Die Corona-Ausbrüche bei Tönnies und Westfleisch haben ein schlechtes Licht auf die Fleischindustrie geworfen. Viele kaufen jetzt lieber beim kleinen Metzger vor Ort. Ist das immer besser?

Sythen, Hullern

, 03.07.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit das mit der ‚Fleischgeschichte‘ in den letzten Wochen war, haben wir sehr viele neue Kunden bekommen und einen wirklich großen Andrang erlebt“, sagt Karin Prang, die in Sythen die kleine Fleischerei Prang betreibt. Bei ihr werde alles noch selbst verarbeitet und verwurstet - geschlachtet allerdings nicht. Doch Prang sagt: „Bei Tönnies und Westfleisch sind wir gar nicht mit drin, wir bekommen unser Fleisch von kleinen Bauern in der Region, zum Beispiel aus Lippramsdorf und Borken.“

Transparenz von Metzgern ist gefragt

Sabine Klein von der Verbraucherzentrale NRW bekommt zurzeit so viele Anfragen wie noch nie zum Thema Fleisch. Ihr Tipp sei grundsätzlich, bei kleinen, lokalen Metzgereien zu kaufen, auch wenn das keine Garantie dafür sei, dass das Fleisch dort nicht auch von großen Schlachtbetrieben wie Tönnies oder Westfleisch komme. „Aber der große Vorteil ist: Man kann fragen.“

Und das tun die Halterner Kunden bei Karin Prang. „Wir stehen dann auch gerne Rede und Antwort“, sagt sie. Auch Elke Schulte vom Hof Hagedorn in Lavesum hat festgestellt, dass seit der Schlagzeilen um Westfleisch und Tönnies mehr Kunden nachfragen würden, woher das Fleisch stamme, was bei ihr in der Theke liegt. „Wir merken da, dass wir da jetzt etwas gläsern werden müssen“, sagt sie.

Kleine Metzgereien beziehen seltener von großen Schlachtbetrieben

Rechtlich sind die Metzgereien nicht dazu verpflichtet, ihren Kunden Auskunft darüber zu geben, woher sie ihr Fleisch beziehen. „Aber wer seine Kunden behalten möchte, sollte da eine ehrliche Antwort geben können“, sagt Sabine Klein. Tendenziell sei es außerdem eher selten, dass kleine Metzgereien ihr Fleisch aus großen Schlachtbetrieben bekommen. „Aber im Sommer, wenn zum Beispiel die Nachfrage nach bestimmten Produkten wie Grillfleisch besonders hoch ist, kann das natürlich passieren, dass ein kleiner Metzger beim Großhandel einkaufen muss, wo die Grillwürstchen dann vielleicht auch aus einem großen Schlachtbetrieb stammen.“

„Kann nichts anderes vertreten“

Das Fleisch, das Elke Schulte beim Hof Hagedorn verkauft, komme zum Teil vom Hof ihrer Schwester aus Dorsten, wo Ur-Rrinder gehalten werden, die ihr Schwager selbst schlachte. Der andere Teil komme aus der Schlachtung von Matthias Redlich, der in der Halterner Innenstadt auch selbst in seiner Metzgerei Fleisch verkauft. „Da kann ich als Betriebsinhaberin für stehen - und ich könnte auch nichts anderes vertreten.“ Elke Schulte sagt, dass die Kunden dafür aber die Bereitschaft zeigen müssten, auch einen angemessenen Preis für ihre Lebensmittel zu zahlen. „Natürlich ist es teurer als beim Discounter. Aber da sieht man ja jetzt auch, dass nichts für den überbleibt, der das Fleisch produziert.“

Zum Beispiel sind Grillspieße im Sommer besonders gefragt bei den Kunden.

Zum Beispiel sind Grillspieße im Sommer besonders gefragt bei den Kunden. © Pia Stenner

Auch im Dorfladen in Hullern bekommen Kunden direkte Auskunft über die Herkunft des Fleischs: Das stamme nämlich direkt von Schweinen, die in Hullern an der frischen Luft aufgewachsen seien. „Stressfrei und ohne Medikamente“, sagt Dorfladen-Inhaber Christian Bögge, der den Züchter persönlich kennt. Zum Schlachten kämen sie dann zu einem kleinen Betrieb in Dülmen und danach in die Verarbeitung nach Seppenrade, erklärt Bögge.

Identitätskennzeichen auf der Verpackung

Wer in größeren Supermärkten kauft, kann allerdings nicht so einfach fragen, wo die Tiere gelebt haben, geschlachtet und verarbeitet wurden. Sabine Klein erklärt, dass es auf den Verpackungen ein ovales Identitätskennzeichen gibt, das sich eigentlich nicht an die Verbraucher, sondern an die Lebensmittelüberwachung richte. Deshalb gebe es auch nur Auskunft über den letzten Ort, an dem das Produkt verarbeitet wurde. Das kann dann auch die Verpackungsfabrik sein. „Glücklicherweise kann man es beim Fleisch aber ganz gut auch als Krücke für den Verbraucher nehmen, da der letzte Verarbeitungsort häufig die Schlachterei ist.“

„Bio“ sagt nichts über den Schlachtbetrieb aus

Das Identitätskennzeichen zeigt durch die Buchstaben „EG NW“ an, wenn der Betrieb in Nordrhein Westfalen liegt. Über eine fünfstellige Nummer lässt sich dann über eine Datenbank des Bundesamtes für Lebensmittel- und Verbraucherschutz herausfinden, welcher Betrieb sich dahinter verbirgt.

„Wer nicht möchte, dass sein Fleisch aus einem Tönnies-Betrieb kommt, sollte auch bei Bio-Produkten nachgucken“, rät Klein. Denn für Bio-Schlachtbetriebe gebe es die gleichen Vorgaben wie für konventionelle Schlachtbetriebe und auch Bio-Fleisch wurde in den Schlachtereien von Tönnies verarbeitet.

Obwohl das Fleisch beim lokalen Metzger keine solche Kennzeichnungen trägt, könne man auch am Fleisch selbst erkennen, ob es von guter Qualität ist, meint die Sythener Metzgerin Karin Prang. „Das ist dann deutlich fester und saftet nicht so sehr, man kann es also merken, wenn man es anfasst und schneidet.“ Und der Hullerner Christian Bögge ist überzeugt: „Wenn die Tiere artgerecht aufgewachsen sind, dann schmeckt man das auch.“

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