Durchgefallen bei Führerscheinprüfung: Fahrlehrer berichten von erschwerten Bedingungen

dzFahrschulen in Haltern

Die Durchfallquote junger Fahranfänger bei Führerscheinprüfungen steigt. Sowohl im theoretischen wie auch im praktischen Teil. Fahrlehrer in Haltern nennen dafür gleich mehrere Gründe.

Haltern

, 18.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Kraftfahrtbundesamt hatte es mitgeteilt: Die Quote der jungen Bewerber für einen Autoführerschein, die die praktische Prüfung nicht bestehen, ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Zuletzt lag sie im Jahr 2018 bei 35 Prozent. In der Theorie betrug der Anteil der durch die Prüfung gefallenen Fahrschüler sogar 39 Prozent. In Haltern fallen die Zahlen zwar nicht ganz so extrem aus. Bestätigen können Fahrlehrer hier allerdings auch, dass sich bei der Prüfung und auch in Sachen Motivation und Durchhaltevermögen einiges geändert hat.

Mehr Fahrstunden wegen komplexer Verkehrssituationen

„Die jungen Leute benötigen heutzutage mehr Fahrstunden“, sagt Claus Brüggemann. Der Straßenverkehr sei viel dichter und komplexer geworden und die praktische Prüfung inzwischen auch deutlich länger als früher. In 45 Minuten müssten längere Strecken und komplexe Verkehrssituationen wie beispielsweise das Durchfahren von Autobahnkreuzen bewältigt werden. „Darauf muss man sich einstellen können.“

Im Normalfall nehme ein Fahrschüler 30 bis 35 Fahrstunden, ehe er zur Prüfung zugelassen werde, meint der Fahrlehrer. „Es gibt natürlich auch Schüler, die weniger Stunden brauchen. Aber eben auch solche, die mit 35 Stunden nicht auskommen.“ Grundsätzlich lasse er seine Schüler niemals zu früh zur Prüfung zu. Das sei wohl auch der Grund, weswegen die Durchfallquote in seiner Fahrschule insgesamt noch bei unter zehn Prozent liege, mutmaßt er.

„Lernen wird nicht richtig ernst genommen“

In Sachen Theorie sagt Brüggemann: „Das Lernen wird von einigen Fahrschülern nicht hinreichend ernst genommen.“ Der Führerschein sei der jungen Generation aber auch nicht mehr so wichtig. „Sie setzt andere Prioritäten“, meint er. „Zum Beispiel Handy, Urlaub, Freunde, Sport.“ Es bestehe ja auch keine besondere Abhängigkeit vom Auto. „Mit Bus und Bahn ist man genauso mobil.“

Weil die Fahranfänger nicht besonders regelmäßig zu Unterricht und Fahrtraining kämen, sei die Verweildauer in der Fahrschule länger geworden. Beim Fahrlehrer-Verband Westfalen spricht man von vier bis sechs Monaten. Vor wenigen Jahrzehnten seien die Schüler demnach noch mit sechs bis zwölf Wochen ausgekommen.

„Junge Menschen sind überfordert“

„Die jungen Menschen sind zum Teil überfordert“, hat Ralf Köhler von Ralli‘s Fahrschule festgestellt. Aufgrund der hohen Anforderungen in der Schule falle es nicht allen Fahrschülern leicht, auch noch Theorie in der Fahrschule zu büffeln. Den viel zu umfangreichen Stoff in der Schule lernten viele Schüler auswendig, hat Köhler im Gespräch mit seinen Fahrschülern erfahren. „Das funktioniert aber nicht in der Fahrschule“, betont Köhler. In der Praxis fallen bei ihm „weniger als 20 Prozent“ durch, in der Theorie „etwa 30 Prozent“.

Erziehung zur Unselbstständigkeit

Das mangelnde Interesse am Auto macht der Marler, der in Haltern und Sythen seine Fahrschule betreibt, ebenfalls als Ursache für geringere Prüfungserfolge aus. „Die jungen Leute werden von den Eltern von A nach B gebracht und sind daher gar nicht auf den Führerschein angewiesen.“ Letztlich würden die Jugendlichen so aber auch zur Unselbstständigkeit erzogen.

Köhler selbst hat schon als Kind seinen Eltern beim Autofahren zugeschaut und dabei viel gelernt. „Heute schauen die Kids auf ihr Handy.“

„Der Straßenverkehr wird immer komplexer“, betont Friedel Thiele. „Und in der Theorie wird zuviel auswendig gelernt.“ Inzwischen gebe es im Unterricht und in der Prüfung aber viele Videosequenzen, in denen Verkehrssituationen dargestellt werden, erklärt der Vorsitzende des Fahrlehrer-Verbands Westfalen. Die Schüler müssten in der Lage sein, darauf flexibel zu reagieren. Grundsätzlich sei die Durchfallquote bei Führerscheinprüfungen auf dem Land niedriger. „Das Auto liegt dort höher im Kurs, die Motivation, den Führerschein zu machen, ist größer.“

Sprachliche Barrieren sind teilweise auch vorhanden

Sprachliche Probleme allerdings seien ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Denn seit 2015 sei die Zahl der Fahranfänger, die aus Flüchtlingsgebieten stammten, gestiegen. Die ausländischen Mitbürger könnten den Stoff zwar in ihrer Muttersprache lernen, in der Prüfung aber werde Deutsch gesprochen. „Teilweise arbeiten wir hier mit Übersetzern zusammen.“

Beim 58. Deutschen Verkehrsgerichtstag, der sich mit dem Thema Durchfallquoten bei Führerscheinprüfungen Ende Januar beschäftigt hatte, war auch über mögliche Änderungen der Fahrschüler-Ausbildung diskutiert worden. Friedel Thiele freut sich über die Meinung des Bundesverkehrsministeriums in dieser Sache: „Die qualitativ hohen Anforderungen in der Fahrschule sollen nicht gesenkt werden.“

Verkehrsgerichtstag

Längere Probezeit und schwächere Motoren für Fahranfänger

  • Weil junge Fahranfänger auch durch riskantes Fahrverhalten und eine hohe Unfallbeteiligung auffallen, diskutierten die Teilnehmer des Verkehrsgerichtstags in Goslar unter anderem über eine Verlängerung der Probezeit von zwei auf drei Jahre. Diese Probezeit könne durch die freiwillige Teilnahme an qualifizierenden Maßnahmen wie Begleitetes Fahren wieder verkürzt werden können.
  • Für die Altersgruppe der 18- bis 21-Jährigen sprachen sich die Experten auch für eine Leistungsbegrenzung der Kfz-Motoren auf 66 Kilowatt beziehungsweise 90 PS aus. „Damit würde vor allem den jungen Männern der Kick genommen, stark zu beschleunigen oder sehr schnell zu fahren“, hieß es.
  • Der Verkehrssicherheitsrat hält zudem sogenannte Feedback-Fahrten unter Aufsicht eines Fahrlehrers für sinnvoll. Dabei könnten Experten auf Probleme hinweisen. Bis zur nächsten gemeinsamen Fahrt in vier bis acht Wochen gebe es dann Zielvereinbarungen.
  • Ins Gespräch gebracht wird erneut das begleitete Fahren ab 16. „Mit einem früheren Einstieg in die Begleitphase könnten die Jugendlichen mehr Fahrerfahrung sammeln“, sagt Sprecherin Julia Fohmann. Dieser Meinung sind auch die Autoclubs AvD und ADAC. Dies führe zu einer Verlängerung des Lernzeitraums und könnte das Anfängerrisiko reduzieren, hieß es beim ADAC.
Lesen Sie jetzt