Am 31. März 1945, als die Alliierten Haltern besetzt hatten und in Haltern der Hunger allgegenwärtig war, organisierten Sozialdemokraten in einem Wohnzimmer die Wiedergeburt ihrer Partei.

Haltern

, 17.06.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die SPD Haltern feiert ihre Wiedergeburt vor 75 Jahren. Allerdings vereitelt die Corona-Pandemie den geplanten großen Festakt im Seeblick mit Martin Schulz als prominentem Gast. Deshalb bleibt es zunächst bei einem stillen Erinnern - Mitglieder und Freunde können sich dafür lesend in die Geschichte vertiefen.

Professor Dr. Stefan Goch von der Ruhr-Universität Bochum hat die Umstände der Neugründung im Wohnzimmer von Ludwig Schmale an der Koeppstraße 66 recherchiert und eine Festschrift verfasst. „Es ist unsere Geschichte. Die Geschichte von standhaften Sozialdemokraten“, danken Parteivorsitzender Heinrich Wiengarten und Fraktionsvorsitzende Beate Pliete dem anerkannten Historiker für das Verfassen der wissenschaftlichen Arbeit.

Die Gründung der SPD stieß 1900 nicht auf Sympathie

Die Geschichte der Sozialdemokratie in Haltern beginnt bereits im Jahr 1900. Die Gründung des Ortsvereins stieß in einer katholischen und ländlich geprägten Region nicht gerade auf viel Sympathie. Die Sozialdemokraten, so schreibt Stefan Goch, hatten unter polizeilicher Verfolgung zu leiden und Gastwirte verwehrten ihnen aus Angst vor Repressalien Versammlungen in ihren Sälen.

Trotz aller Widrigkeiten gründeten zwölf Halterner die sozialdemokratische Arbeiterbewegung. Bei der Reichstagswahl 1932 erhielt die SPD 324 Stimmen, ein halbes Jahr später begannen die Verfolgungen durch die Nationalsozialisten. Am 22. Juni 1933 wurde die SPD verboten.

Von den Sozialdemokraten wurden Gustav Günther, Heinrich Letzing, Alfred Trebesius, Thomas Pomikaj, Fritz Rumpf, Fritz und Ludwig Schmale im Konzentrationslager Brauweiler inhaftiert; Josef Assmann, Johann Dransmann und Johann Thiemann wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die Verhörmethoden waren brutal, schreibt Stefan Goch. Die Gestapo schlug die Gefangenen mit Stöcken, Stuhlbeinen oder Gummiknüppeln. Ein Arzt wurde bei Verletzungen nie hinzugezogen.

Fritz Schmale führte die wiedergegründete SPD

Sozialdemokraten, die das Nazi-Regime überlebten, organisierten noch während der Besetzung Halterns durch alliierte Truppen die Wiedergründung ihres Ortsvereins. Sie wollten am Wiederaufbau der Stadt und der lokalen Demokratie beteiligt sein. Am 31. März 1945 fand das Gründungstreffen in der Wohnung von Ludwig Schmale an der Koeppstraße 66 (heute Am Uferkastell 22) statt.

An diesem Abend wurde sein Bruder Fritz zum ersten Vorsitzenden gewählt. Die Kommandanten der Besatzer hatten zunächst Bedenken. Sie suchten zuerst das Gespräch mit Vertretern der Kirchen und konservativen Gruppierungen, sie waren insgesamt misstrauisch gegenüber politischen Aktivitäten der Deutschen.

Dokumente widerlegten die Ahnungslosigkeit

Was sie aber nicht daran hinderte, Beamte, die im Dritten Reich den Nationalsozialisten gedient hatten, weiterhin im Rathaus zu beschäftigen. „Dort wollte man nichts mehr von der Verfolgung von Sozialdemokraten und Gegnern der Nationalsozialisten gewusst haben. Vorhandene Dokumente aus der Kriegszeit widerlegten jedoch die Ahnungslosigkeit“, notiert Stefan Goch in der Festschrift.

Festschrift wird kostenlos ausgegeben

Professor Dr. Stefan Goch wurde beim Verfassen der Festschrift von der Halterner Studentin Katharina Schuler unterstützt. Die historische Aufarbeitung wird kostenlos an alle SPD-Mitglieder verteilt. Wer darüber hinaus Interesse hat, kann sich ein Exemplar im SPD-Büro, Rekumer Straße, zu den normalen Öffnungszeiten abholen. Ansonsten Kontakt zu Heinrich Wiengarten oder Beate Pliete aufnehmen.

Dabei habe der von 1933 bis 1945 amtierende Bürgermeister Carl Schenuit die Festnahmen der Sozialdemokraten Josef Dreckmann sowie Alfred und Karl Breitenkamp unterschrieben. Schenuit wurde entlassen, der Sozialdemokrat Karl Oswald (vorher KPD) stattdessen im April zum Bürgermeister ernannt.

Der Sozialdemokrat Karl Oswald wurde 1945 zum Bürgermeister Halterns ernannt.

Der Sozialdemokrat Karl Oswald wurde 1945 zum Bürgermeister Halterns ernannt. © Archiv Backmann

Ein Verwaltungsbeirat sollte sich mit ihm der Versorgung der Bürger annehmen sowie Recht und Ordnung wieder herstellen. Die Versorgung der Halterner mit Lebensmitteln und Baumaterialien blieb ein ständiger Punkt auf der Tagesordnung dieses Verwaltungsbeirates.

Ein CDU-Bürgermeister und ein SPD-Beigeordneter

Zum Wiederaufbau demokratischer Strukturen beschloss der Beirat am 28. Januar 1946 eine neue Hauptsatzung und damit die Gründung einer Gemeindevertretung. Sie sollte aus 23 Mitgliedern, einem ehrenamtlichen Bürgermeister und zwei ehrenamtlichen Beigeordneten bestehen. Die CDU stellte 15 Mitglieder, die SPD und KPD waren mit je vier Mitgliedern vertreten. Clemens Sebbel (CDU) wurde zum Bürgermeister gewählt, einer der Beigeordneten war der Chemiefacharbeiter Fritz Schmale (SPD).

„Wir verneigen uns mit großem Respekt vor unseren politischen Vorfahren“, schreiben Heinrich Wiengarten und Beate Pliete. Die Erfahrungen der Vergangenheit hätten die Sozialdemokraten gelehrt, sich für eine starke Demokratie einzusetzen. „Für die, die die Gesellschaft spalten, Gewalt und Rassismus propagieren, ist kein Platz. Nicht in der SPD, nicht in Haltern.“

Die SPD Haltern ist übrigens der älteste wieder gegründete Ortsverein Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Stefan Goch: „Tatsächlich ist in der SPD-Parteizentrale in Berlin kein älterer Ortsverein bekannt.“

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