Daniela Dederichs, Heilpraktikerin für Psychotherapie und gelernte Kinderkrankenschwester, hier mit Therapiepuppe Lennard, arbeitet auch häufig mit kleinen Klienten. © Jürgen Wolter
Interview

Halterner Expertin rät: Mit Seelen-Wellness gegen den Corona-Koller

Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen setzt die Corona-Krise körperlich und seelisch zu. Die Halternerin Daniela Dederichs klärt im Interview über Gefahren und Problemlösungsstrategien auf.

Daniela Dederichs ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Kinderkrankenschwester. Im Interview mit Ingrid Wielens sprach sie über Corona-Koller und Wege aus der Psycho-Krise.

Frau Dederichs, seit März leben wir gezwungenermaßen mit der Corona-Krise, müssen den Umgang damit erlernen. Wie sehr stresst uns das alles?

Unterschwellig stresst uns diese Corona-Situation gerade sehr. Der Körper begibt sich unbewusst in einen Alarmmodus, bei dem Stresshormone wie Adrenalin und Dopamin ausgeschüttet werden. Ebenso steigt der Cortisolspiegel. Wenn er dauerhaft erhöht ist, kann es sich dysfunktional auf unseren Organismus auswirken z.B. auf das Herz-Kreislauf-System, den Magen-Darm-Trakt, unser Schlafverhalten und unser Immunsystem. Müdigkeit, Erschöpfung, Mattigkeit, Vergesslichkeit können Hinweise darauf sein, dass wir gerade im Stressmodus sind. Auf Dauer ist das nicht gesundheitsförderlich.

Gibt es weitere Anzeichen dafür, dass ein Mensch Corona-gestresst ist?

Kinder zeigen Stress zum Beispiel auch über Wutanfälle, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. Wir sind allgemein gereizter. Das beobachte ich auch im Alltag: Viele Menschen sind auf einmal aggressiver unterwegs – die Frustrationstoleranzgrenze sinkt.

Auch die Psyche kann massiv unter der aktuellen Situation leiden. Wie äußert sich das?

Wir gehen wieder mehr in die Isolation. Wenn dann schon jemand depressiv und bereits in einer Negativ-Schleife ist und in die Einsamkeit gerät, öffnet das die Türen für neue Probleme. Es ist ein ganz schwieriges Thema: Auf der einen Seite ist jetzt gerade die körperliche Gesundheit und der Schutz der Risikopatienten enorm wichtig, auf der anderen Seite leidet die Seele darunter. Ist die Seele krank, leidet der Körper und umgekehrt genauso: Ist der Körper krank, leidet die Seele. Also man sollte es ganzheitlich sehen. Körper, Geist und Seele möchten versorgt werden.

Welche Symptome kann die Seele auslösen?

Man kann beobachten, dass Menschen Ängste entwickeln – finanzielle und soziale Ängste, Angst vor Krankheit. Auch alte Traumata kehren zurück. Die Menschen leiden unter dem Gefühl von Isolation und Einsamkeit und zeigen dann körperliche und psychische Symptome. Es begegnet mir in meiner Arbeit immer mehr, dass depressive Stimmungslagen, familiäre Konflikte, Ängste und Panikattacken sich häufen.

Gibt es Personengruppen, die besonders unter der Corona-Problematik leiden?

Das kann man nicht so pauschal sagen. Jeder geht anders damit um. Das hängt vom Maß der emotionalen Widerstandskraft, der Problemlösungsfähigkeit und der Verletzlichkeit ab. Es hängt davon ab, welche Veranlagungen und Erfahrungen man mitbringt, unter welchem Erziehungsstil man aufgewachsen ist, welche Bindungserfahrungen man machen durfte – so unterschiedlich gehen wir auch mit Krisen um.

Hätten Sie vielleicht ein Beispiel?

Jemand, der schon psychisch instabil ist und keine so hohe emotionale Widerstandskraft hat, der braucht nicht mehr viel, bis das Fass überläuft. Jemand mit hoher psychischer Widerstandskraft und ausreichend Ressourcen kann dagegen ganz anders mit der Problematik umgehen. Für einen unter Depressionen leidenden Menschen sind die vielen negativen Nachrichten, gekoppelt mit dem Gefühl der Einsamkeit, nicht gerade stärkend. Und Kinder, die aufgrund ihrer Erfahrungen eher ängstlich-unsicher sind, vielleicht aber auch Schwierigkeiten haben, sich auszudrücken oder Emotionen wahrzunehmen, können von Menschen, die Masken tragen, unter Umständen verunsichert werden.

Wie sieht es mit der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern aus?

