Der erste Spatenstich für das Altenheim im Elterbreischlag: (v.l.) Maaike Thomas (Bündnis 90/Die Grünen), der frühere Erste Beigeordneter Hans-Josef Böing, Heinrich Wiengarten (SPD), Manfred Ernst (CDU), Ex-Bürgermeister Bodo Klimpel, Thomas Kupczik (Alloheim Seniorenresidenzen) und Architekt Bernd Perner. © Halterner Zeitung
Seniorenwohnen

Elterbreischlag in Haltern: Der Weg vom Prestigeprojekt zum Bauskandal

Im Baugebiet Elterbreischlag sollte ein Leuchtturmprojekt der Altenhilfe entstehen. Zurzeit kann von Vorbildcharakter jedoch kaum die Rede sein. Es geht mehr um Schadensbegrenzung.

Der Bauskandal um die seniorengerechten Wohnungen im Elterbreischlag ist vorläufiger Höhepunkt einer Ereigniskette, die damit begann, dass die Entwicklung des Standortes in die Verantwortung der Alloheim Senioren-Residenzen – 2014 noch GmbH, heute SE – mit Sitz in Düsseldorf vergeben wurde. Ein Blick zurück zu den Anfängen zeigt, wie sehr sich die ursprüngliche Planung von der Wirklichkeit unterscheidet.

Eigentlich will die Rehse-Gruppe im Sythener Baugebiet ein alternatives Wohnprojekt entstehen lassen, springt aber völlig überraschend wieder ab. Im September 2014 drängt die Stadt Haltern dann, dass möglichst schnell über einen neuen Investor entschieden werden sollte. Bürgermeister Bodo Klimpel erklärt, eine weitere stationäre Einrichtung werde in Haltern dringend gebraucht.

Zunächst gibt es vier Bewerber für den Standort Elterbreischlag

Der Kreis Recklinghausen sieht zu diesem Zeitpunkt lediglich den Bedarf von weiteren Pflegeplätzen, „aber nicht ein weiteres Heim“ in Haltern.

Zunächst sind vier Bewerber für den Standort im Gespräch, an dem ein stationäre Senioreneinrichtung und ambulant betreutes Wohnen geplant sind. Zu den Interessenten gehören Alloheim mit dem Halterner Architekturbüro Rotthäuser und die Betreiber des Lippramsdorfer Lambertusstifts (Ursula Eskes und Wilfried Kersting) mit dem Halterner Architekten Jörg Jäger. Außerdem der Arbeiter Samariter Bund, der in Sythen gern ein Wohngruppenkonzept verwirklichen will, und die PuG Pflege- & Gesundheitsteam GmbH. Letztere zwei Interessenten ziehen sich aber zurück, dabei spielen auch der Zeitdruck und der erwartete zügige Baustart eine Rolle.

So sah die Planung 2014 aus, als die Politik über die Vergabe entschied: Das Altenheim sollte als Rechteck entstehen, um einen Umlauf für Demenzpatienten zu ermöglichen. Fünf Einzelhäuser sollten für das Betreute Wohnen entstehen.
So sah die Planung 2014 aus, als die Politik über die Vergabe entschied: Das Altenheim sollte als Rechteck entstehen, um einen Umlauf für Demenzpatienten zu ermöglichen. Fünf Einzelhäuser sollten für das Betreute Wohnen entstehen. © Architekturbüro Rotthäuser © Architekturbüro Rotthäuser

Überraschend fällt die Wahl einer knappen Mehrheit der Politik auf den auswärtigen Bewerber Alloheim. Das Konzept des Düsseldorfer Konzerns, dessen internationales Firmengeflecht im Hintergrund bereits bekannt ist, erhält im Rat 22 Stimmen (CDU und einige Grüne), 20 Stimmen entfallen auf Eskes/Kersting (SPD, WGH und FDP), zwei grüne Ratsmitglieder enthalten sich.

Die Senioreneinrichtung von Alloheim mit 80 Plätzen wird mit folgenden Begründungen unterstützt:

  • großer Innenhof, der durch einen rechteckig angelegten Gebäudekomplex entsteht
  • lichtdurchflutete Fassade besonders im Bereich des Innenhofs
  • großzügige Aufenthaltsflächen und Gemeinschaftsräume
  • Sinnesgarten und Rundlauf für Demenzerkrankte im ersten Obergeschoss
  • eigene Küche und Wäscherei
  • unmittelbarer Baubeginn
  • die betreuten Wohnungen in den fünf Häusern nebenan werden parallel errichtet

Im Januar 2015 wird öffentlich, dass Alloheim seine Pläne noch nicht an die Anforderungen eines neuen Pflegegesetzes angepasst hatte und deshalb mehr Zeit benötigt. Der Baubeginn für das Haus wird für Mitte 2015 angekündigt. Das Konzept von Eskes/Kersting hatte dagegen bereits den Vorgaben entsprochen. Alloheim hatte noch fünf Doppelzimmer sowie Zimmer zum Innenhof geplant. So konnten unter anderem die großzügigeren Gemeinschaftsflächen entstehen.

