Maria 2.0: Frauen fordern von der Kirche mehr als die eigene Gleichberechtigung

dzGlaubenswoche

Das Gespräch über die Rolle der Frau in der katholischen Kirche anlässlich der Glaubenswoche in Haltern war spannend. Die Vertreterinnen von Maria 2.0 kämpfen nicht nur für die eigene Sache.

Haltern

, 14.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Alibiveranstaltung, bei der schöne Floskeln ausgetauscht werden, sollte die Podiumsdiskussion am Donnerstagabend über die Rolle der Frau in der katholischen Kirche im Rahmen der Glaubenswoche in Haltern nicht werden. Das machte schon der provokante Titel der Veranstaltung „Kirche klingt gut, solange die Frauen schweigen!?“ deutlich.

Entsprechend groß war das Interesse an dem Austausch, zu dem die KFD Region Haltern mit Unterstützung von Pfarrer Michael Ostholthoff ins Zelt auf den Marktplatz eingeladen hatte. Die Mitbegründerinnen der Initiative Maria 2.0, Adelheid Kellinghaus und Andrea Voß-Frick, sowie Barbara Bruns als Bildungsreferentin des KFD Diözesanverbandes Münster, machten gleich zu Anfang deutlich, dass es nicht nur um die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche geht.

Frauen von Maria 2.0 haben umfassende Forderungen

Die Aktivistinnen wollen eine grundlegende Erneuerung der Kirche anstoßen und setzen sich auch für andere ausgegrenzte Personengruppen wie Homosexuelle oder Geschiedene ein. Wie weit sie in ihren Überlegungen gehen, erläuterte Adelheid Kellinghaus: „Brauchen wir überhaupt Weiheämter und ein hierarchisches System?“ Letztlich sei die heutige Kirchenstruktur eine Monarchie. Deshalb fordern die Frauen einen strukturellen Wandel.

Von erzkonservativen Amtsträgern in der Kirche werden die Unterstützerinnen von Maria 2.0 deshalb als „Spalterinnen“ beschimpft. Ihre Gesprächspartner auf dem Podium in Haltern sehen dagegen, dass sie sich für das Wohl und die Zukunft der Kirche einsetzen. Der ehemalige Weihbischof Dieter Geerlings, der innerhalb der Kirche als Mann mit eigenem Kopf bekannt ist, sprach sogar von „einer Unterstützung für das Lehramt“.

„Die angestoßene Diskussion lässt sich nicht aufhalten“

Prof. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, betonte auch aus Sicht des Kirchenhistorikers, dass sich die angestoßene Diskussion um die Reform der Kirche nicht mehr aufhalten lasse. Auch der dogmatische Satz von Johannes Paul II., die Kirche habe „keine Vollmacht“, Frauen die Priesterweihe zu spenden, ändere daran nichts. Vor 25 Jahren wollte das Kirchenoberhaupt so jede Diskussion zum Frauenpriestertum beenden.

Thomas Sternberg, der den synodalen Weg (die Debatte über Machtstrukturen, priesterliche Lebensform, Sexualmoral und die Rolle der Frau in der Kirche) federführend begleitet, warnte jedoch vor zu großen Erwartungen. „Bitte erwecken Sie nicht die Vorstellung, im nächsten Jahr würde die erste Frau zum Priester geweiht.“

Maria 2.0: Frauen fordern von der Kirche mehr als die eigene Gleichberechtigung

Das Interesse an der Diskussion über die Rolle der Frau in der katholischen Kirche war groß. © Silvia Wiethoff

Das Gespräch berührte auch das Thema Missbrauchsskandale in der Kirche. Sie waren die Ursache dafür, dass sich die Münsteraner Frauen auf den Weg gemacht haben, um die Institution von Grund auf zu verändern. „So viele Tränen in unserem Bistum, so viel Schuld, so viele Opfer, die noch nicht einmal die Sprache finden konnten“, sagte Dieter Geerlings in diesem Zusammenhang.

