Mit Kochsalz angereichert, geschwenkt, entlüftet und aufgezogen: Der Umgang mit den Impfdosen ist streng vorgegeben. © Arne Pöhnert
Corona-Pandemie

Halterner Ärztin zur Corona-Impfung: „Das ist für uns alle die Chance“

Beim ersten Corona-Impftermin in Haltern war Dr. Nadine Anstipp im Seniorenzentrum Kahrstege. Im Interview mit Ingrid Wielens sprach sie über den Ablauf und gute Argumente für die Impfung.

Die beiden Hausärzte Dr. Nadine Anstipp und Dr. Friedhelm Bous haben die erste Impfung in Haltern durchgeführt. Am Dienstag waren die Bewohner des Seniorenzentrums Kahrstege geimpft worden. Gegenüber der Halterner Zeitung äußerte sich die Allgemeinmedizinerin jetzt zum Ablauf des ersten Impftermins, zu Reaktionen der Bewohner und zu guten Gründen, die für eine Impfung sprechen.

Frau Dr. Anstipp, wie groß ist der Aufwand bei einem solchen Impftermin?

Der Aufwand ist recht hoch. Wir wurden aber sehr gut durch das Seniorenheim entlastet, weil dort viel Vorarbeit geleistet wurde. Vorab müssen beispielsweise die Einwilligungen der zu impfenden Patienten eingeholt werden. Teils kann der Patient das aber gar nicht mehr selbst entscheiden. Dann muss es über die Betreuer gehen. Häufig haben auch die hausärztlichen Kollegen schon im Vorfeld bei Fragen mitgeholfen. Als wir dann ins Heim kamen, lagen alle Einwilligungserklärungen bereits vor. Auch Impfreaktionen, Infekte oder andere Auffälligkeiten müssen ja vorab abgeklärt sein. Sonst dürften wir ja gar nicht impfen. Wir haben das nur noch einmal kontrolliert. Auch auf die Dokumentationen des Heimes konnten wir dabei zurückgreifen.

Die Impfdosen waren bereits morgens von einer Spedition angeliefert worden. Was geschieht dann damit?

Sie wurden in einem separaten Kühlschrank gelagert und aufgetaut. In der Küche der Cafeteria wurden sie dann nach genauer Vorgabe mit einer Kochsalzlösung angemischt. Sie dürfen nicht geschüttelt werden, müssen auf besondere Art und Weise geschwenkt und entlüftet werden. Da sind einige Vorgänge nötig. Die Spritzen wurden dann für uns Ärzte aufgezogen und bereitgelegt.

Wie haben Sie den gesamten Ablauf im Seniorenzentrum Kahrstege wahrgenommen?

Alles war sehr gut organisiert. Die Patienten kamen in Begleitung einer Pflegekraft auf der einen Seite der Cafeteria hinein und erhielten ihre Unterlagen. Dann kamen sie zu uns, wieder mit einer Pflegekraft, sodass auch die Nervosität der Patienten sich in Grenzen hielt. Die ganze Zeit war ein Pfleger an der Seite jedes Bewohners, der ihn begleitet und unterstützt hat. Diese Eins-zu-Eins-Betreuung war wirklich hervorragend.

Wie nervös waren die Bewohner?

Einige waren ganz locker, andere ein bisschen nervös. Bei der ganzen Menschenmenge im Haus. Alle waren unterwegs. Das ist nichts Gewöhnliches.Zudem kannten die Patienten uns teils nicht. Wir trugen außerdem Schutzkleidung. Das war natürlich hochaufregend.

Wie ging es weiter?

Nach Sichtung der Unterlagen haben wir dann die Impfung durchführen können. Die Patienten haben nach der Impfung ihre Unterlagen – ein Blatt zur Aufklärung, ihre Einwilligung, die Anamnese und das Impfdokument – wieder abgegeben und den Raum auf der anderen Seite wieder verlassen. Etwa fünf Minuten dauerte der gesamte Vorgang.

Haben Sie auch Skepsis oder gar Angst vor den Folgen der Impfung bei den Patienten wahrgenommen?

Nein, es war eher die Nervosität, was nun geschieht. Der Impfung gegenüber waren alle sehr aufgeschlossen. Viele sagten hinterher: „Oh, das hat ja gar nicht wehgetan.“

Wie stehen Sie persönlich zur Impfung? Würden Sie sie vorbehaltlos empfehlen?

Man muss immer den individuellen Fall betrachten. Prinzipiell bin ich definitiv eine Impfbefürworterin. Jeder muss sich aber vorher mit dem Thema beschäftigen, sich gegebenenfalls beraten lassen oder bei Fragen an seinen Hausarzt wenden.

