Familie kaputt: Halterner Jugendlicher rutschte in Drogenabhängigkeit

dzSucht-Geschichte

Das Elternhaus zerbrochen, das Selbstwertgefühl im Keller, Kontakte vernachlässigt - der Weg führte Kay in die Sucht. Es ging Tag für Tag einzig darum, sich zu berauschen.

Haltern

, 02.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Nachklang zu den landesweiten Aktionstagen „Sucht hat immer eine Geschichte“ veröffentlicht die Halterner Zeitung anonyme Erfahrungsberichte von betroffenen Halternern. Hartmut Giese ist Suchtberater beim Caritasverband Ostvest und freut sich über die individuellen Schilderungen. Diese geben einen Einblick über die vielfältigen Suchtgeschichten der Betroffenen. „Je besser die Bevölkerung über die Krankheit Sucht und deren Entstehung informiert ist, desto eher können sich Betroffene und deren Angehörige an Hilfesysteme wenden“, sagt Hartmut Giese.

Aus Angst und Scham allen Fragen ausgewichen

Kay (Name geändert) ist 16, als die Basis des familiären Umfeldes durch die Scheidung der Eltern fünf Jahre zuvor bereits zerbrochen und völlig zerfallen ist. Er schreibt: „Dann der Schulabschluss. Ich fühlte mich haltlos und ohne Orientierung. Trotz meiner Freunde. Ich merkte nicht, dass es mir schlecht ging und auch nicht weshalb. Das Selbstempfinden fühlte sich fremd an und falsch. Auf Fragen wollte ich mich nicht mitteilen - aus Angst und Scham, um genau zu sein.

Ich errichtete eine Fassade, wählte eine leidvolle Distanz zu allen, um nicht demaskiert zu werden, um keinen Blick auf den tatsächlichen Gemütszustand gewähren zu müssen. Emotionen und Gedanken, die zu existenziellen Krisen wurden, verfestigten sich im inneren Monolog zunehmend zu pathologischen, selbstzerstörerischen Mustern. Das Selbstwertgefühl war gänzlich verschwunden. Die Probleme waren zu fundamental und beschwerlich für einen Heranwachsenden, um sie, auf sich gestellt, zu bewältigen.

Ein täglicher Rausch, um zu verdrängen

Es fing aus einem jugendlichen Leichtsinn an – zu unserer Zeit war Cannabis noch nicht so ein bekannter Teil der Subkultur, wie es heute der Fall ist – es waren harmlose Experimente mit Marihuana. Mit der Zeit wurde es zur Zuflucht und unentbehrlicher Teil des Lebens. „Die grüne Brille, ohne sie hätt‘ ich vorm Leben Schiss, sie lässt mich Sonne seh’n wo Regen ist“, heißt es in einem populären Hip-Hop Song unserer Jugend.

Die Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes

Erreichbar per Telefon oder Mail

Die Suchtberatungsstelle hält ihr Beratungs- und Vermittlungsangebot weiterhin aufrecht. Beratungen finden aktuell über das Telefon oder per E-Mail statt: Kirstin Damm, 02364 1090-30, k.damm@caritas-ostvest.de; Heike Jablonski, 02364 1090-31, h.jablonski@caritas-ostvest.de; Hartmut Giese, 02364 1090-34, h.giese@caritas-ostvest.de

Es drehte sich irgendwann hauptsächlich darum, sich im Laufe des Tages zu berauschen – um zu verdrängen, nicht zu fühlen – dabei guckten wir oft Filme. Oder spielten Videospiele, fanden dort Erfolgserlebnisse, die in der realen Welt außerhalb des Erreichbaren schienen. Das Umfeld veränderte sich: Man wählt nicht mehr nur nach Sympathie, sondern auch danach, wer Teilnehmer beim alltäglichen Ritual ist. Verbunden und gleichgesinnt beim Verfremden der Realität. Es war auf den ersten Blick ein behaglicher, stressfreier Mikrokosmos – retrospektiv ein Trugbild. Denn Lösungen für die nicht aufgearbeiteten, belastenden Themen, für das, was aus dem Gleichgewicht geraten war, bot es mir keine.

Lösungen zu finden, war mühevolle Arbeit

Diese Lösungen sollte ich mir in der Folge erst mühevoll erarbeiten. Der Rauschzustand war ein Tausch, ein Ausblenden der Realität, der ungewollten Empfindungen, auf Kosten von Aufarbeitung, von Heilung. Anfänglich habe ich es selbst nicht mehr für möglich gehalten, aber es geht. Nicht im Handumdrehen, aber perspektivisch. Mit der richtigen professionellen Unterstützung. Mit Kontinuität und Zuversicht. Ich habe gelernt, ein partieller Rückschlag ist nicht gleichbedeutend mit generellem Scheitern. Und, dass man leider nicht das Ergebnis vor den Prozess stellen kann.

Dennoch: zu verteufeln wäre töricht, ignorant. So wie bei anderen Suchtmitteln. Es sind Dinge, die verfügbar sind, und, die von Menschen konsumiert werden, aus diversen Gründen.“

Lesen Sie jetzt