Ein letzter bewegender Gruß von Gerda: „Das Leben war schön“

dzUngewöhnliche Todesanzeige

Gerda ist tot. Sie wurde fast 82 Jahre alt. Mit einer außergewöhnlichen Todesanzeige in der Halterner Zeitung hat sie sich von ihren Freunden verabschiedet.

Haltern

, 25.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gerda Streil, die alte Pfadfinderin - wie es in der Todesanzeige heißt - ist zur letzten Reise aufgebrochen. Ihre Freunde und Bekannten sollten das erfahren. Aber nicht durch eine übliche Todesanzeige mit bekannten Sprüchen und Floskeln. Vielmehr sollte die Anzeige eine Idee davon vermitteln, wie Gerda gelebt hat und wie sie gewesen ist: Eine gelernte Bäckerei-Fachverkäuferin und von 1973 bis zur Rente Mitarbeiterin in der Krankenhaus-Küche, lebensfroh, humorvoll, neugierig auf die Welt, aber auch gefangen in gewissen Konventionen. Gerdas Todesanzeige ist ein Brief an die Hinterbliebenen. Es sind Abschiedszeilen, wie sie noch nie zuvor in der Halterner Zeitung zu lesen waren.

Die Todesanzeige von Gerda Streil in der Halterner Zeitung.

Die Todesanzeige von Gerda Streil in der Halterner Zeitung. © Repro Schrief

„Das Leben war schön, aber die letzte Etappe war anstrengend und hart: das Knie, die Augen... Es fehlten Sport, lesen und feiern“, Gerda hat in der letzten Lebensphase ihre Gesundheit eingebüßt. Aber in ihrem Gesamtresümee war das Leben schön mit Spaß, Dönekes, Kaffee und Kuchen. „Besonders danke ich unserer tollen Nachbarschaft für die Unterstützung und den Zusammenhalt in schwierigen Zeiten. Dank an meine Kegelschwestern, Tortentanten und alten Schulfreunde... und natürlich Margot!“

Das Wichtigste am Anfang eines Tages: Der Witz

Margot war Gerdas beste Freundin. Mit ihr hat sie immer wieder Tagestouren unternommen, mit ihr ist sie sogar bis nach China gereist. Gerda hat auch gern gefeiert, sie liebte das Verkleiden und das Spielen von Sketchen, sie fuhr begeistert auf Skiern die Berge hinunter - in Winterberg, Norwegen, Rumänien und in den Dolomiten (die Skier gibt es noch und gehören zum Nachlass). Sie schrieb mit ihrer besonderen Handschrift schöne Karten und Briefe - auch im Auftrag von anderen. Gerda lachte gern und viel, weshalb sie morgens in der Halterner Zeitung immer zuerst den Witz auf der Kinderseite las. Sauberkeit war ihr wichtig, schon ein winziges Flüschen auf der Bluse konnte sie verstimmen.

Trauer zog in ihr Leben, als ihr Ehemann 1973 plötzlich verstarb. Erinnernd an ihn, an alle, die vor ihr gingen und die ihr irgendwann folgen, heißt es dann: „Hoffen und glauben wir, dass wir uns alle wiedersehen! Eure Gerda“.

„Knapp, liebevoll und im Geist meiner Schwester“

Doch die „alte Pfadfinderin“ hat ihre Anzeige gar nicht selber geschrieben. Sondern ihr kleiner Bruder, mit dem sie lange unter einem Dach lebte. „Ich habe aus ihrer Perspektive geschrieben, knapp, liebevoll und im Geist meiner Schwester“, sagt er. „Wir hatten ein enges Verhältnis.“ Er hat ihr den alten Pfadfinderhut auf den Sarg gelegt. Und zum Abschied seine Trauer in der ausgefallenen Todesanzeige zum Ausdruck gebracht. Er hätte Seiten über Gerda schreiben können, sagt er. Ein Freund half ihm, ein ganzes Leben auf drei Spalten 145 Millimeter zu komprimieren. Das ist die gängige Größe einer Todesanzeige in der Zeitung. Dazu setzte er zwei Fotos: Gerda früher und heute.

Der Bruder ist sicher, dass Gerda die Anzeige gefallen hätte. „Das Aufsetzen der Anzeige war die schwierigste Aufgabe in der Abwicklung aller Formalitäten“, gesteht er. So wie sie jetzt erschienen ist, das habe ihm Ruhe gegeben. Sie drücke aus, was ihm seine Schwester all die Jahre gewesen sei: Eine treue und liebe Begleiterin, die er jetzt sehr vermisst.

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