Um die Erde im Gleichgewicht zu halten, hat jeder Mensch pro Tag 100 Punkte zur Verfügung. So die Theorie. Unser Redakteur hat ausprobiert, wie seine eigene Klimabilanz ausfällt.

Haltern

, 27.06.2019, 11:52 Uhr / Lesedauer: 4 min

Liebe Leser, heute nehme ich Sie mit auf ein ganz persönliches Experiment. Mein Name ist Kevin Kindel, ich bin 28 Jahre alt und arbeite als Journalist. Und ich möchte heute herausfinden, was ich persönlich unserem Planeten so alles antue. Mit einer App zähle ich, wie schädlich ich selbst für unsere Umwelt bin. Und ich hab schon im Vorfeld ein schlechtes Gewissen.

„Ein guter Tag hat 100 Punkte.“ So heißt eine internationale Intiative, gegründet in Österreich und der Schweiz, bei der jeder Mensch seine Klimabilanz ermitteln kann. Jeder kleine Bauteil unseres Alltags wird in Klimapunkte aufgesplittet. Wer Fahrrad fährt, hat nur die Herstellung des Rades „auf dem Gewissen“, Autofahrer verbrauchen wegen der Abgase viel mehr Klimapunkte.

Das Umweltbundesamt hat ein noch ehrgeizigeres Ziel

„Es sind ungefähr 6,8 Kilo CO2, die jeder Mensch täglich durch alle seine Handlungen ausstoßen darf, um unsere Welt und unser Klima im Gleichgewicht zu halten“, schreiben die Initiatoren auf ihrer Internetseite: „Wir rechnen dies um in 100 Punkte. Jeder Mensch hat jeden Tag 100 Punkte zur Verfügung.“ Basis für dieses Ziel von 100 Punkten ist ein Ausstoß von 2,5 Tonnen CO2 pro Jahr. Das Umweltbundesamt fordert perspektivisch sogar die Reduzierung auf unter 1 Tonne pro Kopf. Europäer verbrauchen im Schnitt aktuell etwa 450 statt 100 Punkte.

Ich lade mir die App „Ein guter Tag“ herunter, melde mich an und werde zunächst nach einigen Rahmendaten meines Alltags befragt. Wie viele Personen leben im Haushalt, besitzt du ein Auto, wie oft geht‘s pro Jahr in den Urlaub? Mit dem Flugzeug oder in der Region? Mein Hund verbraucht schon alleine 11 der 100 Punkte, die mir pro Tag zur Verfügung stehen - vor allem wegen seines fleischhaltigen Futters.

Ich fliege viel zu gerne weit weg in den Urlaub

Was mir vorher schon klar war: So bewusst ich zum Beispiel aufs Auto verzichte, fliege ich viel zu gerne weit weg in den Urlaub. Im letzten Jahr war ich in Mexiko, allein die Flüge dieser Reise sprengen mit 145 Klimapunkten mein Konto. Und die Klima-Belastung der Flüge wird dabei sogar schon rechnerisch auf 365 Tage im Jahr verteilt. Unvorstellbar, was bei Menschen angezeigt wird, die beruflich regelmäßig nur für eine Vertragsunterschrift ins Flugzeug steigen.

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Morgens nach dem Klingeln des Handyweckers gehe ich duschen. Da sind schon die ersten drei Punkte weg. Zum Frühstück gibt‘s eine Schale Müsli mit Milch, anschließend stelle ich die Waschmaschine an. Ein Waschgang, ohne Trockner, macht zwölf weitere Punkte. Ansonsten werden Strom, Heizung oder Wasser aber pauschal mit regionalen Durchschnittswerten einkalkuliert. Ich wohne in Dortmund, fahre mit dem Fahrrad zum Bahnhof und mit dem Zug nach Haltern am See und abends zurück. Das sorgt bei mir für 54 Punkte pro Tag, mit dem Auto wären‘s stolze 153.

Der Computer läuft von morgens bis abends

In unserer Lokalredaktion schalte ich zuerst den Computer an. Wenn ich ihn länger nicht benötige, schaltet er in den Ruhezustand, ist aber bis zum Feierabend ständig in Betrieb und kostet damit zehn Punkte. An der Wand sind mehrere andere Bildschirme eingeschaltet. Umweltmäßig passiert hier die nächsten Stunden nicht viel anderes - zu einem Termin fahre ich innerhalb Halterns aber mit dem Firmenwagen.

