Die beiden großen christlichen Kirchen verlieren weiter Mitglieder - auch in Haltern. © Montage Klose/ Fotos Blossey
Kirchenaustritte

Halterner begründen Kirchenaustritt: Es ist vor allem Enttäuschung

Der Kirche laufen die Mitglieder davon. „Ich war lange Messdienerin in meiner Gemeinde und habe mich in der Kirche sehr wohl gefühlt“, sagt eine Halternerin. Jetzt ist die 30-Jährige ausgetreten.

Wie für die Halternerin, scheint vielen Menschen Kirche für ein gutes und gelingendes Leben verzichtbar und nicht mehr relevant. Die Kirchen verlieren seit Jahren Mitglieder. Die Haltung von Kardinal Woelki in Köln verstärkt aktuell das Unbehagen, Termine für eine Kirchenaustrittserklärung beim Amtsgericht sind auf Monate ausgebucht.

Nach den letzten aktuellen Daten von Sommer 2020 kehrten innerhalb eines Jahres 272.771 Mitglieder der katholischen Kirche in Deutschland den Rücken, 270.000 evangelische Christen wandten sich von der Kirche ab.

In Haltern spricht Karl Henschel, Pfarrer der evangelischen Gemeinde, von einer erschreckenden Bilanz. 86 Austritten standen im vergangenen Jahr nur vier Eintritte gegenüber. „Das ist ungewöhnlich.“ In St. Sixtus verließen im Jahr 2020 insgesamt 161 Christen die Kirche (2019: 255), drei traten ein (2019: zwei), fünf Ausgetretene beantragten die Wiederaufnahme. Die Altersstruktur wird dabei nicht ausgewertet.

Ein Ärgernis: Keine Frauen in der Leitung der Kirche

„Der Glaube schenkt mir Geborgenheit. Auch die kirchlichen Grundsätze des friedlichen und sozialen Miteinanders sind für mich ein wertvolles Gut“, sagt die Halternerin, die im Management eines großen Konzerns tätig ist. Und trotzdem erklärte sie jetzt beim Amtsgericht ihren Austritt.

Pfarrer Karl Henschel zu den Kirchenaustritten: „Es beruhigt mich nicht, wenn es heißt, das liege im Trend.“
Pfarrer Karl Henschel zu den Kirchenaustritten: „Es beruhigt mich nicht, wenn es heißt, das liege im Trend.“ © Jürgen Wolter © Jürgen Wolter

„Leider haben andere Kinder nicht so gute Erfahrungen in ihrer Gemeinde machen dürfen wie ich, sondern wurden in ihrem Umfeld, das ihnen Liebe und Fürsorge schenken sollte, missbraucht.“ Es sei beschämend und unrechtmäßig, dass die Kirche – trotz ihrer Worte der „unerbittlichen Aufklärung“ – keinen konsequenten und rechtmäßigen Umgang mit diesen Verbrechen finde. Daneben stört die Halternerin, dass die katholische Kirche sich nur schleppend auf einen Wandel einlasse. „Es ist noch immer keine Ehe für Priester möglich, homosexuell zu sein ist eine Sünde, Verhütung ist verpönt und Frauen in der Leitung der Kirche sind unerwünscht.“

Bewunderung für den Mut der Opposition

Umso mehr bewundere sie Kirchenmitglieder und Priester, die sich entschlossen gegen diese altmodischen Vorstellungen und die Verbrechen stellen. „Ich hoffe sehr, dass sich die Kirche an diesen Vorbildern in der Zukunft orientieren wird.“

Meistens werde bei den Gründen für einen Austritt die Kirche insgesamt gesehen, nicht die Kirche in Haltern. Eher selten gebe es Verärgerung über das hauptamtliche Bodenpersonal vor Ort, sagt Pfarrer Karl Henschel. Bei Zweifeln bilde schließlich der Blick auf die Lohnabrechnung den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringe. Pfarrer Henschel sieht hinter einer Abkehr wegen der Kirchensteuer allerdings zuweilen auch Not – dafür hat er Verständnis. Eine prekäre Familiensituation könne zum Sparen zwingen. Aber grundsätzlich muss niemand Gründe für die Abkehr nennen. „Wir schreiben die Betreffenden an, selten gibt es eine Antwort“, bedauert Pfarrer Henschel.

Bei verheerender Großwetterlage Machtlosigkeit vor Ort

Andere Erfahrungen hat Michael Ostholthoff, Pfarrer der katholischen Sixtus-Pfarrei, gerade in den letzten Monaten gemacht. „Es ist auffällig, dass viel mehr als sonst das Gesprächsangebot gerne annehmen“, berichtet er. In den vergangenen vier Monaten habe er bestimmt 15 Gespräche gehabt – ohne Absicht, jemanden argumentativ umzustimmen.

