Ein Halterner in Singapur - Bastian Grafe über Corona

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Bastian Grafe hat es von Haltern nach Hamburg und über Hong Kong nach Singapur „verschlagen“. Wie es dazu kam und wie er dort die Corona-Pandemie erlebt, erzählt er im Interview.

Haltern

, 26.03.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Erzählen Sie doch kurz was zu Ihrer Person, warum hat es Sie vor einiger Zeit von Haltern nach Singapur verschlagen?

Im Anschluss an mein Studium hat mich mein darauf folgendes Trainee Programm zunächst nach Hamburg und dann auch nach Hongkong gebracht. Geplant waren nur einige Monate in Hongkong, daraus sind dann aber neun Jahre geworden.

Vor knapp zwei Jahren dann hat mich mein aktueller Arbeitgeber damit beauftragt, ein neues Büro in Singapur aufzubauen. Ein positiver Nebeneffekt: Onkel Heinrich, ebenfalls ein passionierter Halteraner und Flaesheimer, und Familie leben bereits seit nunmehr 40 Jahren in Asien, die letzten knapp zwanzig davon in Singapur. Somit war diese neue Aufgabe, auch mit einer Art Familienzusammenführung verbunden.

Wie ist die Corona Lage aktuell bei Ihnen in Singapur? Wie wird darüber in den Medien berichtet?

Die Regierung informiert extrem transparent und nutzt alle Kanäle um über die aktuelle Situation zu berichten. Zudem wurden von Beginn an weitreichende Empfehlungen hinsichtlich persönlicher Hygienemaßnahmen kommuniziert. In diesem Kontext ist man hier sehr sensibilisiert.

Zweimal täglich erhalte ich Auskunft über den letzten Stand via Whatsapp. Bei aktuellen Entwicklungen wird man quasi in realtime informiert. Wie zuletzt als die Grenze zu Malaysia geschlossen wurde und neue Einreise- und Quarantänebestimmungen ausgesprochen wurden.

Welche konkreten Maßnahmen werden von der Regierung angeordnet und umgesetzt?

Schon kurz nach Bekanntwerden des Virus hat die Regierung Empfehlungen ausgesprochen. So haben wir im Büro bereits vor über einem Monat ‚Work from Home‘ und ‚Split Teams‘ eingeführt. Eine Woche kommt die eine Hälfte der Belegschaft, die nächste Woche die andere. Dies auch nur soweit nötig, da alle Kollegen in der Lage sind, von zuhause aus zu arbeiten.

Bereits Anfang Februar wurden Körpertemperatur-Checks an allen öffentlichen Begegnungspunkten, an Eingängen zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Bürogebäuden und auch Schulen (die vielleicht auch deswegen nach wie vor geöffnet sind) eingeführt. Zudem hat sich der Premier sehr früh an die Bevölkerung gewandt. Grundsätzlich herrscht hier ein großes Vertrauen in die Regierung.

Das sogenannte Contract Tracing und die Dokumentation bei aufgetretenen Fällen scheint hier aufgrund der Erfahrung mit Sars (schweres akutes Atemwegssyndrom, Anm. d. Red) besonders professionell zu sein und es gab früh klare Bestimmungen hinsichtlich Auskunfts- und Quarantänepflichten für Einreisende aus Risikogebieten. Wer dagegen verstößt, wird direkt empfindlich bestraft - zum Beispiel Verlust der Aufenthaltsberechtigung; Strafen gegenüber dem Arbeitgeber. Und diese Fälle wurden auch schnell öffentlich gemacht.

Potenzielle Hamsterkäufe wurden zum Beispiel auch direkt über Quoten hinsichtlich der Maximaleinkaufsmengen pro Artikel und Haushalt in Supermärkten eingedämmt. Auch hier ist die Regierung sehr transparent und klärt im Kontext dessen auf, dass man über ausreichend Ressourcen verfügt, die Versorgung weitergehend gesichert ist und auch die lokale Produktion stärkt, um hinsichtlich zukünftiger Szenarien gewappnet zu sein.

