Auf dem Campingplatz Hoher Niemen haben 21 Camper die fristlose Kündigung erhalten. Nerven liegen blank. „Ich möchte wohnen bleiben“, sagt ein 65-Jähriger. Aber ab 1. Mai hat er Hausverbot.

20.03.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Campingplatz Hoher Niemen am Stockwieser Damm könnte nicht schöner liegen: Stausee, Stever, Ausflugslokale - alles direkt vor der Wohnwagen- beziehungsweise Ferienhaustür. Diese besondere Idylle begeisterte den heute 65-jährigen Heiner Abendroth so sehr, dass er von Paderborn auf eine Parzelle des Campingplatzes zog. Die Parzelle ist gepachtet, das Haus gekauft. Seit 20 Jahren genießt er seinen Rückzugsort, seit 14 Jahren hat der ehemalige Ausbilder für Datenverarbeitung dort seinen ersten Wohnsitz angemeldet. Doch jetzt bricht alles über ihn ein.

Zur schweren Erkrankung kommt die Wohnungsnot

Zum 30. April hat er ohne Angabe von Gründen die fristlose Kündigung erhalten, ab 1. Mai darf er den Platz nicht mehr betreten. Genauso ergeht es 20 anderen, die bislang dauerhaft oder in den Sommermonaten in dem Freizeitpark gelebt haben. Heiner Abendroth hat keine Vorstellung, wie es weitergehen kann.

Durch eine Nerven-Erkrankung ist er zu 50 Prozent schwerbehindert und nimmt wegen seiner unerträglichen Schmerzen starke Opiate. Er sagt, das werde ihm jetzt zum Verhängnis. Die Campingplatzleitung werfe ihm zu Unrecht Drogenhandel vor. Eine von ihr veranlasste Hausdurchsuchung durch die Polizei habe dazu überhaupt keine Hinweise ergeben.

Die letzten Wochen waren für ihn die Hölle, wie er sagt. Wegen der Kündigung bot er sein Haus im Internet zum Verkauf an, 50 Interessenten hätten sich gemeldet, es kam aber nicht zu einem Vertragsabschluss. Interessenten, so ist er sicher, werden an der Pforte abgefangen und manipuliert. Sein 50 Quadratmeter großes Haus habe einen Wert von 30.000 Euro. Könne er es nicht verkaufen, sei seine Existenz bedroht. Es könnte für den 65-Jährigen sogar noch schlimmer kommen.

Ein Pachtvertrag allein zugunsten des Verpächters

Laut Vertrag kann der Verpächter ihm obendrein die Abrisskosten aufbürden. Trotz seiner Sorgen sagt Heiner Abendroth: „Ich möchte so gern auf diesem Campingplatz wohnen bleiben.“ Er hat einen Hund aus dem Tierschutz. Die meisten Wohnungsvermieter wollen keine Haustiere, so seine Erfahrung. „Wohin soll ich gehen?“, fragt er sich verzweifelt. Er hofft, dass sein Alter und auch sein Gesundheitszustand Argumente sind, damit ein Aus- oder Umzug als unzumutbar angesehen wird.

Heiner Abendroth hat Katrin Auer, Fachanwältin für Mietrecht in der Kanzlei Stenner/Trillsch/Auer/Pernhorst, eingeschaltet. Sie sieht wenig Erfolgsaussichten für die Klage vor dem Amtsgericht Marl. Das Mietrecht und der damit verbundene Schutz von Mietern gelte auf dem Campingplatz nicht.

Pachtvertrag über ein Stück Stellplatz

Denn die Pächter hätten laut Vertrag lediglich einen Stellplatz gepachtet, auf dem ein Campingwagen oder ein Gartenhaus auf einer Schotterfläche - ohne Verbindung zum Erdreich - aufgestellt werden dürfe. „Es handelt sich folglich um ein reines Pachtverhältnis über ein Stück Stellplatz“, sagt Katrin Auer. Die Verträge allein zugunsten des Verpächters nennt sie eine „Halterner Besonderheit“. Wer nach einer Kündigung nicht weiter verkaufe oder verpachte, gehe ohne Entschädigung vom Platz und müsse im Zweifel auch noch den Abriss bezahlen. Wer so einen Vertrag unterzeichne, sei ziemlich blauäugig.