Noch immer ist kein städtebaulicher Vertrag mit der Stadt Haltern abgeschlossen, der Bauantrag wird erst im Juni 2015 eingereicht, aber ein Genehmigungsantrag bei der Heimaufsicht lässt noch auf sich warten.

Im September 2015 wird eine neue Planung für das Haus vorgestellt. Zu den wesentlichen Änderungen gehört, dass sich der Baukörper von einem Rechteck mit Innenhof in ein U verwandelt. Der Rundlauf für die Demenzkranken entfällt. Der Sinnesgarten mit Hochbeeten, Farbenspiel und Wasser soll nun in den Hof im Erdgeschoss verlegt werden. Nach Informationen der Redaktion existiert er bis heute nicht. Auch verfügt das Heim über keine eigene Wäscherei.

In einer Ratssitzung im September wird darüber informiert, dass das Halterner Architekturbüro Rotthäuser nicht mehr an dem Projekt beteiligt ist. Stattdessen übernimmt das Büro Bernd Perner in Rosenheim.

Der erste Spatenstich für das Altenheim erfolgt erst im Juni 2016. Ein Jahr später wird die Eröffnung des Hauses gefeiert. Seitdem ist es schon häufiger in den Schlagzeilen gewesen. Im September 2018 verhängt die Heimaufsicht des Kreises Recklinghausen wegen Qualitätsmängeln einen Belegungsstopp. Anfang 2021 stellt die Heimaufsicht Hygienemängel in Verbindung mit den Schutzmaßnahmen in der Corona-Pandemie fest.

Die seniorengerechten Wohnungen, das ist die unterste Kategorie eines altengerechten Standards, sind nicht parallel entstanden.

Kurz nach der Eröffnung des Altenheims wird eher zufällig bekannt, dass Alloheim das Altenheim und beide Grundstücke im Elterbreischlag (Altenheim und seniorengerechtes Wohnen) an die TSC Osmium in Berlin verkauft hat. Alloheim ist nur noch Betreiber der Senioreneinrichtung.

Die Nachbarn des Wohnprojekts am Elterbreischlag, v.l. Florian Hartmann, Stephan Blankenaufulland, Marit Büren-Kolk und Stephanie Meier, sind entsetzt über die Ausmaße des Wohnklotzes. Statt 30 wurden 35 seniorengerechte Wohnungen in dem Komplex untergebracht.
Die Nachbarn des Wohnprojekts am Elterbreischlag, v.l. Florian Hartmann, Stephan Blankenaufulland, Marit Büren-Kolk und Stephanie Meier, sind entsetzt über die Ausmaße des Wohnklotzes. Statt 30 wurden 35 seniorengerechte Wohnungen in dem Komplex untergebracht. © Silvia Wiethoff © Silvia Wiethoff

Mehrfach wird der Baustart für das seniorengerechte Wohnprojekt angekündigt. Erst Anfang 2019 ist es so weit. Im Dezember 2019 beschweren sich die ersten Anwohner über die beiden Wohnklötze, die statt der geplanten fünf Einzelhäuser auf dem Grundstück gebaut worden sind. Statt der ursprünglich geplanten 30 Wohnungen sind 35 entstanden.

Der Kreis Recklinghausen prüft die Rechtsmäßigkeit des Verfahrens. Ein hinzugezogener externer Gutachter stellt Rechtswidrigkeit fest, weil der Gebäudekomplex in drei Bereichen nicht vom geltenden Bebauungsplan gedeckt ist. Diese betreffen die Gebäudehöhe und Geschossigkeit (es entstand ein drittes Vollgeschoss) sowie die Treppenaufgänge aus blickdichtem Mauerwerk. Die Stadt Haltern hatte dafür im Alleingang die Weichen gestellt.

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Redaktion Haltern
Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen und hinter jeder Zahl steckt eine ganze Welt. Das macht den Journalismus für mich so spannend. Mein Alltag im Lokalen ist voller Begegnungen und manchmal Überraschungen. Gibt es etwas Schöneres?
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Silvia Wiethoff
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