Kinder orientieren sich am Gegenüber, sie nehmen ihre Umwelt mit all ihren Sinnen wahr, machen sich bemerkbar und schauen, wie ihr Gegenüber reagiert. Gerade in der vorsprachlichen Entwicklung ist die Mimik sehr wichtig. Wir kommunizieren zu 80 Prozent über Körpersprache, dabei zu 55 Prozent über Mimik. Die Mimik ist jetzt verdeckt, das Kind sieht nur die Augen. Da ist nicht mehr soviel Resonanz wie gewünscht.

Ich erlebe fast täglich Kinder, für die das Gesicht hinter der Maske beängstigend wirkt. Sie können nicht erkennen, was dahinter ist – ein freundliches Gesicht?

Was lernen Kinder in dieser Zeit, worauf müssen sie verzichten?

Beispielsweise wird geraten, im Lockdown besser alleine oder sehr minimiert mit Freunden zu spielen. Ich höre Sätze wie: „Halte Abstand, sonst werden Oma und Opa noch krank!“ Solche Botschaften können mitunter Überforderung, Druck und eventuell Schuldgefühle erzeugen. Nähe, Zuwendung, Miteinander sind wichtig für Kinder, um Urvertrauen aufzubauen. Ein Kind kann nicht verstehen, dass das jetzt ein Ausnahmezustand ist. Abstand halten – da frage ich mich: Wie führen diese Kinder später eine Beziehung? Gesellschaft mit anderen Kindern ist ganz wichtig für ein gutes Selbstwertgefühl, positive Erfahrungen im Miteinander, für das Erleben von Selbstwirksamkeit und das Entwickeln von Selbstvertrauen. Es ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung.

Andererseits ist der Abstand zueinander gerade sehr wichtig…

Ja natürlich, es ist schon gut, die Kinder jetzt zu sensibilisieren, achtsam mit sich und den Mitmenschen, der Umwelt umzugehen. Das macht die momentane Situation ja so schwierig. Auf der einen Seite geht es um Rücksichtnahme und gegenseitigen Schutz; auf der anderen Seite um die sozial-emotionalen Folgen für Groß und Klein.

Inwieweit leiden Jugendliche unter diesen Bedingungen?

Auch für sie ist diese Phase schwierig. Die Peergroup ist in dieser Entwicklungsphase wichtig – für die Grenzerfahrung, bei der Suche nach ihrer eigenen Identität, damit sie sich vom Zuhause abnabeln können. Erwachsene sollten nicht sagen: „Mein Gott, die Jugend kann das ja wohl aushalten, eine Zeit lang auf Freunde zu verzichten.“

Wie sehr belastet uns bei all dem die Maske?

Die Maske schränkt uns enorm ein. Den einen mehr, den anderen weniger. Sie kann unsere Kommunikation wesentlich einschränken. Und sie führt uns jeden Tag die Krise mit all ihren Problemen spürbar vor Augen.

Wie kann der Mensch den psychischen Gefahren der Corona-Pandemie begegnen?

Wenn die Sorgen das Denken, Fühlen und Handeln im Alltag einschränken, sollte man sich Hilfe holen. Aber es muss nicht unbedingt therapeutische Hilfe sein.

Positive Erlebnisse und gute Gefühle schütten Glückshormone aus und stärken das Immunsystem. Es geht aber nicht nur um Körperhygiene. Jetzt ist Seelen-Wellness angesagt.

Das, was Ihnen schon immer gut getan hat und Sie glücklich gemacht hat – davon sollten Sie jetzt ganz viel machen. Das sind oft auch Dinge, die man früher gern gemacht hat und die mit der Zeit in Vergessenheit geraten sind. Musizieren, malen, töpfern. Dabei kann man viel verarbeiten und Ausdruck geben. Und auch neue Fähigkeiten entdecken. Mit seinen Kindern auf dem Sofa kuscheln und Geschichten erzählen, Spiele aus der eigenen Kindheit mal wieder aus dem Schrank kramen.

Bewegung ist auch sehr wichtig: Gehen Sie oft raus an die Luft, in die Natur, laufen Sie. Es gibt außerdem tolle Apps für Mediations-, Achtsamkeits- und Yoga-Übungen.

Und die vielen negativen Nachrichten sollte man sich nur einmal am Tag im Fernsehen anhören oder -schauen.

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Geboren in Dülmen, Journalistin, seit 1992 im Medienhaus Lensing - von Münster (Münstersche Zeitung) über Dortmund (Mantelredaktion Ruhr Nachrichten) nach Haltern am See. Diplom-Pädagogin und überzeugte Münsterländerin. Begeistert sich für die Menschen und das Geschehen vor Ort.
Zur Autorenseite
Ingrid Wielens

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.