„Wir haben niemandem ohne Grund gekündigt“

Gisela Riemann ist die rechte Hand von Campingplatzbesitzer Franz Prein. Sie übt als Platzwartin das Hausrecht aus. Ja, sagt sie, es seien 21 Kündigungen ausgesprochen worden, da gebe es auch kein Zurück. „Wir haben niemandem ohne Grund gekündigt. Jede Entscheidung hat mit dem jeweiligen Bewohner zu tun“, erklärte sie gegenüber der Halterner Zeitung. Gründe seien unter anderem Rückstände bei der Pacht oder Straftaten, durch die der Campingplatz in Verruf gebracht werde.

Bebauungsplan für Campingplatz

Brandschutz muss nachgebessert werden

Der Campingplatz Hoher Niemen verfügt über Zeltplätze, ein Ferienhaus mit acht Schlafplätzen sowie Parzellen für Wohnwagen und mobile Heime. Franz Prein war zwei Jahre Geschäftsführer der Freizeitpark GmbH, seit 2015 gehört ihm der Campingplatz. Vor fünf Jahren legte die Stadt dort einen Bebauungsplan auf, der unter anderem ein Brandschutzkonzept beinhaltet. Weil der Besitzer nicht alle Auflagen erfüllt habe, so Stadtsprecher Georg Bockey, habe er nacharbeiten müssen. Zum Beispiel hätten die Brandschneisen auf dem Platz gefehlt sowie Brunnen für Löschwasser und Feuerlöscher. Zudem seien die Rettungswege nicht ausreichend breit gewesen. Bauordnungsamt und Feuerwehr waren deshalb vor Ort. Bis Ende April müssen alle Auflagen erfüllt sein. Wie auf allen Halterner Campingplätzen sind die privatrechtlichen Verträge mit den Campern mittlerweile so zu regeln, dass eine Dauerwohnnutzung nicht zugelassen ist.

„Wir wollen einen geordneten Platz, auf dem sich alle wohl und sicher fühlen. Viele andere Camper sind froh und glücklich über die ausgesprochenen Kündigungen“, sagt sie. Nicht eine Kündigung sei ungerecht. Zu Nachfolgeregelungen auf den Parzellen sagt sie: „Wir suchen die Pächter selber aus!“

Einige der Gekündigten sehen das so: Die gekündigten Plätze werden von den eingeschüchterten Campern von der Platzleitung für wenig Geld aufgekauft und neu an Wochenend-Gäste vermietet. Angebote fänden sich bei Ebay-Kleinanzeigen.

Campingplatz kann nicht erster Wohnsitz sein

Sind die Kündigungen etwa auch die Bereinigung des nicht mehr gestatteten Dauerwohnens, wie manch einer der Gekündigten vermutet? Auf der anderen Seite werden von Campern, die verkaufen wollen, beschönigende Beschreibungen ins Netz gesetzt. So verkauft jemand sein Tiny-House mit dem Versprechen, eine Erstwohnsitz-Anmeldung sei möglich und kein Problem.

Fakt jedoch ist: Dauercampen ist im Freizeitpark Hoher Niemen künftig - wie auf allen anderen Plätzen - definitiv ausgeschlossen. Dieses Verbot wird in Neuverträgen verankert.

436 Menschen haben derzeit (noch) ihren ersten Wohnsitz auf einem Halterner Campingplatz. Nach Bundesplanungsrecht ist das jedoch generell verboten, die Stadt hat das allerdings jahrzehntelang stillschweigend geduldet und tut es noch heute. Sie weiß so wenig wie andere Kreisstädte, wie sie das Problem lösen könnte und wo die Camper dann wohnen sollen.

Lesen Sie jetzt