Motorradlärm reduzieren? So denken Biker in Haltern darüber

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Für die einen ist der satte Sound eines Motorrads Erholung pur, andere fühlen sich vom Lärm genervt. Auch Biker denken hier nicht nur schwarz-weiß.

Haltern

, 26.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Stadt Haltern will den Motorradlärm auf den besonders belasteten Verkehrswegen Sythener Straße und Münsterstraße mithilfe von Plakaten drosseln („Laut ist out“). In der Eifel haben Kommunen die Initiative „Silent Rider“ (so viel wie „Stille Fahrer“) ins Leben gerufen. Es wird momentan viel über Motorradfahrer geschrieben. Das ist ein Grund mehr, mit ihnen das Gespräch zu suchen.

Keine Frage, das Krad fahren ist für viele mehr als nur ein Hobby, es ist eine Leidenschaft, die auch etwas über die Lebenseinstellung aussagt. So ist das wohl auch bei den Jungs vom Motorradclub Avanlache of Steel, die ihren Vereinssitz Am Ikenkamp in Haltern aufgeschlagen haben. Sie tragen Kutte, sehen ein bisschen unangepasst aus - und sind richtig nette Typen.

Ein Soft-Klang für Motorräder?

Weichgespülte Antworten sind nicht ihr Ding. Das merkt man an ihren Reaktionen, wenn es um die Frage geht, ob Motorräder künftig mit Soft-Klang unterwegs sein sollen. „Das ist die Vergewaltigung eines Fahrzeugs“, lässt einer der Mitglieder („Members“) heraus. Die meisten von ihnen nennen eine Harley Davidson ihr eigen. Dazu gehöre einfach der satte Sound.

Er ist so wichtig, dass er in Test-Berichten gleichberechtigt mit der Fahrdynamik genannt wird. So muss es nicht verwundern, dass in der Motorradwelt geräuschverstärkendes Sounddesign oder das Nachrüstung von Auspuffanlagen eine Rolle spielen. Deshalb werden wiederum die Einführung einer Schallobergrenze und die Einrichtung von Verkehrsruhezonen in Naturschutz- und Wohngebieten gefordert.

„Die Motorradfahrer“ gibt es nicht

Die Männer von Avalanche of Steel kultivieren nicht ihre eigene Parallelwelt, in der Motorenlärm über jede Kritik erhaben ist. „Die Leute in Sythen liegen in ihrem Garten und dann schüsseln andauernd irgendwelche Maschinen vorbei“, sagt einer der Biker. Der Zorn der Anwohner sei zu verstehen. „Wenn Rennmaschinen vorbeifahren, bekommt man Zahnschmerzen“, fügt ein anderer hinzu.

Diese Aussage macht deutlich: So wie es nicht die Deutschen oder die Autofahrer gibt, existiert auch keine homogene Gruppe der Motorradfahrer. Sie sind so vielfältig wie das Leben, Männer und Frauen, alt und jung, Genussfahrer, Tourenfahrer, Schrauber, sogar Blümchenpflücker sind dabei (das sind die, die selten über 80 km/h fahren).

„Es soll ja eine Förderung für E-Motorräder geben“, wirft einer der Jungs am Halterner Vereinsheim ein, was allgemeines Gelächter hervorruft. Ein Umsteigen kann sich ein echter Harley-Fahrer offensichtlich nicht vorstellen. Sie fühlen sich als Kradfahrer zu Unrecht an den Pranger gestellt. Lärmquellen stellten schließlich auch Pkw und vor allem Lkw dar.

Demonstration

Motorradfahrer treffen sich in Essen

Unter dem Titel „Für die Freiheit. Gegen Fahrverbote“ ist am Sonntag (5. Juli) ab 14 Uhr an der Grugahalle Messeplatz in Essen eine Demo geplant. Motorrad- und Pkw-Fahrer wollen gemeinsam auf ihre Interessen aufmerksam machen. Wer sich mit Avalanche of Steel beteiligen möchte, kann über die Facebook-Seite des Clubs Kontakt aufnehmen.

Sie gehen nicht davon aus, dass ihre Zweirad-Leidenschaft in absehbarer Zeit unter erheblichen Einschränkungen leiden wird. Dafür seien die Motorrad- und Automobil-Lobby zu einflussreich. Dass sie übrigens im Straßenverkehr als Kradfahrer gefährlicher unterwegs sind als die Autofahrer hat Gunther Berse, der ehemalige Präsident bei Avalanche of Steel, gerade leidvoll erfahren.

Er stand mit seinem Motorrad auf einer Linksabbiegerspur, als von hinten ein Autofahrer ungebremst auf sein Krad auffuhr.

Kradfahren ist mehr als ein Hobby

„Ich wurde 80 Meter mitgeschleift und wurde in einem Krankenhaus in Enschede wieder wach“, berichtet Gunther Berse von jenem Tag vor drei Monaten, der sein Leben veränderte. Dort sagte ihm der Arzt: „Das Bein muss ab.“

Zum Treffen mit seinen Jungs in Haltern, die ihren Club als Familie verstehen, ist er mit Prothese und Krücken gekommen. Er will nach vorne schauen. „Ich steige wieder auf eine Maschine“, sagt er. Die müsste für ihn umgebaut werden. Motorrad fahren, das ist für die meisten viel mehr als nur ein Hobby.

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