Unser Autor fordert: Haut euch fürs Team rein und bleibt dafür besser auf der Couch! © Stephan Schütze
Meinung

Wo ist Dortmunds „You‘ll never walk alone“ wenn es drauf ankommt?

Die Fallzahlen steigen trotz „Lockdown Light“ so stark an, dass das „Light“ gestrichen wird. Ein Problem: Die Dortmunder haben vergessen, was sie stark macht, meint unser Autor.

Ein Fehler, den manche Journalisten begehen, ist, Dinge zu verallgemeinern. Zwar richtet sich der folgende Appell nicht an alle Bürger, aber an viele von ihnen. Daher schadet es nicht, wenn sich sicherheitshalber doch jeder mit angesprochen fühlt.

Weniger als zwei Wochen vor den Feiertagen droht Dortmund ein harter Lockdown mit noch nicht absehbaren Folgen für Wirtschaft und Weihnachtsfest. Und liebe Leute, das habt ihr euch redlich verdient.

Seit sechs Wochen leben wir in der „Light-Variante“ ohne Kneipen, ohne Restaurants. Es ist schon irgendwie auf verstörende Art und Weise faszinierend zu sehen, dass ihr es geschafft habt, die Fallzahlen trotz dieser schon deutlich bestehenden Ausnahmesituation wieder ansteigen zu lassen. Dass es in dieser Situation so dermaßen viele Neuinfektionen gibt, muss schon fast Absicht sein.

Klar, wenn Ministerpräsident Armin Laschet über NRW spricht, muss er ja nicht uns meinen. Vielleicht verallgemeinert er ja nur. Bloß weil irgendwelche Karnevalsfans oder Wurst-Fabrikanten nicht aufpassen, müssen wir mitleiden. Nur wäre diese Denkweise absoluter Quatsch: Dortmunds 7-Tage-Inzidenz liegt seit langer Zeit über dem NRW-Schnitt. Jetzt sind wir nach kurzem Sinkflug wieder auf dem Weg zur 200er-Marke.

Unter die Arme packen statt Schultern hängen lassen

Vielleicht denken manche Menschen auch innerhalb der Stadt so: Die Nordstadt gilt zum Beispiel als Corona-Hotspot und Leute in ganz anderen Stadtteilen kriegen jetzt auch den Lockdown aufgedrückt.

Aber wenn wir schon verallgemeinern und in Schubladen denken, dann müssen wir auch an die typische Ruhrgebiets-Mentalität appellieren, die wir so oft stolz vor uns hertragen: Die Dortmunder sind doch Malocher. Da wo andere schnaufend die Schultern hängen lassen, packen wir unserem Nachbarn unter die Arme. Nur war in den vergangenen Wochen mehr „The winner takes it all“ als „You‘ll never walk alone“.

Die Fallzahlen eines Tages geben immer Aufschluss über das Infektionsgeschehen vor ein bis zwei Wochen – weil es dauert, bis Symptome auftreten und ein Testergebnis da ist. Und was war vor genau zwei Wochen? Richtig, Black Friday, mit Super-Sonder-Rabatt in vielen Geschäften. Es ist nicht bewiesen, wie viele Menschen sich dabei angesteckt habe, aber die Frage liegt nahe: War das persönliche Schnäppchen das allgemeine Gedränge wert?

Um es im Pöhler-Duktus zu sagen: Das Gegentor ist gefallen und es steht 2:1 für das Virus. Meckern bringt nix. Aber jetzt habt ihr ja endlich den Ernst der Lage erkannt – kneift halt die Backen zusammen und haut euch fürs Team rein! Dafür muss man nicht mal über den Platz rennen – es reicht, auf der Couch zu bleiben. Und das richtet sich nicht an „die anderen“, sondern an jeden einzelnen.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
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Kevin Kindel
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