In welchen Fällen sollte man sich nicht impfen lassen?

Wenn Sie zum Beispiel kürzlich einen schweren Infekt hatten und Antibiotika eingenommen haben. In einzelnen Situationen müsste vielleicht auch die Interaktion mit anderen Medikamenten geprüft werden. Aber das sind wirklich nur sehr wenige Medikamente, die im Alltag so gut wie nie verabreicht werden.

Wie stehen Sie zu Ihrer persönlichen Impfung?

Ich befürworte die Impfung auch für mich.

Es besteht eine gewisse Unsicherheit in der Bevölkerung angesichts möglicher Folgen, auch Langzeitfolgen der Impfung. Wie können Sie die Menschen überzeugen, sich impfen zu lassen?

Das ist jetzt für uns im Moment die Chance. Wir müssen jetzt als Gesellschaft wieder zusammenhalten. Der große Zusammenhalt zu Beginn der Corona-Pandemie droht wieder umzuschlagen. Im Moment haben wir leider wieder mehr die Tendenz, dass jeder wieder mehr an sich selbst denkt.(Nadine Anstipp erzählt von ihrem achtjährigen Sohn, der kürzlich vom Rad gefallen war und weinte, aber aus Angst vor einer möglichen Ansteckung keine Hilfe der umstehenden Menschen erhielt.) Im Rahmen der Impfung sollten wir wirklich alle noch einmal aneinander denken. Mit der Impfung haben wir alle wieder die Chance, dass wir hinterher wieder besser und ungezwungener miteinander umgehen können.

Werden Sie auch im Impfzentrum in Recklinghausen impfen?

Ich habe mich auch im Impfzentrum beworben. Da wissen wir aber noch nicht, wann dort der Start erfolgen wird. Ich hoffe, dass ich dort auch eingesetzt werde.

Ist der Einsatz dort für Sie eine besondere Herausforderung?

Ich habe mit der Impfung angefangen und würde das gerne weiter durchziehen. Ich hoffe, dass ich meinen Jungs dann bald wieder sagen kann: „Geht raus auf die Straße, trefft euch ganz normal mit euren Freunden und geht spielen.“

Wie sieht es mit der Impfung pflegedürftiger und behinderter Menschen aus, die ihr Zuhause nicht verlassen und daher auch nicht ins Impfzentrum kommen können?

Da wird es mobile Einsatzteams geben. Aber soweit sind wir aktuell noch nicht.

Gibt es schon weitere Impftermine für die Halterner Senioreneinrichtungen?

Nächste Woche werden St. Sixtus und St. Anna an der Reihe sein. Das Lambertusstift ist dann auch in den nächsten Tagen dran. Es kommen jetzt alle Heime nach und nach an die Reihe.

Werden wir Sie dann auch wieder antreffen?

Nein, ich bin nicht immer dabei. In St. Anna impfe ich aber auch wieder. Die Aufteilung der Halterner Hausärzte hat Dr. Hollensteiner übernommen. Er macht da sehr viel für uns. Es werden aber immer zwei Halterner Ärzte bei jedem Impftermin anwesend sein.

Wagen Sie eine Prognose, wann sich die Corona-Situation wieder einigermaßen entspannen wird?

Ich hoffe mal, im Sommer.

Die Ärztin und Sprecherin der Halterner Ärzteschaft, Dr. Astrid Keller, hat sich auf Anfrage ebenfalls zur Impfung und zu den verschärften Lockdown-Maßnahmen geäußert. Die Fortführung des Lockdowns sei unumgänglich gewesen, sagt Keller. „Ob die verschärften Maßnahmen greifen, wird sich zeigen. Ich denke allerdings, dass wir lieber jetzt noch 2 Monaten durchhalten sollten, damit zum Frühsommer hin, auch zusammen mit der Impfung, die jetzt anrollt, endlich Besserung in Sicht ist“, so die Hausärztin. „Persönlich habe ich den Eindruck, dass die Impfbereitschaft größer wird. Gerade die Risikogruppen sind sehr besorgt und wollen sich zu einem großen Anteil impfen lassen.“ Keller selbst wolle sich auch baldmöglichst impfen lassen. So hätten sich auch ihre Kollegen geäußert.

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Geboren in Dülmen, Journalistin, seit 1992 im Medienhaus Lensing - von Münster (Münstersche Zeitung) über Dortmund (Mantelredaktion Ruhr Nachrichten) nach Haltern am See. Diplom-Pädagogin und überzeugte Münsterländerin. Begeistert sich für die Menschen und das Geschehen vor Ort.
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