Landschaftsökologe: „Mit den Giftraupen müssen wir leben lernen“

dzEichenprozessionsspinner

Er setzt nicht zuerst auf die Meisen, sondern auf andere tierische Feinde des Eichenprozessionsspinners. Ansonsten malt Niels Ribbrock von der Bio-Station des Kreises die Zukunft aber düster.

Haltern

, 29.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Eichenprozessionsspinner (EPS) mit seinen allergieauslösenden Gift-Haaren sorgt zurzeit in Haltern für Ärger. Bürger berichten über Haut- und Augenreizungen. Die Härchen sind je nach äußeren Bedingungen für Menschen und Tiere etwa ein Jahr lang gefährlich. Im Mängelmelder der Stadt sind fast täglich Meldungen zu sehen, die Nester des EPS zeigen.

Die Raupen sind ein Naturphänomen, das uns seit einigen Jahren begleitet. Und das wird wohl auch so bleiben, schätzt Niels Ribbrock, Landschaftsökologe bei der Biologischen Station des Kreises Recklinghausen in Dorsten-Lembeck.

In diesem Jahr hat allerdings die Witterung dem Eichenprozessionsspinner in die Karten gespielt. „Die Bedingungen waren gut bis durchschnittlich“, bilanziert Ribbrock. März und April waren relativ trocken, das seien gute Bedingungen gewesen für die Raupen. „Dauerregen mögen sie nicht so.“ Im Mai habe es zwar vereinzelt Spätfröste gegeben, aber die seien nicht so stark ausgefallen. Dadurch sei die Populationsentwicklung nicht eingeschränkt worden. „Es ist damit zu rechnen, dass viele Falter schlüpfen werden“, so Niels Ribbrock. Und die legen dann wieder viele Eier, aus denen viele Raupen entstehen.

Wenn während der Flugphase der Falter im Juli/August schlechtes Wetter herrsche, könnten allerdings auch weniger Eier abgelegt werden. Ribbrock geht davon aus, dass die Population der EPS 2020 eine ähnliche Dimension wie im vergangenen Jahr erreicht.

Er betont, dass das nur eine generelle Einschätzung sei und er keine ortsspezifische Aussagen treffen könne. Zudem mache die Biologische Station kein EPS-Monitoring.

Zeit, Standort, Pflege

Nistkästen im eigenen Garten

  • Wer im eigenen Garten EPS-Befall hat oder einfach nur so Meisen ein Zuhause bieten will, sollte vor Beginn der Brutzeit Ende März/Anfang April Nistkästen anbringen.
  • Dabei ist der Standort wichtig. Mindestens zehn Meter Abstand untereinander, auch auf eventuelle Kästen im Nachbargarten achten. Der Kasten sollte nicht in der prallen Sonne hängen.
  • Je nach Belaubung und Sonnenstand kann es passieren, dass der Nistkasten nur einmal während der Brutzeit belegt wird. Das sei aber nicht weiter besorgniserregend.
  • Sauber machen sollte man den Kasten aber nur einmal im Jahr, nach Ende der Brutzeit. „Solange er nicht voll ist, gehen die Vögel wieder hinein“, sagt Ribbrock.

Für wie erfolgversprechend hält der Fachmann dann die Bekämpfungsmethode der Raupen durch die Kohl- und Blaumeisen? „Es gibt vereinzelte Fotonachweise, dass die Vögel die Raupen tatsächlich fressen, die tatsächliche Dimension ist jedoch nicht einzuschätzen“, sagt Niels Ribbrock. Vögel wurden dabei beobachtet, wie sie die Raupen gegen Äste schlagen, um die Brennhaare abzustreifen. Normalerweise essen die Jungtiere die Raupen nur im Stadium ohne Brennhaare.

Die Populationszahl von Kohl- und Blaumeisen werde nicht statistisch erfasst, sie gehörten zu den fünf häufigsten Brutvogelarten in Deutschland. Der EPS biete nur einen Teil des Jahres Nahrung für eine Brut, an den Standorten der Nistkästen müsste aber sichergestellt sein, dass das Futterangebot im Rest des Jahres auch reichlich vorhanden sei. „Das abzuschätzen, ist extrem schwer“, so der Landschaftsökologe. Meisen brüteten bis zu drei Mal pro Jahr und dann könnten die Larven schon größer sein oder sich verpuppt haben.

Ribbrock setzt seine Hoffnungen auf eine andere Art Feinde: Pilze und parasitäre Insekten wie zum Beispiel die Schlupfwespe. Parasitoide sind Organismen, die in ihrer Entwicklung parasitisch leben und den Wirt nach Abschluss der Parasitierung töten. Auch Brackwespen und Raupenfliegen kommen hier als Gegenspieler des EPS in Frage. Hier werden vor allem die Puppen des EPS als Wirt genutzt.

Grundsätzlich ist sein Blick in die Zukunft aber eher ein pessimistischer: „Es wird immer so viele Nester geben, die nicht entfernt werden können.“ Man werde mit den EPS leben müssen. Es sei ähnlich wie mit Corona: Man könne durch Prävention und Behandlung viel tun, völlig verschwinden werde der EPS aber wohl nicht. Zu wirksamen Maßnahmen müsse noch viel geforscht werden, das sei dann aber eine Aufgabe für die Universitäten, sagt Ribbrock.

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