Jörg Stinka und Henning Albrecht* haben jahrelang täglich Alkohol getrunken. Bis das Schicksal sie wachrüttelte. Heute sind sie trocken. Wie ihnen das gelungen ist, haben sie uns erzählt.

Haltern

, 10.04.2019, 17:58 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ich war Hardcore-Alkoholiker“, sagt Jörg Stinka, während etwa 20 Jugendliche im Halbkreis um ihn und seinen Bekannten Henning Albrecht (* Name von der Redaktion geändert) herumsitzen. Im Raum des Hans-Böckler-Berufskollegs ist es nach diesen Worten des heute 60-Jährigen still geworden. Einmal im Jahr sprechen die Mitglieder des Freundeskreis Haltern, einer Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke, mit den Jugendlichen darüber, was der Alkohol aus einem Leben machen kann. „Am Ende habe ich drei Flaschen Wodka am Tag getrunken. Eine brauchte ich alleine, damit meine Hand aufhört, zu zittern“, sagt Stinka. 19 Jahre ist das jetzt her. Die Jahre davor hat sich langsam aber stetig der Alkohol erobert. Bis er 1999 in der Kaue seines alten Schachts zusammenbrach.

Jörg Stinka arbeitete damals als Schlosser im Tagesbetrieb auf Auguste Victoria. „Jeder zweite hatte was im Spint stehen“, sagt Stinka. Während der Schicht ging die Flasche Weinbrand rum. Kurze Pause, dann wurde weitergearbeitet. „Wenn man einen Schluck genommen hat, dann war man ruhiger.“ Bis zu einem Tag, an dem Jörg Stinka sieben Stunden nicht zur Flasche greifen kann. „Ich musste eine Maschine beobachten.“ Als er sich zum Schichtende auf den Weg in die Schlosser-Kaue macht, ist Stinka nervös. „Dann bin ich umgekippt und habe einen Krampfanfall bekommen.“ Stinka liegt auf dem Boden, während das dreckige Wasser neben ihm durch die Rinne der Kaue fließt. Er schreit. Um sich nicht die Zunge abzubeißen, beißt er auf einen Badeschlappen. Erst, als ein Arzt kommt und ihm eine Ersatzdroge spritzt, wird er ruhiger.

74.000 Menschen sterben pro Jahr an den Folgen ihres Alkoholkonsums, schätzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V. in Hamm. Und 96,4 Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland trinken.

Diagnosekriterien

Daran kann ich Alkoholabhängigkeit erkennen

  • Laut Kirstin Damm vom Caritas Centrum in Haltern am See gehören Nervosität, Zittern und Kopfschmerzen zu den Anzeichen einer Alkoholsucht, wenn der Betroffene keinen Alkohol konsumiert
  • Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erklärt: „Das Leben dreht sich zunehmend um Alkohol, nach und nach funktioniert scheinbar immer weniger ohne den Suchtstoff und andere Interessen werden vernachlässigt. Ein ganz zentraler Hinweis sind wiederholte, erfolglose Versuche, weniger zu trinken oder abstinent zu bleiben.“

Für Jörg Stinka und Henning Albrecht hat das Trinken in der Jugend angefangen. „Der Albrecht ist der, der das Licht ausmacht“, erinnert sich der heute 63-jährige Henning Albrecht an einen Spruch aus seiner Jugend. Der Albrecht, der als letztes nach Hause geht. Um Anerkennung, Gewohnheit und falschen Stolz sei es damals gegangen. „Alkohol hat viele positive Eigenschaften, es ist für Betroffene ein großer Verzicht“, sagt Kirstin Damm, Fachdienstleitung der Suchtberatung und Betreuung beim Caritas Centrum Haltern am See.

Alkohol, die Gesellschaftsdroge. In der Jugend ist der Alkohol der Freund, der einem hilft, locker zu werden und Frauen anzusprechen. Und dann wird aus diesem Alkohol mit der Zeit der Alkohol, der hilft, mit Stress und Krisen umzugehen. Und eines Tages, da sei es dann nur noch um den Alkohol des Alkohols wegen gegangen, sagt Henning Albrecht heute. „Wie falle ich nicht auf? Wie komme ich an Alkohol? Wo bringe ich die Flaschen weg?“, erinnert sich Henning Albrecht an sein Gedankenkarussell. „Da geht es auch nicht mehr darum, dass der Alkohol schmeckt. Das tut er nicht mehr. Irgendwann braucht der Körper das, auch wenn der Kopf sagt, du darfst nicht“, sagt Stinka.

