Felix Lobrecht trauert um eine 19-Jährige, die bei einem Autounfall in Haltern verunglückte

dzComedian nimmt Anteil

Anfang Dezember stirbt eine junge Halternerin bei einem Autounfall. Ihr Idol, Comedian Felix Lobrecht, trauert öffentlich um das Mädchen, das seine Bewunderung für ihn auf ihrem Arm trug.

Haltern, Dorsten

, 16.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es ist ein Dienstag, an dem die Welt für Bianca und Michael Wischermann zusammenbricht. Es ist ein Tag, der wie jeder andere beginnt und an dessen Ende nichts mehr so sein soll, wie es mal war. Am 3. Dezember 2019 stirbt ihre Tochter Michelle bei einem Autounfall. 19 Jahre ist die Halternerin alt, als sie nach der Arbeit zu ihren Eltern nach Dorsten fährt. Dort will die Krankenschwester ihren Adventskalender abholen.

Sie kommt nicht dort an. Ihr Auto gerät auf der feuchten Fahrbahn der Dorstener Straße ins Schleudern und prallt mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen. Der Fahrer des anderen Autos wird schwer verletzt. Michelle stirbt wenig später in dem Krankenhaus, in dem sie selbst gearbeitet hat. Es waren nur Sekunden, die ein Leben beendeten. Ausweichen konnte er nicht mehr, sagt der andere Fahrer den Eltern später. Er steht mit Michelles Familie seit dem Unfall in Kontakt.

Jedes Bild des Autowracks ist ein neuer Schock

Es ist ein Unglück, das Haltern bewegt. Es schlägt Wellen in der Seestadt, ebbt ab, brandet durch neue Zeitungsberichte wieder auf. Jedes Bild des Unfalls, holt das Unglück wieder ganz nah heran, erinnert Bianca Wischermann daran, wie sie im Auto ins Krankenhaus fährt. Sie ist noch nicht ganz da, da gibt es die ersten Berichte. Es macht sie noch heute wütend. Viele Freunde erfahren von Michelles Tod, bevor sie es persönlich erzählen kann.

Für die Eltern Bianca und Michael Wischermann und Michelles Freund Fabian gleicht das Leben seit dem tödlichen Unfall einem tosenden Meer. Sie versuchen, den Kopf über Wasser zu halten, auch wenn alles über sie hereinbricht – weiterstrampeln, weitermachen. Es gibt Phasen, in denen sie kurz nicht an das eigentlich Unvorstellbare denken, dann trifft sie die nächste Welle.

„Es gibt gute und schlechte Tage“, sagt Bianca Wischermann. „Es gibt Tage, an denen man versucht, nicht viel daran zu denken, aber dann gibt es Tage, an denen …“ Die 46-Jährige atmet tief ein. „... an denen denkt man die ganze Zeit an nichts anderes“, beendet Fabian den Satz.

„Sie ist glücklich gewesen und dann ist sie einfach weg“

„Das ist von nichts abhängig. Es kann sein, dass man einen guten Tag hatte, dann kommt man nach Hause und es haut einen komplett um. Auf einmal ist alles wieder da.“ Man könne gerade nicht sagen, ob der Tag gut oder schlecht sei, sagt der 22-Jährige. „Man versucht wieder Fuß zu fassen, in die Routinen hineinzukommen, einfach weiterzumachen. Sie ist glücklich gewesen und dann ist sie einfach weg. Das kann man nicht fassen.“

Einen Monat nach dem Unfall, an Neujahr, rollt wieder eine neue Welle an. Sie bringt eine ganze Menge Aufmerksamkeit mit sich. Ausgelöst wird sie vom Comedian Felix Lobrecht. Gemeinsam mit dem Autor und Kolumnisten Tommi Schmitt moderiert er den wöchentlich erscheinenden Podcast „Gemischtes Hack“. Mit mehreren hunderttausend Hörern pro Woche ist es einer der erfolgreichsten Podcasts Deutschlands.

