Wie sieht die Zukunft für Banken, Handel und Gewerbe in Haltern unter dem Einfluss der Digitalisierung aus? © Grafik Nina Dittgen
Online-Konkurrenz

Experte zu Halterns Geldinstituten: Viele Filialen werden überflüssig

Unsere Arbeitswelt und unser privates Zusammenleben verändern sich durch die Digitalisierung rasant. Wir haben mit Prof. Dr. Henning Vöpel einen Experten zur Zukunft in Haltern befragt.

Der Einzelhandel in Haltern fürchtet die Online-Konkurrenz, in einigen Ortsteilen verschwinden die Filialen der Geldinstitute. Sehen so die Folgen der Digitalisierung unserer Gesellschaft aus? Wir haben Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor und Geschäftsführer des gemeinnützigen Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts und 2018 zu Gast beim Halterner Wirtschaftsgespräch, um eine Lagebeurteilung gebeten.

Die Volksbank Haltern folgt dem Beispiel der Stadtsparkasse Haltern und schließt Filialen in drei Ortsteilen. Muss uns diese Entwicklung überraschen?

Nein, denn die Banken stehen überall unter einem hohen Kostendruck. Negativzinsen, Regulierungsauflagen und Digitalisierung sind die Hauptgründe. Bei der Digitalisierung kommt hinzu, dass sich das Kundenverhalten verändert – das zunehmend kontakt- und bargeldlose Bezahlen etwa macht viele Filialen überflüssig.

Wie sehen Sie die Zukunft von Bankinstituten in Klein- und Mittelzentren? Sind Fusionen, wie sie beispielsweise die Volksbank Haltern mit der Volksbank Lüdinghausen vollzogen hat, ein Modell der Zukunft?

Gerade regional findet zurzeit und in den nächsten Jahren eine Konsolidierung des Marktes statt. Dazu gehören natürlich auch Fusionen, um einerseits Kosten einzusparen und andererseits den Kundenservice aufrechtzuerhalten. Sie sind aber kein Allheilmittel. Letztlich muss jede Bank ihre Hausaufgaben auch für sich machen.

Digital-Experte Prof. Dr. Henning Vöpel war 2018 zu Gast beim Halterner Wirtschaftsgespräch.
Digital-Experte Prof. Dr. Henning Vöpel war 2018 zu Gast beim Halterner Wirtschaftsgespräch. © Anna Mutter © Anna Mutter

Wie wird sich der Beruf des Bankkaufmanns/der -frau verändern? Hat er in Klein- und Mittelzentren eine Zukunft?

Das Berufsbild wird sich auf jeden Fall verändern. Viele Tätigkeitsbereiche werden durch die Digitalisierung und speziell künstliche Intelligenz in Zukunft noch stärker automatisiert. Es wird nach wie vor Bankkonten, Kredite und Zahlungsverkehr geben, aber Banken werden diese Funktionen technisch anders abwickeln. Umgekehrt könnte es sein, dass dadurch die Aufgaben des Bankkaufmanns/der -frau noch persönlicher im Kontakt zum Kunden werden.

Die Digitalisierung verändert nicht nur das Bankwesen, sondern alle Bereiche unserer Wirtschaft und letztlich auch den Alltag eines jeden Menschen. Schauen wir auf Halterns Innenstadt mit vielen noch Inhaber geführten Geschäften. Wie können sich diese bewegen, um im globalen Online-Wettbewerb zu bestehen?

Das wird ehrlicherweise immer schwieriger. Das Online-Bestellen und -liefern ist heute extrem bequem. Man kann aus einer enormen Vielfalt wählen und bekommt das Produkt schnell direkt nach Hause geliefert. Die Pluspunkte der Händler vor Ort sind Beratung, Vertrauen und regionale Produkte. Innenstädte werden sich in Zukunft generell nicht mehr allein auf Shopping ausrichten. Es wird ein Mix aus Shopping, Kultur, Sport, Arbeiten sein.