Gibt es Panik oder Angst innerhalb der Bevölkerung in Singapur? Wie fühlt sich das für Dich an?

Transparenz und das angesprochene Vertrauen in die Regierung sowie bisher getroffene Maßnahmen helfen aktuell- und hoffentlich auch in Zukunft, Panik zu vermeiden. Zudem verfügt Singapur über ein exzellentes Gesundheitssystem, was sicherlich auch einen indirekt beruhigenden Einfluss auf die Bevölkerung hat.

Der Anstieg der Zahlen zuletzt hier und die globale Situation – speziell auch in Europa und den USA und die damit verbundene Berichterstattung in diversen Medien - erzeugen auch hier eine erhöhte Wachsamkeit. Von Panik kann man sicher noch nicht sprechen. Aktuell haben selbst so gut wie alle Geschäfte weiterhin geöffnet.

Die Zahl der Infizierten in Europa, auch bei uns in Deutschland, steigt weiter. Wie verfolgen Sie das Geschehen in Deutschland? Über das Internet oder durch den persönlichen Kontakt mit Freunden?

Natürlich halte ich mich hinsichtlich der aktuellen Situation über verschiedenste Wege auf dem Laufenden. Das passiert heutzutage geradezu automatisch. Ich telefoniere häufig mit meiner Mutter und bin über Social Media ständig mit Freunden und Familie in Deutschland in Kontakt. Leider gibt es auch schon Fälle im engen Freundeskreis - konkret nicht in Haltern -, die sich im Skiurlaub infiziert haben. Hier sind wir natürlich regelmäßig in Kontakt und hoffen auf einen guten Heilungsverlauf.

Wie nehmen Sie als Deutscher, der in Singapur lebt, die Lage bei uns in Deutschland und in Ihrer Heimat Haltern wahr? Wie fühlt sich das an?

Ich glaube, dass man in Deutschland und sicher auch in Haltern zuletzt richtig reagiert hat und dass sich doch jeder in Deutschland darauf verlassen kann, dass man die richtigen Entscheidungen mit Augenmaß und unter Abwägung aller Einflussfaktoren treffen wird.

Es ist und bleibt eine emotionale Situation für meine Familie und mich hier in Singapur, auch - und vielleicht vor allem – weil man weiß, dass man so schnell nicht mal eben wieder Zuhause sein kann.

Würden Sie so weit gehen und sagen, dass wir in Deutschland von den Menschen in Singapur lernen können?

Die Situation in Europa und in Deutschland ist nicht mit der in Singapur vergleichbar. Es handelt sich um einen Stadtstaat und eine eher autoritäre Form der Demokratie. Grenzen können schnell abgeriegelt werden und das Gros der Bevölkerung ist einfacher zu erreichen.

Zudem ist man durch die Sars-Epidemie im Jahr 2003 gegangen und Singapur selber hat dadurch viel gelernt und hatte in diesem Kontext sicherlich einen gewissen Vorsprung was Vorbereitung- und die richtige Einschätzung der Situation angeht. Mit der gebotenen Ernsthaftigkeit von Tag 1 an. Etwas das ich als Europäer vielleicht zunächst auch hin und wieder belächelt habe.

Nun ist es so, dass die lokale Bevölkerung sicherlich auch von hier aus den Fortschritt hinsichtlich der Entwicklung von Impfstoffen in Deutschland sehr eng verfolgt.

Von daher denke ich, dass es in dieser Situation viel wichtiger ist gemeinsam an einem Strang zu ziehen, offen und transparent über die jeweilige Lage zu kommunizieren und validierte Fortschritte – egal wo in der Welt – als positives Fallbeispiel zu nehmen, um diese in jedem Land/in jeder betroffenen Region - soweit möglich - entsprechend einführen zu können.

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