Das Idol unter der eigenen Haut

In der ersten Folge des Jahres berichtet Lobrecht, dass er per Instagram die traurige Nachricht vom Tod eines Fans erhalten habe. Er erzählt die Geschichte: Vor ein paar Monaten sei ein Mädchen nach einem seiner Auftritte zu ihm gekommen und habe gefragt, ob sie von ihm eine Unterschrift auf den Unterarm bekommen könne, weil sie sich diese tätowieren lassen wolle. Nachdem er sie gefragt habe, ob sie sich sicher sei, unterschreibt er auf ihrem Arm.

Das Mädchen, über das er spricht, ohne ihren Namen zu nennen, ist Michelle. Sie lässt sich das Autogramm danach tatsächlich tätowieren. „Ich war zuerst nicht so begeistert“, sagt Bianca Wischermann und muss lachen. Sie habe dann aber gesagt: „Mach es, wenn du meinst. Was sollte ich auch dagegen tun? Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann hat sie es auch durchgezogen. Und es ist dann ja auch wirklich schön geworden.“

„Ich dachte das war ein Scherz“

Michelle lädt damals ein Foto von ihrem Tattoo im sozialen Netzwerk Instagram hoch und verlinkt Felix Lobrecht auf dem Bild. Der 31-Jährige sieht es und kommentiert: „Ist das echt? Ich dachte das war ein Scherz! Aber geil, damit hast du lebenslang freien Eintritt bei mir.“

Nach einer Show zeigt Michelle Felix Lobrecht ihr Tattoo für das seine Unterschrift die Vorlage war. Mutter Bianca hat den Moment festgehalten, in dem Lobrecht ein Foto des Tattoos macht.

Nach einer Show zeigt Michelle Felix Lobrecht ihr Tattoo für das seine Unterschrift die Vorlage war. Mutter Bianca hat den Moment festgehalten, in dem Lobrecht ein Foto des Tattoos macht. © Privat

„Sie hat sich unglaublich darüber gefreut und mich direkt angerufen“, erzählt Michelles Mutter. „Felix Lobrecht war einfach ihr Lieblingskünstler, sie wollte das unbedingt wahrnehmen.“ Für eine Show im Oktober hatte sich Michelle aber ohnehin schon Tickets gekauft.

Sie fährt mit ihrer Mutter nach Marburg und zeigt das Tattoo nach dem Auftritt stolz ihrem Idol. Lobrecht und sie machen gemeinsam ein Foto. Er bekräftigt sein Angebot noch einmal, Michelle könne lebenslang kostenlos zu seinen Auftritten kommen. Sie wird es nicht mehr wahrnehmen können. Zwei Monate später kommt es auf der Dorstener Straße zu dem tragischen Unfall, der auch Lobrecht nahe zu gehen scheint.

Fans kommentieren unter den Bildern des toten Mädchens

Eine Woche nachdem er im Podcast über den Tod Michelles gesprochen hat, postet er in der Story seines Instagram-Accounts, dem fast 660.000 Menschen folgen, ein gemeinsames Bild der beiden. Er schreibt „R.I.P“, die Abkürzung für „Rest in Peace“ (Ruhe in Frieden) und: „Alles Gute für die Familie“. Lobrecht verlinkt das Profil der verstorbenen 19-Jährigen und teilt einen Artikel der Halterner Zeitung. Einige seiner Follower gehen auf Michelles Seite, schreiben Texte unter ihre Bilder, drücken ihre Anteilnahme aus und wünschen der Familie Kraft.

