Alexander Lebenstein war im Anschluss der Verleihung sichtlich gerührt. © Glöckner (A)
Serie „Goldenes Buch“

Ein historischer Moment für die Stadt Haltern und Alexander Lebenstein

Mit unserer Serie „Goldenes Buch“ blicken wir auf viele spannende und prominente Einträge. Zum Auftakt schauen wir auf den 4. Juni 2008: Alexander Lebenstein wird Ehrenbürger der Stadt.

„Er war der einzige Überlebende der Shoa aus Haltern. Nun ist Alexander Lebenstein wieder ein Bürger Halterns. Mehr als das: Ehrenbürger seiner Geburtsstadt“, heißt es in einem Artikel unserer Zeitung, der vor mittlerweile 13 Jahren erschienen ist. Der Bericht beschreibt einen historischen Moment, der bei vielen Beteiligten noch in bester Erinnerung sein dürfte.

Halterns damaliger Bürgermeister Bodo Klimpel hatte am 4. Juni 2008 zur Verleihung der Ehrenbürgerurkunde eine Sondersitzung des Rates einberufen. Nicht nur Alexander Lebenstein nahm mit Freunden und Familie teil, sondern auch viele Halterner.

Aus seinem bürgerlichen Leben gerissen

Klimpel sprach damals in seiner Laudatio von einem Kreis, der sich niemals hätte öffnen dürfen. Es kam anders: Alexander Lebenstein wurde als junger Mensch aus seinem bürgerlichen Leben gerissen. Seine Eltern starben in den Konzentrationslagern der Nazis. Beschädigt an Körper und Seele, kehrte er nach dem Krieg aus den Todeslagern Stutthof und Riga nach Haltern zurück. Hier empfingen ihn die Bürger keineswegs mit offenen Armen, sondern zurückhaltend, teilweise sogar mit offener Ablehnung.

Der Eintrag von Alexander Lebenstein. © Winkelkotte © Winkelkotte

Das änderte sich 1995, als Lebenstein nach langem Zögern einer Einladung von Schülern des Halterner Berufskollegs folgte. Die herzliche Aufnahme, der rege Austausch mit den Schülern – vor allem der Realschule – bewegten Lebenstein so sehr, dass er seiner Geburtsstadt die Hand zur Versöhnung reichte. Lebensteins Bereitschaft, die Ehrenbürgerschaft anzunehmen, war keineswegs selbstverständlich, wie Bürgermeister Klimpel betonte: „Es wäre menschlich nur allzu verständlich, dass man von denjenigen, die einen mit Schimpf und Schande überzogen und vertrieben haben, eigentlich kein Geschenk annimmt. Von denen lässt man sich eigentlich nicht ehren.“

Dass es tatsächlich keine leichte Entscheidung war, wurde bei der Ratssitzung in Lebensteins Ansprache deutlich, die er in deutscher und englischer Sprache hielt. „It was painful work (Es war schmerzhafte Arbeit)“, schilderte er den Annäherungsprozess, bei dem er aber seine Wurzeln in Haltern entdeckte. Die meiste Zeit seines Lebens habe er mit Hass gelebt, bekannte Lebenstein. Alleine hätte er den nicht überwinden können. Geholfen hätten ihm dann die Schüler in Haltern. „Die Kinder sind eure Hoffnung“, rief er den Gästen zu. Danach erfolgte der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Haltern.

Herzliche Beziehungen

Wenige Tage später ehrte Alexander Lebenstein die Realschule mit seinem Namen.

Die Feier zur Namensgebung war ein eindrucksvolles Zeugnis für die herzlichen Beziehungen, die im Laufe der Jahre zwischen Alexander Lebenstein und der Realschule gewachsen waren. „Sie helfen uns, das Erbe zu tragen und nicht zu vergessen“, lobte der damalige Weihbischof Dr. Josef Voß Lebenstein. „Danke, dass Sie der Schule ihren Namen geben.“

Zur Realschule in Haltern pflegte Alexander Lebenstein eine besondere Beziehung. © Njuguna (A) © Njuguna (A)

Am 28. Juni 2010 verstarb Alexander Lebenstein im Alter von 82 Jahren nach kurzer Krankheit. Der Schriftzug an der Realschule erinnert noch heute täglich an den deutsch-amerikanischen Holocaust-Überlebenden. Viele Halterner haben ihn so in Erinnerung behalten, wie er sich beim Erhalt der Ehrenbürgerschaft im Sommer 2008 präsentierte: fröhlich und lebenslustig kämpfend für Versöhnung zwischen Juden und Deutschen.

Über den Autor
Redaktion Haltern
1982 in Haltern geboren. Nach Stationen beim NRW-Lokalfunk, beim Regionalfernsehen und bei der BILD-Zeitung Westfalen 2010 das Studium im Bereich Journalismus & PR an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen erfolgreich beendet. Sportlich eher schwarz-gelb als blau-weiß orientiert. Waschechter Lokalpatriot und leidenschaftlicher Angler. Motto: Eine demokratische Öffentlichkeit braucht guten Journalismus.
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Daniel Winkelkotte

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