Der Wulfener Architekt Hans-Georg Schmidt-Domogalla hat das Genossenschaftsprojekt LiNa entworfen. Das energetisch gut durchdachte Passivhaus kostete 3,1 Millionen und finanzierte sich durch Genossenschaftsanteile, öffentliche Mittel und Bankdarlehen. © LiNa
Genossenschaftliches Wohnen

Genossenschaftsprojekt Lina in Haltern: Toleranz ist unverzichtbar

Vera Nolting zog vom Eigenheim auf dem Land in ein genossenschaftliches Wohnprojekt mitten in Haltern. Sie verkleinerte sich von 200 auf 63 Quadratmeter. Ein Neuanfang - und Lernprozess.

Wer sich ein „Leben in Nachbarschaft“ wünscht, muss Genosse werden. Dafür gibt es im Gegenzug viele Annehmlichkeiten und die Gewissheit, im Alter nicht allein zu sein. Das ist das Grundprinzip des genossenschaftlichen Wohnprojektes LiNa für Menschen ab 60, das 2017 zum Start als vorbildliche Multiplikatorsiedlung vom Land ausgezeichnet wurde. Architekt Hans Georg Schmidt-Domogalla aus Dorsten-Wulfen entwarf das Haus, das große Beachtung über die Grenzen Halterns hinaus fand.

26 Bewohner im Alter zwischen aktuell 63 und 87 Jahren leben zentrumsnah in 18 Wohnungen von einer Größe zwischen 47 und 85 Quadratmetern. Ein Teil ist sozial gefördert.

Auch Vera Nolting hat sich hier eingerichtet. „Nachdem unsere Kinder aus dem Haus waren, hatten wir den Wunsch, von Hullern nach Haltern-Mitte zu ziehen“, erzählt die 73-Jährige. Von Beginn an hatten sich Vera und Horst Nolting an der Planung des Genossenschaftsprojekts beteiligt. Tragisch war dann, dass Horst Nolting ein Jahr vor dem Einzug verstarb.

„Meine persönlichen Erwartungen wurden weit übertroffen“, sagt Vera Nolting. Sie fühlt sich im LiNa-Haus pudelwohl.
„Meine persönlichen Erwartungen wurden weit übertroffen“, sagt Vera Nolting. Sie fühlt sich im LiNa-Haus pudelwohl. © privat © privat

Schon während der Bauphase waren sich beide darüber im Klaren, in welche der 19 Wohnungen sie einziehen würden. „So konnte ich die Raumverteilung nach meinen Bedürfnissen mitbestimmen. Im Nachhinein gesehen ein großer Vorteil“, blickt Vera Nolting zurück. Die Wohnung misst 63 Quadratmeter, wirkt allerdings durch die offene Gestaltung und helle Möblierung viel größer. „Mir war von Anfang an klar, dass ich die Möbel aus unserem Haus nicht mitnehmen konnte.“

Nutzbeete angelegt, um eigenes Gemüse anzubauen

Vera Nolting hat eine große Terrasse, von der aus sie direkt in den Garten gehen kann. Hier kann sie ihrer Leidenschaft, der Gartenarbeit, nachgehen. „Ich habe mit anderen Bewohnern Nutzbeete angelegt, wo wir unser eigenes Gemüse anbauen. Die Gemeinschaft, die ich hier erfahre, tut mir sehr gut.“ Vera Nolting hat ihre Entscheidung für das Genossenschaftsprojekt nicht bereut. Gemeinsame Unternehmungen ( Stammtische, Spielenachmittage, Frühstück, Grillen, kleine Geburtstagsempfänge, Ausflüge …) brächten die Bewohner zusammen, sagt sie. Jeder erfahre die Hilfe, die er brauche. „Auch wenn man längere Zeit nicht da ist, weiß man, dass sich die Nachbarn um alles kümmern. Welch eine Erleichterung!“

Die Ansicht des Genossenschaftshauses zur Straßenseite: Laubengänge verbinden die Wohnungen.
Die Ansicht des Genossenschaftshauses zur Straßenseite: Laubengänge verbinden die Wohnungen. © Schmidt-Domogalla © Schmidt-Domogalla

2013, als es um die Grundstücksfrage ging, hat das Umfeld nicht nur freundlich reagiert. „Es kursierten Gerüchte, dass LiNa für die Verlegung der gegenüberliegenden Grundschule verantwortlich sei sowie für die Schließung des städtischen Spiel- und Bolzplatzes, auf dem unser Gebäude errichtet wurde“, erklärt dazu Gisela Funke vom Vorstand des Vereins LiNa. Heute fänden selbst Skeptiker Gefallen an dem architektonisch ansprechenden Haus auf einem 2862 Quadratmeter großen Grundstück.

Langes eigenständiges Leben in eigenen vier Wänden

Dieses Grundstück liegt so zentral, dass auch die ältesten Bewohner noch am Leben teilnehmen können. „Die barrierefreie Bauweise erlaubt ein längeres eigenständiges Leben in den eigenen vier Wänden als dies üblicherweise möglich ist.“ Gisela Funke stellt aber auch fest: „Das Zusammenleben erforderte einen Lernprozess, obwohl viele Projekt-Beteiligte sich schon über Jahre hinweg kennenlernen konnten. Wo Menschen im fortgeschrittenen Alter mit langer Lebenserfahrung aufeinandertreffen, ist Toleranz unverzichtbar.“

Schlugen zum Richtfest (2016) symbolisch die letzten Nägel ein (v.l.): Norbert Hoffmann (LiNa/Leben in Nachbarschaft), Architekt Hans-Georg Schmidt-Domogalla, Erich Becker und Gisela Funke (beide LiNa).
Schlugen zum Richtfest (2016) symbolisch die letzten Nägel ein (v.l.): Norbert Hoffmann (LiNa/Leben in Nachbarschaft), Architekt Hans-Georg Schmidt-Domogalla, Erich Becker und Gisela Funke (beide LiNa). © Schrief © Schrief

Aber sie freut sich auch, dass sich seit dem Einzug eine gute Gemeinschaft, teilweise auch mit Freundschaften, entwickelt hat. Zwei Bewohner sind mittlerweile in ein Altenheim umgezogen, da auch die Unterstützung durch einen Pflegedienst nicht mehr ausreichte.

Der Gemeinschaftsraum ist ein wichtiger Faktor für das gelungene Zusammenleben. Derzeit wird er wegen Corona allerdings nicht entsprechend genutzt. Besonders bewährt hat sich nach Auskunft von Gisela Funke das in der Gemeinschaftswohnung liegende Gästezimmer mit Bad, das nach Absprache genutzt werden kann.

Einige Investitionen wurden nach und nach getätigt, zum Beispiel wurden Ladestationen für zwei Elektrorollstühle angeschafft, die Haus-Eingangstüren mit elektrischen Antrieben ausgestattet und eine Wallbox für E-Autos installiert.

Auf lange Sicht wird energie-autarkes Gebäude angestrebt

Erneuerbare Energien spielten von Anfang an eine wichtige Rolle. Das LiNa-Haus hat KFW 40 Standard und ist in ökologischer Bauweise erstellt. Es habe sich als besonders betriebskostengünstig erweisen, so Gisela Funke. Dazu trägt auch die Photovoltaik-Anlage mit Pufferspeicher bei. Auf längere Sicht wird sogar ein energie-autarkes Gebäude angestrebt. Das Projekt ist solide finanziert, sodass bereits seit längerer Zeit keine weiteren Genossenschaftsanteile mehr ausgegeben werden. In den letzten drei Jahren wurde jeweils eine Überschussbeteiligung ausgezahlt. Ein Teil der Erträge wird reinvestiert, beispielsweise in den Naturschutz im eigenen Garten oder in die Gebäudeausstattung.

