Jöken Wucherpfennig (19) wandert mit ihrem Pferd von England nach Hause

dz800 Kilometer

Jöken Wucherpfennig wandert mit ihrer Islandstute Hjörta von England bis nach Hause. Rund 800 Kilometer sind sie unterwegs. Auf dem Sythener Forsthof sprechen sie über ihre lange Wanderung.

von Petra Herrmann

Haltern

, 09.06.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Kann ich heute bei euch übernachten? Mit meiner Stute?“ Die Verbindung wird schlecht. Außer Knacken hört Petra Herrmann nur „England“, „zu Fuß“ und „Elisabeth“. Beim Stichwort „Elisabeth“ dämmert es der Sythenerin. Am anderen Ende der Leitung muss die Tochter ihrer Freundin Elisabeth sein. Auf den Rest kann sich Petra Herrmann keinen großen Reim machen. Aber ihre Antwort lautet: „Klar, komm vorbei. Stockwieser Kamp 17 in Sythen.“

Zwei Stunden später steht Jöken Wucherpfennig mit ihrer Islandstute Hjörta auf dem Forsthof. Das „Hallo“ ist groß. Die Ponys des Forsthofes wiehern Hjörta entgegen und galoppieren aufgeregt am Zaum entlang, und die Zweibeiner begrüßen Jöken.

Zuerst wird das Pferd versorgt

Wie es bei Pferdemenschen üblich ist, wird zuerst das Pferd versorgt. Hjörta bekommt eine eigene Weide und Wasser, Sattel und Gepäck werden im Stall verstaut. Erst dann gibt es Kaffee und Kuchen für die Menschen, erst dann können die brennenden Fragen „Wo kommst du denn her?“ und „Wo willst du hin?“ beantwortet werden. Die 19-Jährige ist tatsächlich von England aus, genau genommen von Swindon aus unterwegs nach Hause, nach Brockum am Dümmer – rund 800 Kilometer.

„Okay, Brockum kennt kein Mensch“, lacht Jöken Wucherpfennig. „Ich bin in Espelkamp zur Schule gegangen und die nächste richtig große Stadt ist Osnabrück.“ Ende Oktober hat Jöken Wucherpfennig nach ihrem Abitur ein Praktikum auf einem Pferdehof in der Nähe von Swindon begonnen. „Natürlich habe ich Hjörta mitgenommen. Eine so lange Trennung wollte ich zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall. Ich hatte Hjörta gerade angeritten und wollte die Ausbildung und unsere Beziehung nicht unterbrechen.“

Jöken Wucherpfennig hat die Stute als Fohlen gekauft. „In Brockum haben wir die Pferde bei uns am Haus stehen und so habe ich immer engen Kontakt zu meinem Pferd. Wir vertrauen uns.“ Im Praktikum mistet Jöken Wucherpfennig Ställe aus, trainiert Pferde, bildet sie aus. Aber auch ihr eigens Pferd kommt nicht zu kurz.

„Ich hatte jeden Samstag frei. Und da mir schnell klar war, dass Hjörta und ich nicht mit dem Transporter nach Deutschland zurückfahren, habe ich samstags immer trainiert. Wir waren dann immer mindestens 30, manchmal aber auch 50 Kilometer unterwegs. Und weil die Arbeit auf dem Hof auch körperlich anstrengend war, bin ich schon ziemlich fit“, erzählt sie.

Im Sattel ist kein Platz für die Reiterin

Schnell hat sie sich jedoch von der Idee, nach Hause zu reiten, verabschiedet. „Es ist einfach zu viel Gepäck. Ich hatte im Sattel keinen Platz mehr“, so lautet ihr Grund, die Rückreise zu Fuß und zu Huf in Angriff zu nehmen. Während ihrer Trainingssamstage hat Jöken Wucherpfennig ausreichend Gelegenheit, das Equipment auf Herz und Nieren zu prüfen. „Das Gepäck muss leicht und funktionell sein. Außerdem ist mir wichtig, dass es sich einfach und schnell am Sattel befestigen lässt. Ich habe viel ausprobiert und optimiert.“

Jöken Wucherpfennig (19) wandert mit ihrem Pferd von England nach Hause

Auf dem Sattel ist kein Platz für Jöken Wucherpfennig. Deshalb wandert sie mit ihrer Islandstute Hjörta zurück nach Hause. © Petra Herrmann

