Diese Luftaufnahme zeigt das Gebiet rund um die Sandabgrabung in Flaesheim. © Matthias Erfmann
LWL-Buch

Baggerloch Flaesheim: Seltene Tier- und Pflanzenarten entdeckt

Ein Gebiet von 113 Hektar, 23 Naturliebhaber, sechs Jahre ehrenamtliche Forschung und eine Frage: Was lebt alles in einer Sandabgrabung? Nun gibt es dazu erstaunliche Erkenntnisse aus Flaesheim.

Aus der Antwort zu dieser Frage ist eine Gebietsmonographie vom LWL-Museum für Naturkunde des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) entstanden. In dem 720 Seiten starken Buch wird erstmals, und in dieser Form einmalig in Deutschland, das verborgene Leben im Sand präsentiert. Die Untersuchungen dazu haben am Baggerloch in Flaesheim stattgefunden.

Die Grüneule gehört zur Familie der Eulenfalter.
Die zur Familie der Eulenfalter gehörige Grüneule zählt zu den Leitarten der offenen bis verheideten Binnendünen sowie Sandtrockenrasen (z. B. Silbergrasfluren) und ist aufgrund massiver Lebensraumverluste in den letzten Jahrzehnten und daraus resultierender Bestandsrückgänge in Nordrhein-Westfalen als “stark gefährdet” eingestuft worden. Historische Meldungen liegen auch von den ehemaligen Truppenübungsplätzen Haltern-Lavesum und -Borkenberge vor. © Hans-Joachim Weigt © Hans-Joachim Weigt

Die Veröffentlichung leiste einen wichtigen Beitrag für die Biodiversitätsforschung und den regionalen Naturschutz, teilt der LWL in einer Pressemitteilung mit. Mehr als 3000 Tier- und Pflanzenarten wurden entdeckt. Einige davon seien erstmals für Nordrhein-Westfalen nachgewiesen worden.

„Die Kooperation zahlreicher Autoren und Autorinnen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen machte es möglich, dass zum ersten Mal ein so umfassender Bericht über die biologische Vielfalt einer Abgrabungsfläche veröffentlicht werden kann“, erklärt der Waltroper Käferspezialist Karsten Hannig, Initiator und Herausgeber des Werks. „Wir haben über alle Gruppen hinweg insgesamt 3199 verschiedene Organismen nachgewiesen.“

Der Silberfleck-Ahlenläufer (Bembidion argenteolum) gehört zur Käferfamilie der Laufkäfer und besiedelt bevorzugt vegetationsarme Ufer auf Sanduntergrund.
Der Silberfleck-Ahlenläufer gehört zur Käferfamilie der Laufkäfer und besiedelt bevorzugt vegetationsarme Ufer auf Sanduntergrund. Das hier abgebildete Tier stammt aus der Sandabgrabung bei Haltern-Flaesheim und wurde am 09.07.2017 dort beobachtet. Die in Nordrhein-Westfalen im Rahmen der Roten Liste als „stark gefährdet“ eingestufte Art war aus Westfalen bis in die 2000er-Jahre gar nicht bekannt. © Dr. Christoph Benisch © Dr. Christoph Benisch

Die neue Publikation des LWL-Museums für Naturkunde, das nicht nur den Druck organisiert hat, sondern auch mit fachlicher Unterstützung behilflich war, dokumentiert die enorme Artenvielfalt der noch genutzten Sandabgrabung bei Flaesheim.

Über 30 Untersuchungsstandorte

In dem 113 Hektar großen Gebiet wurde an über 30 Untersuchungsstandorten mit Fallenfängen die Wirbellosenfauna untersucht, sowie die daraus resultierenden Beifänge von Säugetieren, Reptilien, Amphibien und weiteren Gruppen. Darüber hinaus wurde systematisch die Vegetation und Flora in dem Gebiet genau dokumentiert. Allein bei der Untersuchung der Säugetiere konnten drei Arten nachgewiesen werden, bei den Käfern, Wanzen, Köcherfliegen, Springschwänzen und Spinnen fand man sogar sieben Arten, die erstmals für Nordrhein-Westfalen nachgewiesen werden konnten.

