Das Coronavirus und die Altenheime - Gegen den Lagerkoller ankämpfen

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Wegen des Coronavirus dürfen auch in Haltern die Bewohner von Altenheimen keinen Besuch empfangen. Zwei Damen haben mit uns darüber gesprochen, wie sie die erzwungene Isolation erleben.

Haltern

, 10.04.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Marianne Schmidt sitzt am geöffneten Fenster ihres Zimmers in der ersten Etage des Altenwohnhaus St. Sixtus, Anni Malcharek kommt wenige Meter vor die Tür von St. Anna - beide grüßen mir aus der Entfernung zu. Das verbindet die beiden so unterschiedlichen Frauen und noch viel mehr.

Sie sind über 90 Jahre alt, haben schon viele Kapitel in ihrem Lebensbuch geschrieben und auch wenn die Kontaktsperre zur Eindämmung des Coronavirus gerade mächtig auf die Stimmung drückt, wollen sie sich nicht unterkriegen lassen. Wenn sie Einblick in ihr Seelenleben geben, zeigt sich, wie radikal gerade in ihren Alltag eingriffen wird.

Das Coronavirus verhindert auch Spaziergänge

Marianne Schmidt (93) hält sich an eine feste Tagesstruktur, um der Ausnahmesituation zu begegnen. „Ich frühstücke pünktlich um 8 Uhr. Dann lese ich meine Halterner Zeitung“, berichtet sie über ihren Tagesbeginn. Dass sie am Nachmittag allerdings nicht ihren gewohnten kleinen Spaziergang draußen machen kann, bedauert die Seniorin sehr.

Die Kontaktsperre wegen der Corona-Krise macht den Bewohnern in den Altenheimen zu schaffen. Anni Malcharek ist für das Foto extra bis vor die Tür des Altenwohnhauses St. Anna gekommen.

Die Kontaktsperre wegen der Corona-Krise macht den Bewohnern in den Altenheimen zu schaffen. Anni Malcharek ist für das Foto extra bis vor die Tür des Altenwohnhauses St. Anna gekommen. © Silvia Wiethoff

Der könnte vielleicht die Isolation erleichtern, die vom Besuchsverbot auch in den Halterner Altenheimen ausgelöst wurde. Die allein stehende Marianne Schmidt, die im vierten Jahr im Sixtus-Altenheim wohnt, hat schon immer viele Briefkontakte gepflegt. Das Schreiben hilft auch jetzt, über den ausbleibenden Besuch ihrer Angehörigen hinweg, die verstreut in der Region leben. „Einen Lagerkoller hatte ich noch nicht“, sagt sie mit fester Stimme und dem Willen zur Haltung.

„Ich war mit meinem Beruf verwachsen“, begründet sie ihren Lebensweg, der keine Ehe oder eigenen Kinder vorsah. Die 93-Jährige hat die Kurse in der Familienpädagogik im Könzgenheim auf dem Annaberg mit aufgebaut. 1954 wurde in der Heimvolkshochschule das erste Seminar für junge Mädchen angeboten, das nicht nur auf die eigene Familie, sondern auch auf das Leben in der Gesellschaft vorbereiten sollte.

Geschenke auch während der Coronakrise sehen

Eine Brieffreundschaft, die in diesen Anfangsjahren entstanden ist, pflegt Marianne Schmidt neben vielen anderen noch heute. Mit der Post erreichen sie regelmäßig auch die Kümmernisse und Sorgen ihrer Kontakte. „So habe ich ja doch noch einen Sinn“, scherzt sie im Telefoninterview.

Für sie hält auch der eingeschränkte Alltag noch eine Reihe von Geschenken bereit. Zum Beispiel haben Kinder der Marienschule in der Nachbarschaft Bilder für die Senioren gemalt und einen Gruß geschrieben. „Wunderschön“, ist Marianne Schmidt dankbar über diese Geste und beschreibt das Blumenbild einer kleinen Charlotte. „Den Kindern muss man ein Kompliment machen“, ergänzt sie.

Außerdem sei ein Gottesdienst für die Bewohner des Altenwohnhauses übertragen worden. Das habe sicher sehr viel Arbeit gemacht, die unbedingt anerkannt werden müsse. Letztendlich fühlt sie sich auch während der Krise im St. Sixtus gut versorgt.

Die Bewohnerinnen fühlen sich gut versorgt

„Das Personal ist sehr zuvorkommend. Es gibt keine langen Gesichter“, lobt sie das Mitarbeiterteam und ergänzt: „Der Beruf wird nicht ausreichend gewertet. Man muss es selbst erleben, um zu erkennen, wie viel Arbeit die Pflegekräfte auf sich nehmen.“

Aufgehoben fühlt sich auch Anni Malcharek (91) im St. Anna auf dem Annaberg. Dabei war ihr Anfang 2016 dort nicht leicht. Sie hatte mit ihrem Mann in Gladbeck gelebt, musste sich aber nach seinem Tod und zwei Schlaganfällen wohnlich verändern. Die Familie, eine Schwester lebt in Haltern, ein Bruder in Sythen, holte sie nach Haltern.

„Zuerst war ich nicht einverstanden. Aber jetzt bin ich froh, dass ich hier bin“, beschreibt sie ihren Eingewöhnungsprozess. „Morgens gegen 9 Uhr gehe ich gerne hier durchs Haus. Dann ist alles blitzblank. Sie merken gar nicht, dass sie in einem Altenheim sind. Es riecht auch nicht danach“, berichtet Anni Malacharek.

Jetzt allerdings vermisst sie ihre Kontakte.

Die Kontaktsperre wegen des Coronavirus erschwert den Alltag

„Meine Schwester war schon vier Wochen nicht mehr hier“, schildert sie die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre persönliche Situation. Telefongespräche, die sie häufig führt, könnten die persönliche Begegnung nicht ersetzen. Eigentlich könne sie ganz gut alleine sein. Das Fernsehen brauche sie nicht, um Zeit tot zu schlagen. Am Sonntag aber sei ihr das Alleinsein dann doch richtig schwergefallen. „Ich habe hier gesessen und geweint“, gesteht die 91-Jährige.

Freude über Gesten der Zuwendung

Gleich danach berichtet sie von einer lieben Geste ihrer Nichte, die ihr Mut zum Durchhalten macht. Diese hat unter dem Stichwort „Wir halten zusammen“ eine Karte geschickt, mit der sie „Tante Anni“ und den Mitarbeitern von St. Anna alles Gute und viel Gesundheit wünscht. „Ich habe mich so darüber gefreut, dass man an mich denkt. Das tut in dieser Zeit so gut“, sagt Anni Malcharek.

Eine Freude sei auch die Besinnungsstunde gewesen, zu der eine Mitarbeiterin des Hauses eingeladen hatte. Leider dürften ja auch die Ehrenamtlichen aus Haltern, die sonst für Programm im St. Anna sorgen, nicht mehr in die Einrichtung kommen. Nun sei improvisiert worden, und man habe unter Einhaltung des nötigen Abstands gemeinsam Kirchenlieder gesungen.

Sorgen wegen des Coronavirus will sich Anni Malcharek nicht machen. „Ich denke positiv und habe keine Angst vor einer Ansteckung, obwohl ich zur Risikogruppe gehöre“, erklärt sie und wünscht sich einen Weg aus der Isolation: „Ich vermisse die Menschen, ich unterhalte mich gern.“

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