Matteo Derai war im März 2020 freiwilliger Krankenwagenfahrer in Mailand. © Privat
Corona-Pandemie

Irre Drehbedingungen: Elena Horn filmte Rettungswagenfahrer in Mailand

Corona brachte das italienische Gesundheitssystem im Frühjahr 2020 an seine Grenzen. Die Fröndenbergerin Elena Horn befand sich damals, wie sie selbst sagt, „im Auge des Sturms“. Und zwar für Dreharbeiten.

Matteo Derai aus Mailand sitzt mit seiner Frau, Krankenschwester im Mutterschutz, und Baby an einem kleinen Küchentisch. Bei einer Tasse Kaffee berichtet er ihr von der Nachtschicht im Rettungswagen. Der freiwillige Fahrer transportierte einen vermeintlichen Herzpatienten. Vermutlich hatte der Mann doch Corona, Matteo hat keine Schutzkleidung an. Es ist März 2020. Die Corona-Pandemie befindet sich in Italien auf ihrem Höhepunkt.

Diese Szene, die sich ähnlich an vielen Küchentischen im Land hätte abspielen können, steht sinnbildlich für die schlimmsten Wochen der Corona-Pandemie, die Italien im Frühjahr 2020 erschütterte. Das Gesundheitssystem war am Limit. Tausende Menschen starben. Mit dabei, nicht in der Wohnung des jungen Italieners, aber trotzdem immer nah an den Menschen, war Elena Horn.

Die Fröndenbergerin, die teils in der Ruhrstadt, teils in Berlin lebt, dreht Dokumentationen für nationale und internationale TV-Sender und Nachrichtenmedien. „Life and death with a coronavirus ambulance volunteer in Milan“ hat sie für den britischen Guardian produziert.

Alltägliche Szenen für den italienischen Rettungswagenfahrer: Matteo Derai holt mit einem Kollegen des Croce Rosa Celeste einen an Covid-19 erkrankte Frau ab. © Privat © Privat

Anfang 2020 war die Freiberuflerin für das gesamte Jahr ausgebucht. Als das Coronavirus Europa erreichte, erhielt sie einen Anruf nach dem anderen. „Alles wurde abgesagt, das war schockierend.“ Doch das Blatt wende sich schnell: „Den Sendern fiel auf, dass sie ja irgendwas senden mussten.“

Vom Dokumentarfilm zum Tagesgeschehen

Viele Kolleginnen und Kollegen, die normalerweise Dokus machen, filmten das Tagesgeschehen. BBC und Co. buchten Dokumentarfilmer und Videojournalisten, die in Ländern wie Italien ohnehin vor Ort waren, weil das Reisen kaum noch möglich war.

Filmemacher Alessandro Leonardi, der mit dem Elena Horn viele Dokus gemeinsam produziert, stammt aus Italien und hat einen guten Draht zu dem Menschen im Land. Der Rettungsdienst, für den in Italien historisch gewachsen ehrenamtliche Volontäre fahren, erschien den beiden schon vor Corona spannend. Während der Pandemie drängte sich das Thema geradezu auf.

Elena Horn und Alessandro Leonardi haben schon mehrere Dokus zusammen gefilmt. © Privat © Privat

Die unerfahrenen, sehr jungen Volontäre brachten sich Tag und Nacht in Lebensgefahr. Elena Horn und Alessandro Leonardi waren mit dabei. Und liefern rares Filmmaterial. Die meisten Journalisten fokussierten sich nämlich auf große Bilder, Leichenwagen, Särge. Sie versuchten täglich, das große Ganze verständlich zu machen. Menschen und ihre Emotionen, Nebenschauplätze, fingen nur wenige ein.

Seltene zehn Minuten

Inzwischen hat sich die Situation in Italien zum Glück verbessert. Dokumentarfilmer können die Uhr nun nicht mehr zurückdrehen. Material wie die zehn Minuten über Matteo und seine kleine Familie gebe es kaum, sagt Elena Horn. Die BBC hat es später von Guardian aufgekauft.

Elena Hons Filmkollege Alessandro Leonardi beim Dreh vor der Mailänder Kathedrale. © Privat © Privat

Selbstverständlich sei sie gefragt worden, ob sie verrückt sei: „Die Drehbedingungen waren irre.“ Aber einen Lungenarzt würde man das ja auch nicht fragen, so die Fröndenbergerin. Gerade weil die Menschen zuhause bleiben mussten, wollte sie das Gegenteil machen und raus. „Wir waren im Auge des Sturms.“

In der Wohnung von Rettungswagenfahrer Matteo zu drehen, war coronabedingt unmöglich. Die Protagonisten mussten sich selbst Filmen. „Vor Corona hätten sich wohl kein Sender darauf eingelassen.“ Elena Horn wünscht sich, dass ihr Genre auch nach Corona etwas von dieser Unkonventionalität beibehält. Dokus seien zuletzt schon ein wenig glatt und eintönig geworden.

Über die Autorin
Redaktion Fröndenberg
Jahrgang 1988, aufgewachsen in Dortmund-Sölde an der Grenze zum Kreis Unna. Hat schon in der Grundschule am liebsten geschrieben, später in Heidelberg und Bochum studiert. Ist gerne beim Sport und in der Natur.
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