Die in Nordrhein-Westfalen stark gefährdete Zauneidechse findet im im Halterner Raum wichtige Rückzugsräume in den Sandabgrabungen.
Die in Nordrhein-Westfalen stark gefährdete Zauneidechse findet im im Halterner Raum wichtige Rückzugsräume in den Sandabgrabungen und auf den ehemaligen Truppenübungsplätzen. Hier findet sie die von ihr bevorzugten wärmebegünstigten Lebensräume mit offenen Sandbereichen zur Eiablage. Bei diesem Exemplar handelt es sich um ein Weibchen. © Matthias Olthoff © Matthias Olthoff

Die Sandabgrabung ist somit auch ein wichtiger Lebensraum für bedrohte Tierarten, die auf der Roten Liste von Nordrhein-Westfalen stehen, wie etwa die Breitflügelfledermaus, der Große Abendsegler oder das Braune Langohr und weitere. Museumsdirektor Dr. Jan Ole Kriegs betont: „Durch die Untersuchungen der ehrenamtlichen Artenkennerinnen und Artenkenner zählt die Sandabgrabung bei Haltern-Flaesheim nun auch weit überregional zu den ökologisch am besten untersuchten Abgrabungsflächen in Deutschland.“

Beim Flussregenpfeifer handelt es sich um einen typischen Brutvogel bewuchsarmer Sand-, Kies- und Schotterflächen, wie sie an naturnahen Flüssen vorkommen.
Beim Flussregenpfeifer handelt es sich um einen typischen Brutvogel bewuchsarmer Sand-, Kies- und Schotterflächen, wie sie an naturnahen Flüssen vorkommen. Da solche natürlichen Lebensräume heute kaum noch zu finden sind, besiedelt er aktuell vor allem vergleichbare Biotope in Abgrabungen oder auf vegetationsarmen Brachflächen. Aufgrund der Seltenheit geeigneter Brutstandorte wird der Flussregenpfeifer in Nordrhein-Westfalen als stark gefährdet eingestuft. © Axel Müller © Axel Müller

Wertvolle Lebensräume

Abgrabungen und Steinbrüche würden heute vielfach als „Wunden in der Landschaft“ betrachtet. „Die westfälischen Naturforscher haben aber gezeigt, dass diese nährstoffarmen und menschengemachten Lebensräume besonders für sandliebende Arten wertvoll sind“, so Dr. Bernd Tenbergen, Leiter des Herbariums im LWL-Museum für Naturkunde und Schriftleiter des Buches. „Diese Arbeit zeigt weiterhin sehr eindrucksvoll, wie viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten in der 100-jährigen Geschichte der Sandabgrabung das Gebiet besiedeln konnten.“

Der Englische Ginster ist eine charakteristische Art nährstoffarmer Heiden.
Der Englische Ginster ist eine charakteristische Art nährstoffarmer Heiden. Aufgrund des Rückgangs von Heideflächen sowie Nährstoffanreicherungen in der Landschaft über die Luft und durch Düngung ist die Art selten geworden. Entsprechend wird sie sowohl in der Roten Liste Nordrhein-Westfalens als auch Deutschlands als gefährdet eingestuft. © Thomas Prolingheuer © Thomas Prolingheuer

Die Publikation wurde durch das ehrenamtliche Engagement der Beteiligten und die gute Kooperation mit der Quarzwerke GmbH erst ermöglicht. Der Druck und die Herausgabe des Buches wurden zudem von der NRW-Stiftung und dem Förderverein des LWL-Museums für Naturkunde finanziell gefördert.

Zur Flora und Fauna einer Sandabgrabung bei Haltern-Flaesheim (Kreis Recklinghausen, NRW), Band 94, Abhandlungen, LWL-Museum für Naturkunde, Karsten Hannig (Hrsg.) 720 Seiten, ISBN 987-3-940726-67-4, ISSN 0175-3495, Preis 24,90 Euro zzgl. Paketporto. Bezugsmöglichkeit: LWL-Museum für Naturkunde, Sentruper Str. 285, 48161 Münster, servicebuero.naturkundemuseum@lwl.org

Über den Autor
Redaktion Haltern
1982 in Haltern geboren. Nach Stationen beim NRW-Lokalfunk, beim Regionalfernsehen und bei der BILD-Zeitung Westfalen 2010 das Studium im Bereich Journalismus & PR an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen erfolgreich beendet. Sportlich eher schwarz-gelb als blau-weiß orientiert. Waschechter Lokalpatriot und leidenschaftlicher Angler. Motto: Eine demokratische Öffentlichkeit braucht guten Journalismus.
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Daniel Winkelkotte

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