Dabei erfuhr er auch Gründe für die Austritte, die außerhalb der seelsorglichen Arbeit in Haltern liegen: Das unerträgliche Verhalten von Kardinal Woelki in Köln, der Untersuchungen zum Missbrauch nicht öffentlich machen will, und die Haltung einer unverbesserlichen Institution, Täter zu schützen und Opfer allein zu lassen. „Da habe ich als Pfarrer in der Argumentation keine Chance, das muss ich realistisch sagen.“ Wenn die Großwetterlage so verheerend sei, seien den Seelsorgern vor Ort die Hände gebunden.

Pfarrer Karl Henschel betrachtet einen Austritt immer als enttäuschend. „Das trifft mich, weil ich ihn als Bewertung meiner und unserer aller Arbeit sehe und mich als als Pfarrer infrage stelle.“

Die kontinuierliche Konfrontation mit Skandal über Skandal haben die Gräben unüberbrückbar vergrößert.

Halterner (32)

„Nein, wir werden nicht resignieren“, betont Pfarrer Michael Ostholthoff. „Wir werden den Mut vor Ort nicht sinken lassen.“ Die Corona-Pandemie mache die Seelsorge allerdings nicht einfacher. Kontakte und sichtbare Begegnungen fehlten, sagt Pfarrer Henschel. Wenn Kirche nur digitale Angebote mache, ginge das Zugehörigkeitsgefühl bei allem Engagement doch ein Stück weit verloren. „Menschen der Gemeinde und auch wir selbst verlieren uns aus dem Blick.“

Pfarrer Michael Ostholthoff
Pfarrer Michael Ostholthoff © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Die rechtliche Stellung eines Ausgetretenen wird auf ein absolutes Minimum heruntergefahren. Das weiß ein 32-jähriger Halterner, der schon vor einem Jahr aus der Kirche ausgetreten ist.

„Das Miteinander als sehr positiv empfunden“

Seine Kindheit und Jugend waren christlich, katholisch geprägt. „Ich habe die Kirche als Teil des gesellschaftlichen Miteinanders verstanden und rückblickend auch sehr positiv wahrgenommen“, sagt er.

Jahre nach dem Austritt aus einer kirchennahen Pfadfindergemeinde in einer Nachbarstadt kam er mit den schrecklichen Umständen in Berührung, die sich seinem damaligen Kenntnisstand entzogen, sich jedoch vor seinen Augen abgespielt hatten. Die lokale Kirchengemeinde dämonisierte Opfer und schützte Täter, um den guten Ruf zu wahren. „Dieses ausschlaggebende Erlebnis war der Beginn meiner Entfremdung von der Kirche als weltliche Institution“, erzählt der 32-Jährige.

Die kontinuierliche Konfrontation mit Skandal über Skandal – wie aktuell wieder in Köln – hätten die Gräben eher unüberbrückbar vergrößert. Die Kirche scheine keine Antworten auf die Fragen des 21. Jahrhunderts zu haben. „Glaube ist wichtig, gerade in Zeiten der aktuellen Pandemie, jedoch benötige ich persönlich hierfür nicht die katholische Kirche“, sagt der 32-Jährige unverblümt.

Zur Sache

  • In Deutschland muss der Kirchenaustritt bei einer staatlichen Behörde (Amtsgericht) erklärt werden, das ist das Amtsgericht. Dazu ist eine Terminvereinbarung in Marl und ein persönliches Erscheinen notwendig. Es wird eine Gebühr von 30 Euro erhoben.
  • Hauptgrund für einen Austritt ist laut Statistik, Kirchensteuer einsparen zu wollen. Der Kirchensteuersatz beträgt in Bayern und Baden-Württemberg 8 Prozent, in allen anderen Bundesländern 9 Prozent der Einkommensteuer.
  • Mit dem Verzicht auf die Mitgliedschaft verliert ein Katholik das Recht, Sakramente zu empfangen, kirchliche Ämter zu bekleiden, Tauf- oder Firmpate zu sein, Mitglied von pfarrlichen oder diözesanen Räten zu werden oder diese zu wählen sowie Mitglied in öffentlichen kirchlichen Vereinen zu sein.
  • Die katholische Kirche kennt allerdings keinen Austritt aus der Glaubensgemeinschaft Kirche, da eine Taufe nicht rückgängig gemacht werden kann.
  • Die Kirchenmitgliedschaft in der evangelischen Kirche berechtigt ebenfalls zur Inanspruchnahme kirchlicher Handlungen, zur Teilnahme am Abendmahl, zum Patenamt, zur Wahl als Presbyter. Rechte und Pflichten werden mit Austritt aufgehoben.
Über die Autorin
Redaktion Haltern
Haltern am See ist für mich Heimat. Hier lebe ich gern und hier arbeite ich gern: Als Redakteurin interessieren mich die Menschen mit ihren spannenden Lebensgeschichten sowie ebenso das gesellschaftliche und politische Geschehen, das nicht nur um Haltern kreist, sondern vielfach auch weltwärts gerichtet ist.
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Elisabeth Schrief

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