„Mein Tagesablauf war immer gleich. Vor der Arbeit habe ich mir zwei Flaschen Wein besorgt und Flaschen entsorgt. Auf der Arbeit habe ich nichts getrunken. Abends bin ich dann nach Hause, habe gegessen und mich dabei druckbetankt. Ich wollte möglichst schnell besoffen werden“, sagt Henning Albrecht. „Dann bin ich möglichst früh ins Bett. Durch den Alkohol konnte ich gut schlafen. Am nächsten Tag bin ich dann mit Restalkohol zur Arbeit gefahren.“ Passiert sei dabei nie etwas, sagt Henning Albrecht.

„Ich habe mir 1000 Mal gesagt: ‚Morgen hörst du auf‘“, erinnert sich Stinka. Aus Morgen wird nächste Woche. „Es braucht einen krassen Vorfall, damit man aufhört“, sind sich Albrecht und Stinka einig. „Ich habe in der Gosse gelegen. Da will ich nicht mehr hin“, sagt Stinka. Für Henning Albrecht war es ein Besuch bei seiner Ärztin im Jahr 2014. „Sie sagte zu mir, ‚Wenn Sie so weitermachen, haben Sie nicht mehr lange‘.“

„Die Nerven in meinen Beinen sind irreparabel geschädigt“, sagt Henning Albrecht. „Ich kann nicht lange auf einer Stelle stehen. Das wird auch nicht mehr weggehen.“ Zwei Flaschen Wodka und drei bis vier Flaschen Wein hat der Halterner an einem Wochenende am Ende konsumiert. Allein. Freunden sagte er regelmäßig ab. Unter Vorwänden. Bis keine mehr da waren. „Ich bin am Wochenende abends besoffen ins Bett gefallen, morgens habe ich dann einen Kaffee getrunken und dann ging es weiter.“ Selbst der Anruf einer Bekannten, die ihm helfen und ihn auf sein Problem ansprechen wollte, blockte er ab. Bis seine Ärztin ihn wachrüttelte.

Stinka und Albrecht brauchen zwei Anläufe, bis sie Abstand zwischen sich und den Alkohol bekommen. Für Henning Albrecht waren das eine sechswöchige psychosomatische Kur und eine ambulante Therapie über ein dreiviertel Jahr. Für Jörg Stinka eine 16-wöchige und eine 12-wöchige Entzugstherapie in einer Suchtklinik. Nach der ersten Kur, da habe ihm sein Suchtgedächtnis gesagt, sich mit Alkohol für die abgeschlossene Kur zu belohnen. Albrecht erleidet einen Rückfall. Bei Jörg Stinka kommen mehrere Schicksalsschläge zusammen. Mit 3,8 Promille im Blut bringt ihn ein Bekannter in die LWL-Klinik zur zweiten Entgiftung nach Herten.

Folgeerkrankungen

Das kann Alkohol mit dem Körper anstellen

  • Folgeerkrankungen sind oft diejenigen, die Patienten zum Arzt führen, sagt die Halterner Ärztesprecherin Dr. Astrid Keller. Oft komme das Alkoholproblem erst dann zum Vorschein.
  • Häufig kommt es zu Magen-Darm-Problemen, Problemen mit der Leber, den Nerven oder zu Herzschwäche.
  • Andere Erkrankungen sind Bauchspeicheldrüsen- oder Speiseröhrenentzündungen.
  • Nervenschädigungen seien die Folge von Vitaminmangel, so Keller.
  • Bei manchen Betroffenen gebe es auch Probleme beim Gehen, auch wenn sie nüchtern sind.