Können Sie für uns an einem Beispiel beschreiben, welcher Paradigmenwechsel mit der Digitalisierung verbunden ist?

Der Paradigmenwechsel lässt sich vielleicht am besten mit einem „Amazon-Effekt“ beschreiben. Wenn ich ein sehr spezielles Produkt suche, dann finde ich in der Stadt nach Stunden der Suche vielleicht etwas, was dem einigermaßen entspricht. Im Internet aber sehe ich in fünf Minuten alles, was es auf der Welt dazu gibt. Oder ein anderes Beispiel: Vor Jahrhunderten musste man einem Konzert beiwohnen, um Musik zu hören. Dann wurde sie auf CD gepresst. Heute kann man fast jeden Titel der Musikgeschichte überall, wo man gerade ist, einfach streamen. Alles ist also überall und jederzeit mobil verfügbar.

Analoges Arbeiten ist zurzeit wegen der Corona-Pandemie stark eingeschränkt. Wie groß ist der Einfluss dieser Krise auf den Prozess der Digitalisierung?

Sehr groß. Fast alle Menschen mussten sich notfallbedingt damit arrangieren und haben gesehen, dass es geht. Die Berührungsängste sind geringer, die Akzeptanz ist größer geworden. Wir werden aber nach Corona eine gesunde Mischung aus analogem und virtuellem Arbeiten erleben. Ich schätze, zwei Tage im Homeoffice, drei Tage im Büro. Man kann also sagen, dass sich die Digitalisierung im Alltag schon deutlich beschleunigt hat.

Der technologische Wandel ist mit vielen Ängsten verbunden. Wie können wir am besten mit den Veränderungen umgehen?

Indem wir sehen, was damit alles im Positiven möglich sein wird und wir Technologien und deren Nutzung entsprechend anfangen zu gestalten. Das tun wir am besten Schritt für Schritt. Wer nicht anfängt, loszulaufen, hat nie die Chance, den Weg mitzugestalten. Genau das aber ist wichtig, um nicht die Angst, sondern den Optimismus dominieren zu lassen.

Sehen Sie auch Chancen, die uns die Digitalisierung bringen wird?

Ja, unbedingt. Digitalisierung ist ein Werkzeug, die Welt und den Alltag zum Besseren zu verändern. Es gibt auch große Herausforderungen, klar, vor allem im Bereich der Infrastruktur und des Arbeitsmarktes. Aber wenn wir es gut machen, gewinnen wir mehr Freiheit, mehr Zeit und Flexibilität im Leben. Jetzt schon sind Bezahlen, Bestellen und Navigation so viel leichter und günstiger als vor zehn Jahren.

Haltern ist eine Stadt am Rande des Ruhrgebiets mit beschaulicher Innenstadt, vielen kleineren Geschäften und mittelständischen Gewerbetrieben. Die aktuelle Auspendlerquote liegt bei 65 Prozent der Arbeitnehmer. Wagen Sie für uns den Blick in die Glaskugel? Wie könnte sich die Stadt entwickeln?

Die große Idee von Städten war immer, dass die Menschen die Vielfalt, die Ressourcen und die Infrastruktur einer Stadt nutzen können. Das gilt nach wie vor, allerdings werden wir durch die Digitalisierung räumlich flexibler und können vieles auch vom Land machen. Städte haben umgekehrt die Chance, sich neu zu erfinden, Flächen anders zu nutzen und urbane Lebensqualität neu zu definieren. Dafür braucht es Mut, jetzt Konzepte zu entwickeln und umzusetzen.

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Redaktion Haltern
Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen und hinter jeder Zahl steckt eine ganze Welt. Das macht den Journalismus für mich so spannend. Mein Alltag im Lokalen ist voller Begegnungen und manchmal Überraschungen. Gibt es etwas Schöneres?
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Silvia Wiethoff

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