Kriegsende: Das Geheimnis um den US-Stützpunkt in Haltern ist gelüftet

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Im US-Hauptquartier in Haltern wurde bei Kriegsende ein Kapitel Zeitgeschichte geschrieben. Karl-Heinz Voss erinnert sich an den Stützpunkt, der einmal sein Zuhause war (mit Video).

Haltern

, 19.05.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Geheimnis um den Standort des Hauptquartiers, das von der 9. US-Armee gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Haltern eingerichtet wurde, ist gelüftet. Nach der Berichterstattung über ein Verhör von Franz von Papen in der Stadt, der den Nazis unter anderem als Hitlers Stellvertreter gedient hatte, sorgte Hendrik Griesbach für den entscheidenden Hinweis.

Die Halterner Zeitung hatte die amerikanische Kommandantur an der Alten Recklinghäuser Straße vermutet, lag damit aber falsch. Der junge, geschichtsinteressierte CDU-Stadtverbandsvorsitzende teilte der Redaktion mit, dass sich das Haus, in dem ein Kapitel Zeitgeschichte geschrieben wurde, an der Römerstraße 24 befand und schickte die Beweisfotos gleich mit.

Tatsächlich hat sich das dortige Gebäude in seiner Grundstruktur bis heute kaum verändert. Tür- und Fensteranordnung, Treppenaufgang und Geländer stimmen mit dem historischen Vorbild überein.

Das Haus, in dem die US- Armee 1945 in Haltern ihr Hauptquartier einrichtete, sieht in seiner Struktur fast genauso aus wie vor 75 Jahren.

Das Haus, in dem die US- Armee 1945 in Haltern ihr Hauptquartier einrichtete, sieht in seiner Struktur fast genauso aus wie vor 75 Jahren. © Hendrik Griesbach

Nach der Kapitulation wurde Franz von Papen, kurzzeitig Vizekanzler im Kabinett Hitler, von den Amerikanern in Haltern verhört.

Nach der Kapitulation wurde Franz von Papen, kurzzeitig Vizekanzler im Kabinett Hitler, von den Amerikanern in Haltern verhört. © Gloeckner, Benjamin

Aktuelle Recherchen bestätigen den Tipp von Hendrick Griesbach. So kann sich Dr. Rudolf Quinkenstein (89), dessen Familie an der Römerstraße 65 wohnte, gut an die amerikanische Kommandozentrale in der Nachbarschaft erinnern. Das Haus war im Besitz seiner Tante.

Die Häuser an der Römerstraße hatten eine zentrale Lage

Die Büros der US-Armee befanden sich im Erdgeschoss. Der junge Rudolf fand sich hier sogar mehrfach ein, denn er war als ältester von vier Brüdern beim Bauern Hubbert als Hilfskraft untergebracht und musste den US-Offizieren Pferde überbringen und diese wieder abholen.

Sein Bruder Eberhard (83) weiß zu berichten, dass im Elternhaus eine medizinische Versorgungsstation für das Lager der ehemaligen Zwangsarbeiter (camp for displaced persons) in Haltern-West eingerichtet worden war. Die Häuser an der Römerstraße befanden sich in zentraler Lage, denn für die Unterbringung der befreiten Zwangsarbeiter aus der gesamten Region waren 400 Häuser mit 850 Wohnungen zwischen Weseler und Holtwicker Straße geräumt worden. Obwohl hier viele Nationen eine vorübergehende Bleibe fanden, wird das damalige Camp bis heute als „Polenlager“ bezeichnet.

Halterner Junge hat gute Erinnerungen an die Amerikaner

Der Aufenthalt der Amerikaner in Haltern ist für Eberhard Quinkenstein mit guten Erinnerungen verbunden, vor allem mit Schokolade. „Sie waren sehr kinderlieb. Ich durfte noch all meine Spielsachen mitnehmen“, sagt er. Die Familie sei bei fremden Leuten am Nordwall in Haltern einquartiert worden.

Als er als damals siebenjähriger Steppke losgeschickt wurde, um seine Bettdecke zu holen, hätten in seinem Kinderbett die Gewehre der US-Soldaten gestanden. Er habe sie kurzerhand an die Seite geräumt. Die GI hätten nur gelacht.

Für die Halterner Familien, die nach dem Zusammenbruch der Front ihre Häuser und Wohnungen verlassen mussten, war die Zeit allerdings nicht leicht. Wie die Quinkensteins musste auch Karl-Heinz Voss (85) mit seiner Familie binnen kürzester Zeit das Notwendigste einpacken und einer ungewisse Zukunft entgegengehen. „Der Bollerwagen war schon geklaut“, erinnert er sich an den Aufbruch.

Der Vater von Karl-Heinz Voss war in Russland gefallen

Sein Vater war 1942 in Russland gefallen („Wir brachten ihn zum Bahnhof. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen.“), die Mutter lebte mit drei weiteren Kindern in Dülmen. Er wuchs bei Verwandten auf und lebte beim Kriegsende in der Parterrewohnung des Hauses an der Römerstraße 24.

Die Struktur des Hauses, in dem die US-Armee 1945 ihr Hauptquartier einrichtete, ist bis heute fast unverändert.

Die Struktur des Hauses, in dem die US-Armee 1945 ihr Hauptquartier einrichtete, ist bis heute fast unverändert. © Hendrik Griesbach

„Als die Amerikaner kamen, mussten wir innerhalb von einer halben Stunde unsere Sachen packen und die Wohnung verlassen“, berichtet er. Mit rund 70 weiteren Halternern kamen er und seine „Tante Anna“ beim Bauern König in Holtwick unter.

An den Tag, an dem die Panzereinheiten der US-Armee in Haltern einfuhren, hat Karl-Heinz Voss noch konkrete Erinnerungen. Der Zehnjährige wurde wie jeden Tag zum Milch holen geschickt und staunte über die Kettenfahrzeuge, die unter ohrenbetäubendem Lärm über das Kopfsteinpflaster der Weseler Straße donnerten.

Video
Erinnerungen an das Kriegsende in Haltern

Zwei deutsche Landser, die man an der Römerstraße 24 einquartiert hatte, hätten im Garten ihre Maschinengewehre auseinander gebaut und gepflegt. „Dann haben sie eine Nachricht erhalten und waren blitzartig verschwunden“, schildert Karl-Heinz Voss die Ereignisse, die sich vermutlich Ende März/Anfang April 1945 abgespielt haben. „Am 28. März hieß es, die Engländer und Amerikaner stünden zwei Kilometer vor Haltern“, hielt die Flaesheimer Lehrerin Klara Reisener in einem Tagebuch fest.

Beengte Wohnverhältnisse in der Nachkriegszeit

Mit seiner Pflegefamilie kam Karl-Heinz Voss später wiederum bei einer Verwandten in einer Dachgeschosswohnung an der Münsterstraße unter. „Ich schlief in der Badewanne“, beschreibt er die beengten Wohnverhältnisse der Nachkriegszeit. Das Haus wurde übrigens im vergangenen Jahr durch einen Brand vollständig zerstört. Im Dachgeschoss kam ein 63-jähriger Halterner ums Leben.

Bis heute hat sich Karl-Heinz Voss ein Erinnerungsstück an das Kriegsende in Haltern und eine „unruhige Zeit“ bewahrt. Der lederne Handschuh eines alliierten Soldaten leistet ihm auch nach 75 Jahren noch gute Dienste. „Ich benutze ihn, um Igel aus meinem kleinen Pool zu retten“, sagt der 85-jährige Halterner und stellt das robuste Andenken nach einem Gang in seiner Garage vor.

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