Anny Hartmann blickt auf 2019 zurück: Den Finger in die Wunde legen, bis es schmerzt

Kabarett in Haltern

Mit Humor, aber schonungslos ehrlich blickten am Donnerstagabend viele Liebhaber des politischen Kabaretts im ausverkauften Trigon mit Kabarettistin Anny Hartmann zurück auf 2019.

von Petra Herrmann

Haltern

, 17.01.2020, 15:10 Uhr / Lesedauer: 2 min
Anny Hartmann blickt auf 2019 zurück: Den Finger in die Wunde legen, bis es schmerzt

Anny Hartmann blickte humorvoll-bissig auf das Jahr 2019 zurück. © Petra Herrmann

„Ich hab mir das nicht ausgedacht“, gab die Kiep-Gewinnerin von 2016 gleich am Anfang zu. „Wir gehen chronologisch nach Monaten vor. Also Januar, Februar, März … Das habe ich mir vom Kalender abgeschaut.“

Ganz gleich, in welchem Monat: Anny Hartmann legte den Finger in die Wunde. Und zwar so, dass es schmerzte. Rechtsradikalismus, Klimakatastrophe, Sexismus; die Kabarettistin entlarvte und öffnete die Augen. Sie machte deutlich, dass es sich bei rechtsextremen Gewalttätern nicht nur um Einzeltäter handelt. Dazu sei die Liste der Straftaten zu lang.

Schönfärberei durch Worte

Geräumte Moscheen, Bedrohungen gegen Ausländer, Journalisten, Politiker, Morde, Terroranschläge: Das gehe nicht alles auf das Konto von Einzeltätern. Anny Hartmann führte Schönfärberei durch Worte vor Augen: Wolfgang Lübcke starb nicht durch sein soziales Engagement – auch wenn dies in vielen Medien in einen Zusammenhang gebracht wurde. Er starb durch einen Kopfschuss. Und dieser wurde abgegeben von einem Rassisten.

Ihre Forderung: „Wir müssen das Kind beim Namen nennen. Die Täter sind Rassisten. Man muss sie auch so benennen. Nazis sind Nazis. Und die AFD ist rassistisch und nicht rechtspopulistisch und erst recht keine Protestpartei.“ Ihr Vergleich: „Wenn dir das Bier nicht schmeckt, trinkst du aus Protest auch nicht aus der Kloschüssel.“

Korrekter Umgang mit Sprache

Immer wieder wirbt Anny Hartmann für den korrekten Umgang mit Sprache: „Wir brauchen keinen Klimaschutz. Das ist Menschenschutz. Das Klima kommt prima ohne uns klar. Wir Menschen haben das Problem.“ Sie würdigte das Engagement der „Fridays for Future“-Bewegung: „Das ist doch genau das, was in der Weihnachtsansprache immer gefordert wird: Engagement! Und die Frage muss erlaubt sein: Warum zur Schule gehen, wenn ich weiß, dass der Planet untergeht. Da lohnt sich doch nur Schwimmunterricht.“

Den Hinweis, die Schüler mögen doch bitte am Wochenende streiken, ließ sie nicht gelten. „Hallo! So funktioniert nun mal ein Streik. Die Lufthansa streikt auch nicht ausschließlich nachts.“

Hartmann warnte davor, in diese drei Fallen zu tappen:

  • In die räumliche Falle: „Die Malediven sind ja weit weg. Egal, wenn da der Meeresspiegel steigt. Und Aachen am See ist ja auch nett.“
  • In die soziale Falle: „Warum ich? Wir Deutschen sind doch Umwelt-Weltmeister. Wir trennen unseren Müll.“
  • Und in die zeitliche Falle: „Im Moment ist alles super. Ich heize ohne Tempolimit mit meinem SUV über die Autobahn. Besser muss nicht.“

Anny Hartmann schaffte es, ihr Publikum zum Nachdenken und zum Lachen zu bringen. Jeder fasste sich zwischendurch an die eigene Nase und bekam den Spiegel vorgehalten. Jeder konnte etwas mit nach Hause nehmen und sei es den Artikel 147, den die Kabarettistin dem Grundgesetz zufügen möchte: „Jeder Erwachsene hat das Recht, dem Leben mit kindlicher Freude zu begegnen.“

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