Als Notfallseelsorger leistet Willi Grave Beistand in schwersten Augenblicken

dzEhrenamt im Ruhestand

Willi Grave, der frühere Geschäftsführer des Halterner Caritasverbandes, hat sich zum Notfallseelsorger ausbilden lassen. Zwei Schlüssel-Erlebnisse führten zu dieser Entscheidung.

Haltern

, 18.08.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der plötzliche Tod eines Menschen wirft Angehörige aus der Bahn. So stand Willi Grave aus Haltern einer älteren Dame bei, die ihren pflegebedürftigen Mann nach einem Einkauf unerwartet tot im Bett gefunden hatte. „Die Ehefrau war zunächst völlig hilflos. Nach einem schlimmen Ereignis ist grundsätzlich erst einmal nichts mehr normal“, erzählt Willi Grave von seinen Erfahrungen.

Die Rettungskräfte mussten gehen, aber sie hatten die Notfall-Seelsorge verständigt. Willi Grave kam, blieb, nahm sich Zeit und half, bis das persönliche Netzwerk der Hinterbliebenen griff. Notfallseelsorger wie Willi Grave sind in den Städten des Kreises immer dann zur Stelle, wenn in ersten schweren Stunden plötzlich Krisensituationen zu bewältigen sind.

„Ich bin da und höre zu“

Was sagt Willi Grave in einem solchen oder dem Fall, als er einen Vater von der Sportschau wegholen muss, um zu erklären, dass der Sohn bei einem Motorradunfall im Sauerland ums Leben gekommen ist? Und was sagt er einem Mann, der seinen Bruder aufgehängt im Keller findet? „Worte sind zunächst nicht entscheidend. Ich bin da und höre zu“, berichtet er aus seiner jetzt zweijährigen ehrenamtlichen Tätigkeit. Beistand in schwersten Augenblicken erfordert besonderes Einfühlungsvermögen. Als er von einem Hinterbliebenen hört: „Endlich ist der Alte tot!“, weiß er: Hier hat es besondere Belastungsphasen gegeben und er ist als Seelsorger nun zunächst ein Ventil für das, was im Leben der Familie falsch gelaufen ist.

Hier gelte es, etwas aufzuarbeiten, sagt Willi Grave. Dafür ist er als Notfallseelsorger aber nicht mehr zuständig. Seine Aufgabe ist es, Trauernde in den ersten Momenten beizustehen und zu unterstützen, wenn die Arbeit von Polizei und Rettungsdienst beendet ist. Eine längerfristige Betreuung sei nicht möglich, „dann wären wir ja nicht frei für neue Einsätze.“

300 Einsätze pro Jahr

70 Notfallseelsorger aus unterschiedlichsten Berufen teilen sich im Kreis vier Bezirke, der Dienst geht von 7 bis 19 Uhr und von 19 Uhr bis 7 Uhr. Im Schnitt werden sie zu 300 Einsätzen pro Jahr gerufen. Willi Grave hatte in diesem Jahr bislang vier Einsätze; zuständig ist er für Marl und Haltern. Es gibt Bereitschaftspläne, in die er sich einträgt. Mal sind es drei Dienste pro Woche, mal keine. Wichtig war Willi Grave ein selbstbestimmtes Engagement. Denn er hat noch mehr Ehrenämter (Stiftungsrat Bürgerstiftung, Vorstand Seniorenunion, Caritasprojekt „Offenes Ohr“) und auch eine große Familie.

Als der Ruhestand in Sichtweite kam, bereitete sich Willi Grave intensiv auf den neuen Lebensabschnitt vor. „Ich bin immer gern Sozialarbeiter gewesen, leider wurde meine Aufgabe als Geschäftsführer des Caritasverbandes immer administrativer“, erzählt der heute 65-Jährige. Er wollte zurück zu den eigentlichen beruflichen Wurzeln.

Ingo Janzen und die Katastrophe

Zwei Schlüssel-Erlebnisse führten ihn auf den Weg zum Notfallseelsorger. Willi Grave lernte den evangelischen Pfarrer Ingo Janzen kennen. Dieser war sechs Jahre als Seelsorger in der evangelischen Kirchengemeinde Haltern tätig und baute dann im „Haus der Kirche“ in Recklinghausen eine Koordinationsstelle für Jugendarbeit und Notfallseelsorge auf. „Ingo Janzen hat mich mit seiner Arbeit und seinen Ansichten sehr angesprochen.“ Das zweite Schlüssel-Erlebnis war der Flugzeugabsturz am 24. März 2015 mit 18 Opfern vom Joseph-König-Gymnasium. Ihm sei damals bewusst geworden, was Notfallseelsorger nach solch einer Katastrophe leisten müssen.

„Ich habe gemerkt, bei dieser schweren Aufgabe kannst du den Menschen nahe sein“, und genau das möchte er: Menschen beistehen, wenn die Welt zusammenbricht. „Das ist doch unser christlicher Auftrag.“

Willi Grave findet Erfüllung als Notfallseelsorger. „Wenn ich nach Einsätzen nach Hause fahre, dann weiß ich: Die Menschen haben mich gebraucht.“

Rufbereitschaften mit Leitstelle gekoppelt

365 Tage im Jahr, rund um die Uhr

In allen Kirchenkreisen der Evangelischen Kirche von Westfalen sind an den Rettungsleitstellen der Kreise und kreisfreien Städte Rufbereitschaften der Notfallseelsorge installiert. 365 Tage im Jahr und rund um die Uhr sind Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei alarmierbar. Indikationen für die Begleitung von Betroffenen durch die Notfallseelsorge sind in erster Linie: Tod im häuslichen Bereich, Überbringen einer Todesnachricht, Tod und schwere Verletzungen von Kindern, Unfälle, Brände, Suizid oder Gewaltverbrechen. Notfallseelsorger müssen mit Stress umgehen können, belastbar sein sowie Einfühlungsvermögen, Fingerspitzengefühl, Organisationsfähigkeit und ein feines Gespür für Menschen und ihre Bedürfnisse mitbringen. Infos zur Ausbildung und Arbeit: www.notfallseelsorge.ekvw.net
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt