Laura und Tobias Hoffmann machen jetzt viele Spaziergänge. Ihnen fehlt der Austausch mit anderen Gehörlosen. © Privat
Gehörlose und Corona

Gehörloses Halterner Paar: Neue Verständigungs-Probleme wegen Corona

Tobias und Laura Hoffmann aus Haltern sind gehörlos. Durch die Coronaschutzbestimmungen fällt die Kommunikation im Alltag jetzt noch schwerer als sonst.

Laura und Tobias Hoffmann sind gehörlos. Das junge Paar wohnt seit über drei Jahren in Haltern. Zur Verständigung im Alltag nutzen sie die Gebärdenspräche. Auch die Lippen- und Mundbewegungen ihres Gegenübers helfen ihnen beim Verstehen.

Das alles ist durch die Corona-Situation komplizierter geworden. „Seit die Corona-Pandemie ausgebrochen ist und wir die Masken benutzen müssen, ist es für uns Gehörlose in manchen Situationen schwieriger, mit Personen zu kommunizieren, die keine Gebärdensprache können“, schreiben die beiden.

Für die Halterner Zeitung haben sie die Interviewfragen schriftlich per Mail beantwortet. „In diesen Fällen hilft es, wenn man bereit ist, aufzuschreiben oder auf dem Handy zu tippen, was man sagen möchte, oder, wenn ausreichend Abstand eingehalten werden kann, die Masken kurz abzunehmen.“

Mundbild und Mimik sind Teil der Gebärdensprache

Aber auch unter Personen, die Gebärdensprache können, gebe es durch die Masken Einschränkungen, da das Mundbild und die Mimik/Gestik ein wichtiger Bestandteil der Gebärdensprache sei. Viele Wörter hätten ähnliche oder sogar gleiche Gebärden, daher müsse man schon häufiger überlegen, was der Gesprächspartner meinen könnte, ansonsten helfe das Fingeralphabet. „Beim Bäcker oder beim Einkaufen ist das nicht so problematisch, da wir wie sonst auch oft versuchen zu zeigen, was wir wollen, ohne zu sprechen“, so Laura und Tobias Hoffmann. Für wichtige Termine, wie zum Beispiel Arzttermine, können Gehörlose Gebärdendolmetscher bestellen, die in diesem Fall von der Krankenkasse bezahlt werden. Bei Bank- oder privaten Terminen müssten sie den Dolmetscher allerdings selbst bezahlen.

Auch Arztbesuche werden schwieriger

„In der Corona-Zeit ist der Arztbesuch auch häufiger problematisch. Man kommt zu einem Termin mit einem oder sogar zwei Personen mehr (Termine, die länger dauern, bedürfen einen Doppeleinsatz) und das sehen die Praxen in der aktuellen Zeit natürlich nicht so gerne“, schreiben die Hoffmanns.

„Bisher klappte das jedoch bei unseren Terminen. Wir fragen auch oft nach, ob wir für die Gespräche die Masken kurz abnehmen können, damit der Gebärdensprachdolmetscher uns auch verstehen kann, und setzen uns weiter auseinander.“ In Alltagssituationen wie beim Einkaufen oder Reisen benötigen die Beiden keinen Gebärdendolmetscher.

Auch telefonisch können Laura und Tobias Hoffmann kommunizieren. Das funktioniert über den „Tess-Relay-Dienst“. „Mit diesen Diensten können wir per App alle im deutschsprachigen Raum telefonisch erreichen und umgekehrt“, so die Hoffmanns. „Beispiel für den Anruf von uns: Wir gehen in die App und rufen an. Ein/e Gebärdensprachdolmetscher/in erscheint auf dem Bildschirm und sieht uns ebenfalls. Wir nennen dann die gewünschte Telefonnummer und den Namen. Der/die Gebärdensprachdolmetscherin wählt die Nummer und übersetzt das ganze Gespräch, bis einer von uns „auflegt“. Für Privatpersonen kostet das 14 Cent pro Minute (das zahlen aber die Anrufer, in dem Fall die Gehörlosen, selbst) oder umgekehrt der Anrufer, der uns anruft.“

Auch Sport ist nicht mehr möglich

Seit Beginn der Pandemie hat sich das Alltagsleben der Hoffmanns komplett verändert. „Für uns als gehörlose Personen ist es aktuell komplett anders. Normalerweise sind wir an den Wochenenden viel unterwegs, treffen andere Gehörlose bei Veranstaltungen. Aktuelle entfällt alles natürlich. Ich (Laura) habe normalerweise fast jeden Samstag ein Punktspiel (Futsal), aber seit Februar letztes Jahres habe ich kein Spiel mehr bestreiten können. Für kurze Zeit im September/Oktober 2020 konnten wir ab und zu wieder mit der Mannschaft trainieren, aber seit Mitte Oktober hat sich das auch wieder gelegt.

Und bei mir (Tobias) ist es so, dass die Meisterschaften im GoKart oder Fußball entfallen und ich mich stattdessen zu Hause selbst mit Joggen /Fitness fit halte. Uns fehlt es natürlich, dass viele Gehörlose an einem Ort sind und wir uns mit jedem unterhalten können, so wie es an fast jedem Wochenende vor Corona war. Aktuell gehen wir viel spazieren, machen ganztägige Fahrradtouren.“ Ihren Berufen (Verwaltungswirtin und Bautechniker) gehen sie jetzt vorrangig im Home-Office nach.

Laura und Tobias Hoffmann akzeptieren dennoch die getroffenen Maßnahmen. „Die Gesundheit aller steht an erster Stelle und wir hoffen einfach, dass wir bald die „Normalität“ teils wiederhaben können“, schreiben sie.

Über den Autor
Redaktion Haltern
Studium der Germanistik, Publizistik und Philosophie an der Ruhr Universität Bochum. Freie Autorentätigkeit für Buchverlage. Freier Journalist im nördlichen Ruhrgebiet für mehrere Zeitungshäuser. „Menschen und ihre Geschichten faszinieren mich nach wie vor. Sie aufzuschreiben und öffentlich zugänglich zu machen, ist und bleibt meine Leidenschaft.“
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