Heute sind beide trocken. Stinka seit 19, Albrecht seit drei Jahren. Ein Faktor, der beiden auf ihren Wegen geholfen hat, ist der Freundeskreis Haltern, eine selbstständig organisierte Gruppe von und für Menschen mit Alkoholsucht. Hier bekommen Angehörige und Betroffene Unterstützung. „Wir fragen im Gesprächskreis, wie die Woche gelaufen ist“, sagt Stinka. 12 bis 13 Mitglieder ist die Gruppe aktuell stark. Bei den Treffen gehe es nicht immer nur um den Alkohol, auch die Familie oder Krankheiten werden thematisiert. „Alles, was in den Räumen erzählt wird, bleibt auch da“, sagt Albrecht. Auch außerhalb der Treffen bleibt der Freundeskreis bestehen. Geht kegeln oder trifft sich im Sommer zum Grillen. „Wir sind untereinander vernetzt. Wenn einer es nicht mehr aushält, dann kann er uns andere anrufen.“ Auch in akuten Situationen: „Es ist nicht nur einmal passiert, dass wir jemanden, der sich besinnungslos getrunken hatte, ins Krankenhaus gebracht haben“, sagt Albrecht. „Die wenigsten, die wir kennen, haben es ohne eine Therapie oder eine Selbsthilfegruppe geschafft“, sagt Albrecht. Auch die Vorstellung, kontrolliert trinken zu können, sei oft eine Illusion. Henning Albrecht: „Man kommt dann schleichend wieder in die Sucht.“

Auch die Suchtberatungsstelle des Caritas Centrums in Haltern am See hat beide auf ihrem Weg aus der Sucht unterstützt. Hier bekommen Menschen Unterstützung und Motivation im Umgang mit dem eigenen Trinkverhalten, entwickeln ein Verständnis für das eigene Krankheitsbild, bekommen Hilfe in akuten Situationen wie dem drohenden Verlust des Arbeitsplatzes, steigenden Schulden oder Familienkrisen. „Die Trinkabstinenz ist nicht immer das Ziel“, sagt Kirstin Damm vom Caritas Centrum Haltern am See. Was für wen empfehlenswert sei, sei immer vom Einzelfall abhängig. Auch die Vermittlung in ambulante oder stationäre Rehabilitationseinrichtungen gehört zum Aufgabenspektrum des Centrums. Gleichzeitig hat die Caritas die Angehörigen und Kinder der Suchtkranken im Blick. Hier greife auch das Präventionsprogramm „pro anima“ für Kinder suchtkranker Eltern der Caritas. Reine Entgiftungstherapien von fünf bis sieben Tagen führt auch das St.-Sixtus-Hospital in Haltern durch, so Damm.

„Außenstehende denken oft, dass wenn man einmal aufhört, dann müsste das doch klappen, trocken zu bleiben“, sagt Damm. Tatsächlich aber handele es sich um einen Prozess im Gehirn, den man nicht mehr rückgängig machen könne. Deshalb sei es auch wichtig, dass die Betroffenen selbst zu der Einsicht kommen, dass sie Hilfe brauchen. „Die Krankheit verläuft in drei Phasen: erst kommt die kognitive Einsicht, dann die emotionale, dann die vertiefte. Durch die Diagnose allein denkt man, man hat es unter Kontrolle.“ Das sei allerdings ein Trugschluss. Ähnlich wie bei einem rauchenden Asthmatiker, der wisse, dass Rauchen schädlich für ihn ist, aber trotzdem weiterraucht.

Süchtig, sagen Stinka und Albrecht, werden sie immer sein. Er versuche, mehr Sport zu machen, wandern zu gehen oder setze sich ins Extrablatt, sagt Albrecht. „Allein zu Hause kommen die Gedanken. Dann gehe ich raus.“ Jörg Stinkas Ehe ist durch seine Sucht kaputt gegangen, lange hatte er keinen Kontakt zu seinem Sohn. Heute arbeite er daran. „Wir haben lange darüber gesprochen und haben das Vertrauen sehr langsam wieder aufgebaut. Ich habe ihm seine Kindheit versaut“, sagt Stinka. Für Henning Albrecht sei es ein Stück Sicherheit, über seine Sucht zu sprechen, damit er nicht rückfällig werde, sagt er. „Je mehr es wissen, desto mehr Sicherheit gibt es mir.“

„Ich will euch nicht den Spaß am Alkohol nehmen“, sagt Stinka den Schülern im Berufskolleg bei seinen Besuchen. „Ich will euch nur sagen, was passieren kann.“ Darüber, sagt er, müsse man reden. Wenn Familie und Freunde einen auf das eigene komische Trinkverhalten ansprächen, dann solle man das als Denkanstoß nehmen.

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