„Auf ihr Profil zu gehen und zu sehen, wie Leute unter ihren Bildern kommentieren, Fotos liken – das ist ein komisches Gefühl. Man weiß nicht, wie man damit umgehen soll“, sagt Fabian. Es seien wunderschöne, lange Texte dabei gewesen. Leute, die ihr Instagram-Profil angeguckt hätten, hätten geschrieben, dass sie so ein lebensfroher Mensch gewesen sei und dass sie es schade fänden, dass sie von uns gehen musste, sagt der 22-Jährige. „Aber man weiß halt auch, dass diese Personen Mimi nie kannten.“

„Ich fand es manchmal auch schön“

„Schlimm fand ich es nicht“, sagt Bianca Wischermann „Ich fand es manchmal auch schön, die Kommentare zu lesen, aber es sind Kommentare, mit denen Michelle nichts mehr anfangen kann.“

Die Story-Posts von Lobrecht sind eine neue Welle, die die Angehörigen und Freunde trifft und ihre Gefühlswelt durcheinanderwirbelt. Sie schwemmt Fragen und Beileidsbekundungen mit an. Nicht nur im Internet, auch im Alltag. „Bekannte von Bekannten haben mich darauf angesprochen. Weil sich diese Instagram-Story in Haltern wie ein Lauffeuer verbreitet hat, haben sie dann auch von ihrem Tod gehört“, sagt Fabian. „Aber irgendwann möchte man nicht mehr darüber reden.“

Sie hat Weihnachten geliebt

Sie möchten viel lieber darüber sprechen, was Michelle für ein Mensch war: Darüber, dass sie Weihnachten geliebt hat, dass es ihr immer wichtig war, dass Menschen sich gegenseitig gut behandeln, dass es gerecht zugeht, dass sie ein lebensfroher Mensch war.

„Wenn man ein Bild von Mimi bekommen will, muss man sich den glücklichsten Menschen vorstellen, den man sich irgendwie vorstellen kann“, erzählt Fabian. Als sie in der Zeitung lesen, die Polizei habe gesagt, dass Suizid ausgeschlossen werden kann, verstehen sie nicht, wie irgendwer überhaupt auf diese Idee kommen konnte, sie hätte sich umbringen wollen. In der Wohngemeinschaft in Haltern, in der sie seit September gewohnt hat, sei sie schon morgens mit einer unbeschreiblichen Fröhlichkeit zu lauter Musik durch die Küche getanzt, erzählt Fabian.

„Sie hat das Leben einfach nur verschönert“

„Sie hat viel unternommen und ist leichtfüßig durchs Leben gegangen“, sagt er. „Ihr war immer super wichtig, dass die Menschen um sie herum glücklich sind. Sie hat Licht ins Leben gebracht und es einfach nur verschönert. Das ist Mimi gewesen.“ Bianca Wischermann hört den Worten des 22-Jährigen zu, tupft sich mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augen und sagt: „Da gibt es nichts zu ergänzen.“

Die Mutter wollte auch Felix Lobrecht erzählen, was ihre Tochter für ein Mensch war. Am 22. Januar fuhr sie mit Michelles Cousine zum Auftritt Lobrechts nach Gelsenkirchen. Die Karten dafür hatte sie im Zimmer ihrer Tochter gefunden. In Gelsenkirchen hat Wischermann ein Bild dabei, das Michelle mit ihrem Idol zeigt. Nach seiner Show nimmt sich der Comedian eine Dreiviertelstunde Zeit und spricht mit der Mutter über ihr Kind.

„Es hätte ihr viel bedeutet“

Sie sagt ihm, dass sie die Verlinkung von Michelles Profil in seiner Story schwierig gefunden habe. Erzählt aber auch, dass Michelle sich unglaublich darüber gefreut hätte. „Auch mir hat es bei der Trauer geholfen, das Mitgefühl von Michelles Idol mitzubekommen“, sagt Wischermann.

„Es hätte ihr viel bedeutet. Das zu wissen, ist tröstend.“ Trost kann den Schmerz lindern. Ganz vergehen wird er bei Michelles Eltern, bei Fabian, bei Freunden und Verwandten wohl niemals. Aber vielleicht wird es leichter, mit ihm zu leben. Es wäre wohl in Michelles Sinne. Ihr war es immer wichtig, dass die Menschen um sie herum glücklich sind.

Anmerkung der Redaktion: Eine Anfrage an das Management von Felix Lobrecht, ob er sich zu dem Thema äußern möchte, blieb unbeantwortet.
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