Die Route plant Jöken Wucherpfennig im Internet. Am 20. April ist es soweit: Es geht los. Von Swindon aus wandern die zwei 160 Kilometer den Southdownsway, dann an der Küste entlang bis nach Dover. „In Dover sind wir dann zwei Nächte geblieben“, erzählt die Brockumerin. „Es gab einige Formalitäten zu erledigen, zum Beispiel das Gesundheitszeugnis für Hjörta. Dann sind wir mit dem Transporter weiter bis Calais.“

Der Lkw-Fahrer bringt die beiden noch ein Stück vom Hafen weg, dann geht es zu Fuß weiter: Zwei Tage durch Frankreich, dann elf Tage durch Belgien. „In Belgien hat mich meine Mutter mit ihrem Isländer eine Woche lang begleitet“, erzählt Jöken Wuchenpfennig. Anschließend geht es wieder alleine weiter: Zwei Tage durch die Niederlande, dann unterhalb von Venlo über die Grenze nach Deutschland. „Ich habe in Wesel den Rhein überquert und bin dann an der Lippe und am Kanal lang gelaufen. Mein letzter Halt vor Haltern war Galen.“

Hat sie schlechte Erfahrungen gemacht?

Mittlerweile ist es Abend geworden. Hjörta lässt sich das Gras schmecken, Jöken Wucherpfennig Salat und Grillfleisch. „Und hast du schlechte Erfahrungen gemacht?“ möchte Familie Herrmann wissen. Jöken Wucherpfennig schüttelt den Kopf: „Nein, nie.“ Alle Menschen haben sie und das Pony gerne aufgenommen, ein Stück Wiese und einen Platz für das Zelt zur Verfügung gestellt. „Oft wurde ich zum Essen eingeladen und ich wurde gefragt, ob ich Kleidung waschen, selber duschen oder mein Handy laden wollte.“

Jöken Wucherpfennig (19) wandert mit ihrem Pferd von England nach Hause

„Wir vertrauen uns“, sagt Jöken Wucherpfennig über die Beziehung zu ihrem Pferd. © Petra Herrmann

Abenteuerlich ist das Ganze aber auf jeden Fall: Am zweiten Tag ist das Pony auf das Navi getreten und hat es so zerstört. Zweimal ging das Handy verloren, zweimal wurde es wiedergefunden. „Das war schon erstaunlich“, gibt Jöken Wucherpfennig zu. „Letztens habe ich mein Handy im hohen Gras verloren. Mein Gastgeber und ich haben zwei Stunden gesucht. Und es schließlich gefunden.“ Beim Einkaufen bindet Jöken Wucherpfennig ihr Pony manchmal vor dem Supermarkt an. „Aber nur, wenn es ruhig davor ist“, betont sie.

„Unsere Beziehung ist noch enger geworden“

Meist fragt sie jemanden um Hilfe und schickt ihn mit einer Einkaufsliste in den Laden. „Das habe ich in der Zeit auf jeden Fall gelernt. Ich habe keine Scheu mehr, fremde Menschen anzusprechen“, lacht sie. Auch das Pony hat viel gelernt. „Sie vertraut mir jetzt noch mehr. Unsere Beziehung ist noch enger geworden“, freut sich die Pferdefrau. „Und erschrecken kann Hjörta so schnell nichts mehr. So eine Wanderung ist das beste Training.“

Hjörta darf die Nacht auf der Weide verbringen, Jöken Wucherpfennig im Wohnwagen. „Das ist schon toll, eine Nacht mit Kopfkissen“, freut sie sich. „Aber man gewöhnt sich auch daran, den Sattel als Kopfkissen zu nehmen.“ Und an was gewöhnt man sich noch alles? Die Wanderin lacht: „Ans Improvisieren, ans Alleinsein, an Einfachheit, an Langeweile. Am Kanal lang habe ich Brücken gezählt und außerdem habe ich mir zum Ziel gesetzt, auf der Wanderung das Pfeifen zu lernen. Eine kleine Melodie krieg ich schon hin.“

„Ciao und Danke!“

Am nächsten Tag nach dem Mittagessen geht es wieder los. Innerhalb von fünf Minuten ist das Gepäck verschnallt. „Ciao und Danke!“ Heute möchten die zwei noch Nottuln erreichen und in sechs oder sieben Tagen den heimischen Hof in Brockum.

Dann wird Jöken Wucherpfennig sich erst einmal Gedanken dazu machen, was sie jetzt genau studieren möchte. „Psychologie oder Medizin könnte ich mir gut vorstellen. Aber auch noch vieles andere“, meint sie. „Würdest du so eine Wanderung noch einmal machen?“ möchte Petra Herrmann wissen. „Sofort! Jeder Zeit!“ ist sich Jöken Wucherpfennig sicher. „Das kann ich jedem nur empfehlen!“

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