Frauen haben ihre eigene Sichtweise

Es wurde auch darauf hingewiesen, wie sehr sich das Bistum um Aufarbeitung der Fälle bemüht und durch Prävention weitere verhindern möchte. Hier allerdings wurden die Frauen von Maria 2.0 noch einmal sehr deutlich in ihrer Sichtweise. Zu sehr erfolgten Reaktionen immer noch aufgrund von öffentlichem Druck, erklärte Andrea Voß-Frick. Der Wandel sei deshalb nach wie vor nicht zufriedenstellend glaubwürdig.

In ihren Schlussworten drückten alle Teilnehmer der Diskussion ihre Zuversicht aus, dass die Kirche die Kraft hat, sich zu verändern und damit auch zukunftsfähig zu machen. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung vom Vokal-Ensemble unter Leitung von Thomas Schmillenkamp.

Nachgefragt bei Anne Lackner (KFD)

Anne Lackner von der KFD Region Haltern beantwortete am Freitag Fragen zur Veranstaltung „Kirche klingt gut - solange die Frauen schweigen!?“.

Wie sehen Sie die Veranstaltung?

Sie war, schon weil sie sehr gut besucht war, ein Erfolg. Wir konnten mit dem Thema viele Menschen ansprechen. Es sind zwar einige Fragen offen geblieben, aber das war in der Kürze der Zeit auch nicht anders zu erwarten. Die KFD fordert schon seit 40 Jahren eine frauengerechtere Kirche. Mit Unterstützung von Maria 2.0 haben wir den Verantwortlichen einmal mehr auf die Füße getreten.

Glauben Sie, dass eine solche öffentliche Diskussion Impulse für die angestrebte Reform der Kirche geben kann?

Das glauben wir auf jeden Fall. Bei den Beiträgen von Prof. Sternberg hat man gemerkt, dass unsere Anregungen beim synodalen Weg mit diskutiert werden sollen. Er stellte allerdings nicht in Aussicht, dass wir schon in den nächsten Jahren Frauen zu Priestern weihen werden. Aber wir Frauen haben deutlich gemacht, dass wir uns nicht für uns selbst einsetzen. Wir engagieren uns für die folgenden Generationen und letztlich auch für unsere Kirche.

Wie geht es mit Maria 2.0 in Haltern weiter?

Wir machen uns mit der nächsten Aktion „Frauen, worauf wartet ihr?“ stark. Dazu haben wir bei der Kirchenmeile am Samstag (14. September) unseren KFD-Stand. Da kann man Informationen und Purpurkreuze als Zeichen für eine geschlechtergerechte Kirche bekommen. Man kann sich bei uns auch in Unterschriftenlisten eintragen und Maria 2.0 unterstützen. Wir werden uns für das Thema weiter starkmachen. Nur weil wir kurzfristig nichts verändern können, wollen wir jetzt nicht anfangen zu schweigen.

KOMMENTAR

DIE KIRCHE HAT POTENZIAL FÜR EINE REFORM

Das war ein guter Abend für die katholische Kirche. Der Austausch über die Reformgedanken innerhalb der Institution im Rahmen der Glaubenswoche in Haltern hat gezeigt, dass das System dringend Veränderungen benötigt, wenn es nicht auseinanderfliegen soll. Es gibt aber Potenzial, sich von innen heraus zu erneuern. Zwar nahm an der Diskussion mit Dieter Geerlings lediglich ein ehemaliger geistlicher Amtsträger der Kirche teil (Pfarrer Michael Ostholthoff wirkte als Moderator). Doch das Wort des früheren Weihbischofs hat immer noch Gewicht. Er erklärte, dass der Schlüssel für eine Lösung in der Jetztzeit liege, Tradition und Vergangenheit spielten dabei keine Hauptrolle. Die Resonanz auf die Veranstaltung machte deutlich, dass die Gläubigen Interesse an Antworten haben, die den Reformstau, den Willen nach Veränderung und die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Kirche betreffen. Ein weiter so wie bisher kann es nicht geben.
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