Gegen Baum geprallt und tot: Schüler von Unfallberichten der Einsatzkräfte tief bewegt

dzCrash Kurs

Über schreckliche Unfälle mit Todesopfern haben Einsatzkräfte im Schulzentrum berichtet und so große Betroffenheit bei den Schülern ausgelöst. Das war das Ziel des „Crash Kurses“.

01.12.2019, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Wir waren geboren, um zu leben mit den Wundern jeder Zeit“

Der Graf (Unheilig) singt, als die Aula des Schulzentrums sich füllt. Die Polizei des Kreises Recklinghausen hat die zehnten Klassen zum Crash-Kurs NRW eingeladen, die Teilnahme ist freiwillig. Rund 200 Schülerinnen und Schüler der Alexander-Lebenstein-Schule und der Joseph-Hennewig-Schule sind der Einladung gefolgt. Ihnen allen steht eine eineinhalbstündige Veranstaltung bevor, die sie so schnell nicht vergessen werden.

„Es fällt mir schwer, ohne dich zu leben“
Ein Polizist, ein Feuerwehrmann, ein Rettungssanitäter, ein Notarzt, ein Seelsorger und eine Mutter nehmen die volle Aufmerksamkeit der jungen Zuhörer in Beschlag. Sie erzählen von ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit schweren Unfällen.

Karl-Heinz Henn ist Polizeidirektor. Er berichtet von einem Unfall, „der sich auf meine Festplatte eingebrannt hat“. Als sich fünf Jugendliche nach einem Disko-Besuch in den Wagen eines unter Drogeneinfluss stehenden jungen Mannes gesetzt hatten, weil sie müde waren, schnell nach Hause und nicht mehr auf ein Taxi warten wollten. Mit überhöhter Geschwindigkeit war das Fahrzeug gegen einen Baum geprallt - vier der sechs Insassen kamen ums Leben.

Henn zeigt Bilder des grausigen Geschehens, lässt in einem Video ein Unfallopfer, das überlebte, zu Wort kommen. Im Saal ist es leise. Kein Scherzen, Raufen, Reden mehr. Erste Schüler verlassen weinend die Aula. Sie werden von Seelsorgern begleitet.

„Ich stell mir vor, dass du zu mir stehst und jeden meiner Wege an meiner Seite gehst“

Rund 660.000 Verkehrsunfälle ereignen sich jedes Jahr in Nordrhein-Westfalen. Etwa 500 Menschen kommen dabei ums Leben. Als Unfallverursacher sind junge Fahrerinnen und Fahrer im Alter zwischen 17 und 25 Jahren nach Auskunft der Polizei überproportional vertreten. 19 Prozent aller Unfälle gehen auf ihr Konto, wobei der Bevölkerungsanteil lediglich acht Prozent beträgt. Fast 100 junge Fahrer sterben bei diesen Verkehrsunfällen. Dieser Entwicklung will die Polizei mit dem Crash-Kurs entgegentreten.

Gegen Baum geprallt und tot: Schüler von Unfallberichten der Einsatzkräfte tief bewegt

Schilderten ihre schrecklichen Erfahrungen mit tödlichen Unfällen (v.r.): Polizeidirektor Karh-Heinz Henn, Georg Bäther von der Feuerwehr Haltern, Rettungssanitäter Torsten Wehrmann, Dr. Markus Reidt (Chefarzt und Facharzt für Notfallmedizin am Sixtus-Krankenhaus), Seelsorger Gregor Coerdt sowie Heidi Behrend, die ihre Tochter durch einen Unfall verloren hat. © Ingrid Wielens

Feuerwehrmann Georg Bäther und Rettungssanitäter Torsten Wehrmann erinnern an einen Unfall, bei dem zwei junge Menschen starben und ein weiterer schwer verletzt wurde. Auch hier prallte ein Auto gegen einen Baum. Detailliert schildern beide das grauenhafte Bild der Zerstörung, fast minutiös die Bergung der Opfer. Und die schwere Arbeit der Einsatzkräfte, die einen kühlen Kopf bewahren müssen.

„Ich denk so oft zurück an das, was war, an jedem so geliebten vergangenen Tag“

Notarzt Dr. Markus Reidt, Chefarzt am Sixtus-Hospital und Facharzt für Notfallmedizin, kann den Unfall dreier junger Menschen nicht vergessen. Sie waren in ländlicher Umgebung viel zu schnell im Auto unterwegs, als auch hier der Fahrer die Kontrolle über das Auto verlor, das schließlich gegen einen Baum krachte. Für den jugendlichen Beifahrer kam jede Hilfe zu spät. Ein Video mit einer nachgestellten Szene zeigt, wie ein nicht angeschnallter Insasse zu einem regelrechten Geschoss wird.

„In diesem Augenblick bist du mir wieder nah wie an jedem so geliebten

vergangenen Tag“
Notfallseelsorger Gregor Coerdt erzählt, wie er einer Frau und ihrer Familie die traurige Nachricht vom Tod ihres Ehemanns überbrachte. Er war von einem jungen Menschen überfahren worden, der den Mann bei überhöhter Geschwindigkeit übersehen hatte. Schmerz, Verlust, Trauer, Ohnmacht - Coerdt begleitet Familien oft tagelang.

Gegen Baum geprallt und tot: Schüler von Unfallberichten der Einsatzkräfte tief bewegt

Torsten Wehrmann (l.) und Georg Bäther von der Halterner Feuerwehrwache appellierten auch an die Schüler. © Ingrid Wielens

Heidi Behrend war Mutter einer 13-jährigen Tochter. Das Mädchen verbrannte im Unfallfahrzeug. Behrend schildert das unfassbare Geschehen am Unfallort und wie sie sich gemeinsam mit ihrer Familie bis heute in den Alltag zurückkämpfen muss.

„Ich sehe einen Sinn, seitdem du nicht mehr bist. Denn du hast mir gezeigt, wie wertvoll mein Leben ist.“
Deutlich wird, dass Unfälle nicht einfach so passieren. Zu den tragischen Geschehnissen kam es, weil Verkehrsteilnehmer Regeln missachtet hatten. Zu schnell unterwegs, vom Handy abgelenkt, alkoholisiert oder nicht angeschnallt waren oder unter Drogen gestanden haben. „Passt auf euch auf! Und auf die anderen Menschen! Ihr habt eine Verantwortung“, sagt Polizeibeamtin Susanne Klodt. Noch eindringlicher klingt ihre abschließende Feststellung: „Ihr habt nur dieses eine Leben.“

Der Crash Kurs NRW

Ein Programm für positive Verhaltensänderungen

Auf der Suche nach einer wirkungsvollen Möglichkeit, junge Menschen tatsächlich anzusprechen und dauerhafte, positive Verhaltensänderungen zu bewirken, wurde in Staffordshire (Großbritannien) ein „Crash Course“ entwickelt. Mit diesem vergleichbaren Programm hat man seit sechs Jahren gute Erfahrungen in England gemacht. Nach diesem Vorbild wurde auch der Crash Kurs NRW entwickelt. Im Bereich des Polizeipräsidiums Recklinghausen werden im Laufe eines Schuljahres etwa 37 Veranstaltungen dieser Art durchgeführt. Auf diese Weise werden rund 8000 Schüler erreicht.
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