen Grund.

Bürgerinitiative listet Unfälle in Deutschland auf

Den Zahlen widerspricht die Bürgerinitiative „Keine Windkraft in Emmerthal“. Sie führt eine Liste mit Unfällen (ohne Gewähr auf Vollständigkeit). Danach gab es in diesem Jahr bereits sieben Havarien, im Jahr 2019 insgesamt 19 und im Jahr davor 25. Es handelte sich dabei unter anderem um Brände und Abbrüchen von Flügeln.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt