Im Lippramsdorfer Horst wachsen drei kleine Störche heran

Gut genährt

Drei Storchenkinder liegen eng aneinander gekuschelt im Nest. Michael Jöbges erkennt sofort, dass sie wohlgenährt und gesund sind. Dann entdeckt er etwas, das zur Gefahr werden könnte.

Lippramsdorf

, 06.06.2019, 15:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Im Lippramsdorfer Horst wachsen drei kleine Störche heran

Vogelschutzwart Michael Jöbges beringte die Jungstörche, die Daten werden in der Vogelwarte Helgoland gespeichert. So lassen sich viele Erkenntnisse gewinnen, zum Beispiel, dass Störche gerne den Partner wechseln. © Elisabeth Schrief

Michael Jöbges ist in den Freiheiter Brauk gekommen, um den Nachwuchs im Lippramsdorfer Storchennest zu beringen. Sebastian Becker von der Firma Bennemann fährt den Vogelschutzwart mit einem Hubsteiger hoch ans Nest. „Sonst werden immer zuerst die Störche im Hervester Bruch beringt, erstmalig kommt Lippramsdorf zu dieser Ehre“, sagt Michael Jöbges.

Den Heimatverein freut das. Er hat den Horst 2007 in den Wiesen aufgestellt, 2010 nahmen Störche diesen erstmals als Brutplatz an. Seither verbindet der Heimatverein die Beringung traditionell mit der Taufe der Storchenkinder.

Zwei neue Brutplätze

Niels Ribbrock, stellvertretender Geschäftsführer der Biologischen Station, ist auch bei der Zeremonie dabei. Er beobachtet mit Freude die Entwicklung der Storchenpopulation: „Wir haben auf der Stadtgrenze zwischen Marl und Dorsten sowie in Dorsten-Hervest zwei neue Brutplätze. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Störche bei uns gute Bedingungen finden.“ Das Wetter habe bislang perfekt mitgespielt. Zwar sei es im Mai kühl gewesen und die Storcheneltern hätten intensiv brüten müssen, aber weil sowohl übermäßiger Regen als auch Hitze ausblieben, sei das Nest nie durchnässt und Nahrung immer gut greifbar gewesen. Gefüttert werden anfangs Regenwürmer, später Insekten, Mäuse, Molche oder Maulwürfe beispielsweise.

Im Lippramsdorfer Horst wachsen drei kleine Störche heran

Drei Storchenkinder gedeihen prächtig. In etwa zehn Tagen werden sie erste Flugversuche unternehmen. © Elisabeth Schrief

Dem Nachwuchs geht es gut, bestätigt Michael Jöbges, der als Ornithologe beim Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz (Lanuv) seit 1990 die Betreuung der Störche in NRW zu seiner Aufgabe gemacht hat. Die Storchenkinder sind etwa sechs Wochen alt, in etwa zehn Tagen werden sie nach Einschätzung von Michael Jöbges erste Flugversuche unternehmen. Im August werden sie den Horst verlassen.

Unberingte Altvögel

Während er ihnen schwarze Ringe mit weißen Identifikationsnummern über dem Sprunggelenk anbringt, kreisen die Eltern über ihm. Sie haben schon wieder Nahrung in den Schnäbeln und warten auf das Ende des kleinen Spektakels am Nest. Es sind unberingte Altvögel, ob es die Störche aus dem letzten Jahr sind, lässt sich deshalb nicht sagen.

In NRW kennzeichnet Michael Jöbkes jährlich rund 150 Störche mit den sogenannten ELSA-Ringen. Sie können mit einem Fernglas oder Spektiv komfortabel abgelesen werden. Die Daten werden an die Vogelwarte Helgoland mit Sitz in Wilhelmshaven übermittelt. Michael Jöbges: „Als Dankeschön versendet die Vogelwarte Helgoland die Wiederfundmeldung mit den Beringungsdaten des Storches. Bei bereits mehrfach abgelesenen Vögeln bekommt man damit die Lebensgeschichte seines Storches zugeschickt.“

Gefährlicher Weichmacher

Während er das sagt, lässt Michael Jöbges seinen Blick über das Lippramsdorfer Nest wandern. Es ist sauber und trocken und wird immer wieder nachgepolstert, damit der Storchennachwuchs bequem liegen kann. Dann entdeckt er ein großes Stück Bindegarn. Die Altvögel haben es als „Weichmacher“ ins Nest gelegt. Aber, sagt der Vogelschutzwart, Bindegarn kann ganz gefährlich werden, wenn die Jungen sich beim Abheben aus dem Nest darin verfangen. Michael Jöbges hat das schon einige Male erlebt.

Im Lippramsdorfer Horst wachsen drei kleine Störche heran

Der Heimatverein Lippramsdorf begrüßte Naturschützer und Gäste am Storchennest. © Elisabeth Schrief

Sebastian Becker fährt den Korb des Hubsteigers wieder ein. Reinhold Wieschus, Mechthild Lensdorf und Peter Borchers vom Heimatverein stoßen mit Sekt auf die Taufe an. Christian, Hanna und Franz sollen die Jungen heißen: Christian Brink und Hanna Rawert gehören zu den Jugendlichen der OJA, die den Heimatverein bei Aktionen unterstützen, Franz Bennemann stellt alljährlich den Hubsteiger kostenlos zur Verfügung. Die Namensgebung ist ein Dankeschön.

Dann geht es für Michael Jöbges weiter nach Lavesum. Dort wachsen zwei Jungstörche heran.

Die meisten Störche sind Westzieher

320 Brutpaare im vergangenen Jahr gezählt

Gerade noch drei Storchenpaare brüteten 1991 in NRW. Die Bestände am Niederrhein, im Münsterland und die Ostwestfalen brachen vollständig ein. Verantwortlich dafür war der Verlust des Lebensraumes durch Entwässerung von Feuchtwiesen, Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzflächen und Zerstörung der Auen durch Flussbegradigungen. Hinzu kamen Verluste durch Überlandleitungen, Gifteinsatz, Bejagung in den Durchzugsländern oder Nahrungsmangel in den Überwinterungsgebieten. Naturschutzprogramme halfen. Im Jahr 2018 lag der Bestand in NRW bei rund 320 Brutpaaren. Der Hauptanteil der nordrhein-westfälischen Storchenpopulation gehört zu den sogenannten Westziehern. Diese Störche ziehen über Frankreich, Spanien und Portugal und über die Meerenge bei Gibraltar nach Westafrika bis in ihre angestammten Winterquartiere in der Sahelzone. Neuerdings überwintern jedoch viele Störche bereits in Spanien und Portugal, wo sie genug Nahrung auf Mülldeponien und in Reisfeldern finden.
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