Stephan Barzik, Oberarzt der Klinik für Innere Medizin am Halterner St. Sixtus-Hospital, freut sich, die Coronvirus-Schutzimpfung von Dr. Katrin Kempke, Oberärztin in der Lungenklinik Ruhrgebiet Nord, erhalten zu haben. Vor allem Frauen sorgen sich bei einer Impfung mit Astrazeneca. © KKRN GmbH

Intensivstationen sind voll: Halterner Arzt plädiert für die Notbremse

In den vier Häusern des Klinikums Ruhrgebiet Nord werden derzeit 45 Covid-Patienten betreut, neun liegen auf den Intensivstationen. Chefarzt Dr. Markus Reidt würde gern die Notbremse ziehen.

Bei der Kreisleitstelle der Feuerwehr hat sich das Sixtus-Hospital abgemeldet. Das heißt: Alle acht Intensivbetten sind belegt. Im Ernstfall könnte ein neuer Patient zwar primär in Haltern versorgt werden. Dann müsste er aber in ein anderes Krankenhaus verlegt werden. Einer der acht intensiv zu betreuenden Patienten ist an Corona erkrankt und wird künstlich beatmet. Darüber hinaus versorgt das Sixtus-Hospital vier weitere an der Pandemie leidende Patienten.

Drei davon haben die britische Mutante; alle sind über 50 Jahre alt. „Für die nächsten Wochen rechne ich mit einem Anstieg“, sagt Dr. Markus Reidt, Koordinator der Intensivstationen im KKRN-Klinikverbund sowie Chefarzt der Klinik für Anästhesie am Halterner Sixtus-Hospital. Insgesamt spitzt sich die Lage auf den Intensivstationen in den Krankenhäusern des Kreises Recklinghausen zu. Waren am Donnerstag noch 17 Intensivbetten frei, waren es am Freitag nur noch zwölf.

Dr. Markus Reidt ist Koordinator der Intensivstationen im KKRN-Klinikverbund sowie Chefarzt der Klinik für Anästhesie am Halterner St. Sixtus-Hospital. © G. Schmidt © G. Schmidt

Die Mutanten, so klärt Dr. Reidt auf, sind schneller übertragbar und infektiöser. Die Symptome sind ähnlich wie bei SARS-CoV-2, der Verlauf aber kann viel schwerwiegender sein. Grundsätzlich rät Dr. Reidt, bei Luftnot unbedingt (nach Voranmeldung) das Krankenhaus aufzusuchen und sich in die Obhut eines Fachmediziners zu begeben.

Die Weaning-Station im Sixtus-Hospital ist überlastet

Er muss nicht lange erklären, was jeder ahnt: Mediziner und Pflegepersonal arbeiten an ihren Grenzen. „In der Pflege haben wir eine Eins-zu-eins-Betreuung, das ist eine enorme körperliche und psychische Belastung“, sagt Markus Reidt. Deshalb werde aber nicht der Personalschlüssel aufgestockt. Hinzu kommt, dass die Pflegekräfte auf den Intensivstationen nicht nur Covid-, sondern auch andere schwer kranke Patienten versorgen.

Am Limit arbeitet auch der Fachbereich Pneumologie. Hier ist die Anfrage für die Weaning-Station, auf der Patienten von der Beatmung entwöhnt werden, sehr groß. „Wir können den Wünschen so gut wie gar nicht mehr nachkommen“, bedauert der Chefarzt.

Dr. Markus Reidt wünscht sich von der Politik eine Vollbremsung mit aller Vehemenz. Wohlwissend, dass dies für die Wirtschaft und das soziales Miteinander massive Einschränkungen bedeuten würde. „Aber wir dürfen die gesundheitliche Versorgung der Menschen nicht fahrlässig aufs Spiel setzen. Lebensqualität können wir uns derzeit nicht leisten.“

Das Impfen zieht sich nach Ansicht von Dr. Markus Reidt zu sehr in die Länge. Doch es gibt eben auch Unsicherheiten. Jeder Kopfschmerz beunruhigt die, die mit Astrazeneca geimpft wurden.

Dr. Lars Heining ist Chefarzt der Lungenklinik Ruhrgebiet Nord sowie Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Fachbereich Pneumologie, Allergologie, Schlaf- und Beatmungsmedizin, internistische Medizin am Halterner St. Sixtus-Hospital. © G. Schmidt © G. Schmidt

Der Corona-Impfstoff des britisch-schwedischen Konzerns ist wegen der Möglichkeit einer Hirnvenenthrombose in Folge von Impfungen mit diesem Vakzin in die Kritik geraten. „Ja, Frauen haben tatsächlich Angst vor einer solchen Thrombose“, bestätigt Dr. Lars Heining, Chefarzt der Lungenklinik Ruhrgebiet Nord sowie Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Halterner Sixtus-Hospital. Aber es seien bislang vorwiegend Klinik-Mitarbeiterinnen gewesen, die ihn kontaktiert hätten. In der Notfallambulanz spreche kaum jemand vor, behandelt habe er eine solche Erkrankung bislang im Zusammenhang mit einer Impfung nicht. Was nicht heiße, dass man nicht vorsichtig sein solle.

„Hirnvenenthrombosen sind seltene Erscheinungen“

Mitarbeiterinnen des Klinikums hatten ihn Tage nach der Impfung wegen starker Kopfschmerzen konsultiert. Doch nach entsprechenden Untersuchungen konnte Dr. Heining sie beruhigen. Überhaupt sagt er: „Hirnvenenthrombosen sind extrem seltene Ereignisse in Verbindung mit der Impfung. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit Corona ist erheblich größer.“ Anzeichen für eine Thrombose äußerten sich schleichend durch Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörungen oder Müdigkeit.

Die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) und die Weltgesundheitsorganisation WHO empfehlen den Impfstoff weiterhin. Das tut der Chefarzt der Lungenklinik ebenso und zwar angesichts massiv ansteigender Inzidenzzahlen. Der Nutzen der Impfung überwiege das Risiko, schwer krank zu werden. Das Auftreten von Lungenembolien und Thrombosen sei bei Corona-Patienten ungleich höher. 20 bis 30 Prozent der Patienten erleiden sie, so Dr. Heining.

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Elisabeth Schrief