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100 Klimapunkte im Selbstversuch

Für die Mittagspause lassen wir uns manchmal mit mehreren Kollegen Essen in die Redaktion liefern - natürlich überhaupt keine gute Idee, wenn der Bote mit dem Auto kommt. Tierische Produkte haben eigentlich immer eine schlechtere Klimabilanz als vegetarische, Sushi mit Fisch von der anderen Seite der Erde erst recht. Ich will ja an mir arbeiten und habe vorgekocht: eine Portion Curry-Huhn mit Reis und Gemüse kostet mich 22 Punkte.

Wein kostet deutlich mehr Klimapunkte als Bier

Am Abend geht es mit dem Zug zurück nach Hause, hier gibt’s für den Ausklang des Tages heute zwei Möglichkeiten. Entweder mache ich einen Film an und eine Packung Schokolade auf (zusammen kostet das fünf Punkte) oder ich treffe Freunde in einer Kneipe. Ein Glas Wein kostet vier Klimapunkte, während ein halber Liter Bier unter einem Punkt liegt. Aber an so einem Kneipenabend bestelle ich meist auch noch ein kleines Abendessen, heute ein Schinken-Baguette für etwa zehn Punkte.

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Während ich in der App nach dem Baguette suche, stoße ich auf einen der überraschendsten Klimakiller überhaupt: Schnittblumen. Jede Rose aus den Niederlanden ist mit 43 Punkten in der App verbucht. Nach etwas Recherche macht’s auch Sinn, warum laut zeit.de im Jahr 2010 zwei Drittel aller in Deutschland verkauften Rosen aus Kenia kamen.

In dem Artikel wird eine englische Studie zitiert, der zufolge der ökologische Fußabdruck trotz der Flugreise der Blumen von Kenia nach Deutschland fast sechsmal geringer sei als der von niederländischen Blumen. Die Gewächshäuser an der Nordsee müssen beheizt und beleuchtet werden. Nur damit‘s im Wohnzimmer schön aussieht - was mit heimischen selbst gepflückten Blumen auch gelingt.

Mein Fazit:

Am Ende des Tages lande ich ohne Blumen tatsächlich bei 110 Klimapunkten. Wir erinnern uns: Ein guter Tag hat 100 Punkte. Aber das sind nur die Dinge, die ich heute bewusst ausgewählt habe. Nimmt man die täglichen Anteile von Strom, Gas, Wasser, Urlaubsreisen und so weiter hinzu, lande ich bei erschreckenden 457 Punkten - erstaunlich nah am vorher angekündigten europäischen Durchschnitt. Das heißt, ich müsste mehr als drei Viertel dieser Belastung vermeiden, damit unser Planet mich langfristig aushält. Dinge wie Fitnessstudio- oder Kinobesuche sind darin noch nicht enthalten.

Ganz ehrlich: Ich besitze kein eigenes Auto und fahre so oft es geht Fahrrad, aber es fällt mir unfassbar schwer, auf Flugreisen zu verzichten. Ich rede mir ein, dass diejenigen die für ein Geschäftsmeeting nach Singapur fliegen, viel schuldiger sind als ich, wenn dasselbe Gespräch auch per Videochat möglich wäre. Aber jeder muss sich an die eigene Nase fassen.

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Ein Vorhaben, das ich schon seit Monaten vorantreibe, ist weniger Fleisch zu essen. Ich will ja gar nicht direkt Vegetarier werden, aber ich will den Konsum herunterfahren. Und wenn ich sehe, wie viele Ressourcen schon allein die Produktion einer Packung Wurst bindet, ist diese kleine Ernährungsumstellung schon ganz unabhängig vom Tierschutz sicherlich für viele Menschen sinnvoll.

Probieren auch Sie „Ein guter Tag“ einmal aus und geben Ihre eigenen Daten ein. Wir können nur etwas gegen den Klimawandel tun, wenn jeder bei sich selbst anfängt. Das Jahr 2100 hört sich ewig weit weg an, aber ich jedenfalls möchte, dass meine Enkel dann noch ein gutes Leben auf dieser Erde haben und Wildtiere nicht nur aus Geschichtsbüchern kennen lernen.

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