Von 1909 bis 1967 erhielten Kinder aus Berghaltern und Bergbossendorf Unterricht in der Annaberg-Volksschule. © Archiv Backmann
Von der Volksschule zum Waldhotel

Ehemaliges Asia-Restaurant „Reis In“ am Annaberg steht zum Verkauf

Das Restaurant „Reis In“ steht zum Verkauf. Hinter den dicken Mauern verbirgt sich Schul- wie Gastronomiegeschichte. Hier haben sogar mal ein Wildschwein und ein Fiat an der Theke gestanden.

Seit einiger Zeit schon ist das Lokal „Reis In“ am Fuße des Annabergs geschlossen. Jetzt steht es zum Verkauf: gut 1000 Quadratmeter Innenraum und 4600 Quadratmeter Grundstück sollen einen Wunschpreis von 400.000 Euro erzielen. Der beauftragte Immobilienmakler aus Essen hat einige wenige Anfragen, noch nichts Ernstes, wie er sagt.

Das „Reis In“ steht zum Verkauf. © Schrief © Schrief

Für Investoren ist die Immobilie nicht besonders attraktiv, denn außer Gastronomie oder Landwirtschaft ist an dieser Stelle im Außenbereich laut Auskunft der Stadt nichts erlaubt. Dafür hat das Haus eine besondere Geschichte zu erzählen, die von modernem Klinkerwerk vertuscht wird.

Für Kinder aus Bergbossendorf und Berghaltern

Für Bernd Breuer haben sich hier entscheidende Lebensetappen abgespielt. Von 1959 bis 1967 ging er in diesem Haus zur Schule, 1978 feierte er an selber Stelle seine Hochzeit. „Wir Kinder hatten eine schöne Schulzeit mit viel Freiraum“, erzählt der 67-Jährige, der das achte und neunte Schuljahr an der Marienschule absolvierte. Zum Unterricht an der Annabergschule gehörte auch, dem Lehrer im Garten zu helfen, für ihn in der Stadt einkaufen zu gehen oder mit der Schwester der Lehrerin Weihnachtsplätzchen zu backen.

Die Volksschule für die Klassen eins bis acht wurde 1909 gegründet, damit die Kinder aus Bergbossendorf und Berghaltern nicht weiter als zwei Kilometer zur Schule laufen mussten. 1911 besuchten 128 Jungen und Mädchen die Schule, 1921 bereits 174. Acht Jahrgänge teilten sich erst zwei, später drei Klassenräume.

Wanderungen in die Natur gehörten zum Stundenplan. Das Foto zeigt Maria Stegemann und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler bei einem Sommerausflug 1956 mit Lehrerin Elisabeth Huesmann. © Maria Stegemann © Maria Stegemann

Lehrerin Fräulein Elisabeth Huesmann und Lehrer Franz Kotte unterrichteten in den 50-er und 60-er Jahren. Die Halternerin Maria Stegemann war ebenfalls Schülerin an der Annabergschule. In einem Beitrag für das Halterner Jahrbuch 2011 erinnert sie sich daran, dass die Viertklässler oft den Auftrag hatten, mit den Schülern der ersten Klasse ein Diktat oder das kleine Einmaleins zu üben während Lehrerin Elisabeth Huesmann die anderen Schüler unterrichtete oder Klassenarbeiten schreiben ließ. „Wir hatten auch schon so etwas Modernes wie Arbeitsgemeinschaften“, schreibt Maria Stegemann. Lehrer Franz Kotte brachte den Kindern Schach bei, erklärte ihnen die Botanik und den Sternenhimmel.

„Die große Pause dauerte so lange, bis der Lehrer die Halterner Zeitung ausgelesen hatte.“

Maria Stegemann

Auch auf die religiöse Erziehung legte er großen Wert. So sangen die Kinder bei festlichen Anlässen in den Messen auf dem Annaberg oder standen als Messdiener am Altar. Die Ausbildung fand natürlich in der Schule statt. Einmal in der Woche war Schulgottesdienst. „Im Frühjahr und Herbst traten alle Oberklassenschüler an, um den Kreuzweg auf dem Annaberg zu säubern“, berichtet Maria Stegemann.

Zu Anfang des Schulhalbjahres erhielten die Kinder einen Stundenplan, „der aber fast nie eingehalten wurde“. Die große Pause dauerte so lange, bis der Lehrer die Halterner Zeitung ausgelesen hatte, dann läutete er die Schulglocke.

Das Abgangszeugnis von Johann Wellmann von 1916. Sohn Josef Wellmann hütete diese Erinnerung. © Privat © Privat

Josef Wellmann besitzt noch ein ganz altes Dokument aus der Schulgeschichte: Das Zeugnis seines Vaters von 1916. Zum Schulabgang gab es für Johann Wellmann fast durchweg in allen Fächern „gut“, nur im Singen ein „genügend“ – verbürgt durch Schulleiter Ridder und Lehrer Willeke. Josef Wellmann drückte ebenso wie sein Vater Johann die Schulbank am Annaberg. Und wie Bernd Breuer – seinem Doppelkopf-Bruder- feierte er im späteren Hotel Tari seine Hochzeit.

Das Waldhotel Tari waren jahrelang, vor allem nach dem Anbau des Saales, eine stark gebuchte Feier-Location. © Privat © Privat

Denn nachdem die Schule 1967 geschlossen wurde, kauften Franz und Elfriede Tari das Haus und bauten es zur Gaststätte und zu einem Hotel aus. „Der Siebenbürger Holzteller“ war das Leibgericht der Stammgäste. Eine Spezialität, die Franz Tari zuvor als Koch im Zugrestaurant zwischen Essen und Budapest kredenzt hatte. Als das Ehepaar Tari 1977 einen Saal mit Tanzfläche anbaute, war das Lokal am Annaberg die „Feier-Location Halterns schlechthin“ – wie Bernd Breuer und Josef Wellmann erzählen. „Wir haben uns dort einfach wohl gefühlt“, erzählen beide.

Der Fiat fuhr bis zur Theke vor. © Privat © Privat

An kuriosen Wetten waren auch sie beteiligt. Einmal wurde um 50 Liter gewettet, dass ein Fiat 500 vor die Theke passt. Und einmal brachten die Jungs aus Berghaltern ein Wildschwein mit zum Tresen.

Ein Wildschwein war der kurioseste Gast im Waldhotel. © Privat © Privat

Als die Ehe der Taris in die Brüche ging, führte Elfriede Tari mit Ewald Möllers das Restaurant weiter. Doch das ging schief, das Haus wurde versteigert. 1997 folgten Peter und Brigitte Dudenhausen. Schließlich wurde aus dem Waldhotel mit traditioneller deutscher Küche das asiatische „Reis In“. Lu Zhang und Xiaofeng Zhans brachten das Lokal zur Blüte zurück, 2013 gingen sie nach Marl und verpachteten das „Reis In“. Es ging bergab und dann kam das Aus. Das Haus steht leer und wartet nun auf eine neue Bestimmung.

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Elisabeth Schrief

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