Vera Nolting findet, durch das Genossenschaftsprinzip fühle sich jeder Bewohner für Haus und Garten verantwortlich. „Die eingebrachten Genossenschaftsanteile machen das Haus für jeden zu einem Stück Eigentum. Meine persönlichen Erwartungen wurden in den vergangenen vier Jahren weit übertroffen.“

Umzug von Flaesheim nach Haltern: „Alles richtig gemacht“

Bei Maria Herbst (72) hat es eine Weile gedauert, bis das Heimweh nach Flaesheim verklungen war. Mit ihrem Mann Dieter bewohnte sie dort in einem Zwölf-Parteien-Haus eine 80 Quadratmeter große Eigentumswohnung. „Bevor wir uns für LiNa entschieden haben, haben wir uns gründlich informiert und Beispielhäuser angesehen“, erzählt Dieter Herbst (77). Und zusammen haben sie viel über das Älterwerden nachgedacht. „Wir haben alles richtig gemacht“, strahlen sie heute.

Maria und Dieter Herbst fühlen sich im LiNa-Haus pudelwohl. Sie sind vom Dorf in die Stadt gezogen und freuen sich heute, dass sie vieles zu Fuß erreichen können.
Maria und Dieter Herbst fühlen sich im LiNa-Haus pudelwohl. Sie sind vom Dorf in die Stadt gezogen und freuen sich heute, dass sie vieles zu Fuß erreichen können. © Privat © Privat

Sie lieben ihre 62 Quadratmeter große Wohnung, die sie zum Teil mit neuen Möbeln ausgestattet haben. Und sie genießen es, mitten in der Stadt zu leben, wo sie vieles zu Fuß erreichen können. 3000 Kilometer fahren Dieter und Maria Herbst weniger mit dem Auto als früher. Auch gefällt ihnen das Klimakonzept des Hauses, die Nebenkosten seien sehr, sehr gering. Das Ehepaar ist sportlich sehr aktiv und fühlt sich fit – es ist vor allem aber zufrieden. Dieter Herbst: „Wir können das genossenschaftliche Wohnen im LiNa-Haus nur weiterempfehlen. Und das ist keine Phrase.“

Die Hürden und das Zeitmanagement

Gisela Funke erklärt Interessenten, was die größte Hürde ist und wie viel Zeit man einplanen sollte:

  • Erfahrungsgemäß benötigen Wohnprojekte 5 bis 7 Jahre bis zur Fertigstellung. Jahrelang waren Wohnungsbaugenossenschaften kaum ein Thema, sodass man Interessenten zunächst einmal von den Vorteilen des genossenschaftlichen Bauens überzeugen muss.
  • Dies vor allem im Hinblick darauf, dass eine junge Genossenschaft noch keinen Kapitalstock hat, auf den sie zurückgreifen kann. Da Bauen stets auch Eigenkapital erfordert, benötigt man Mitstreiter, die bereit sind, Geld in ein Projekt zu investieren, das noch im Entstehen ist.
  • Nicht unterschätzt werden sollte auch der Zeitaufwand, den eine Genossenschaftsgründung, die Mitplanung und die Bauphase erfordern. Insgesamt jedoch wächst die Zahl der Baugruppen, die ein gemeinschaftliches Wohnprojekt für unterschiedliche Zielgruppen planen.
  • Das Projekt ist entstanden aus einer Initiative der Stadt Haltern. Nach ersten Veranstaltungen unter Mitwirkung der Wohnbundberatung Bochum und der Halterner Verwaltung wurde im Oktober 2010 der Verein LiNa e.V. gegründet.
  • Dazu gibt es die Genossenschaft. deren Ziel ist es, die von den Mitgliedern des Vereins LiNa e. V. – Haltern am See – Leben in Nachbarschaft – ausgearbeiteten Ideen zu einem seniorengerechten Wohnprojekt umzusetzen.
  • Weitere Informationen: www.lina-haltern-am-see.de
Über die Autorin
Redaktion Haltern
Haltern am See ist für mich Heimat. Hier lebe ich gern und hier arbeite ich gern: Als Redakteurin interessieren mich die Menschen mit ihren spannenden Lebensgeschichten sowie ebenso das gesellschaftliche und politische Geschehen, das nicht nur um Haltern kreist, sondern vielfach auch weltwärts gerichtet ist.
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Elisabeth Schrief

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