Wirte zum ersten Sperrstunden-Samstag: „Großbestellung kurz vor 23 Uhr“

dzKneipen in Dortmund

Dortmund ist seit vergangener Woche Risikogebiet, Kneipen und Restaurants müssen deshalb täglich von 23 bis 6 Uhr schließen. Wie haben die Wirte den ersten Sperrstunden-Samstag erlebt?

Huckarde, Mengede, Lütgendortmund

, 21.10.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Dortmund ist die Zahl der Corona-Infizierten weiterhin hoch, bereits seit vergangener Woche gilt unsere Stadt offiziell als Risikogebiet. Der Inzidenz-Wert (Neuinfektionen innerhalb einer Woche pro 100.000 Einwohner) liegt am Mittwoch (21.10.) laut Robert-Koch-Institut bei 73,7 und ist damit so hoch wie nie.

Für Dortmunds Gastronomie sind die Folgen fatal: Bars und Restaurants müssen täglich von 23 bis 6 Uhr schließen – auch am Wochenende, wenn gerade Kneipen ihre besten Umsätze am späten Abend machen.

Die neue Corona-Regel gilt seit dem 17. Oktober. Der erste Sperrstunden-Samstag liegt also bereits hinter den Wirten. Wie erleben sie die neue Situation? Wie reagieren ihre Gäste auf den „Rauswurf“ um 23 Uhr?

Gäste in der Sportlerklause reagierten aggressiv

Niko Savidis, Inhaber der Sportlerklause in Nette, hat einen anstrengenden Samstagabend hinter sich. Einige Gäste seien richtig aggressiv geworden und hätten sich gegen die Schließung um 23 Uhr gewehrt, erzählt er. „Sie haben sogar verlangt, dass wir zusperren, die Jalousien runterlassen, damit sie dann weitertrinken können.“

Andere wiederum hätten kurz vor 23 Uhr noch eine Großbestellung aufgeben wollen. „Pro Gast fünf Bier, und die wollten sie dann noch in aller Ruhe austrinken“, berichtet Savidis. Wieder andere hätten sich Bierflaschen gekauft und dann ab 23 Uhr vor der Gaststätte weitergetrunken.

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Das Unverständnis sei bei allen groß, „weil meine Stammgäste alle Regeln einhalten und sie nicht verstehen können, dass sie trotzdem nur bis 23 Uhr bleiben dürfen“. Was dem Wirt zusätzlich Sorgen bereitet, sind die neuen Beschränkungen bei privaten Feiern. „10 statt 25, das macht doch keiner. Goldene Hochzeiten und Taufen wurden schon abgesagt.“

„Einige Gäste wussten nichts von der Sperrstunde“

Für Michael Wiecke, Chef der Marktschänke in Huckarde, ist die neue Sperrstunden-Regel ebenfalls „die Hölle“. „Sobald wir anfangen, Geld zu verdienen, müssen wir schließen.“ Er kenne keine Dortmunder „Hotspot-Kneipe“, für ihn sei deshalb nicht nachvollziehbar, dass die verschärften Corona-Regeln wieder einmal die Gastronomie treffen.

Was ihn am Samstagabend sehr gewunderte habe: „Einige unserer Gäste wussten nichts von der Sperrstunde. In welcher Welt leben die eigentlich?“, fragt Wiecke. Sie seien völlig ahnungslos gewesen, als sie die Kneipe um 23 Uhr verlassen mussten. „Der Rest war nicht begeistert, ist dann aber halt gegangen“, so Wiecke.

Die Gäste des Oespeler Wirts Stefan Altstadt (l.) reagieren mit großer Enttäuschung auf die Sperrstunde.

Die Gäste des Oespeler Wirts Stefan Altstadt (l.) reagieren mit großer Enttäuschung auf die Sperrstunde. © Beate Dönnewald (Archiv)

Auch in der „Linnertschänke“, in der kleinen Eckkneipe von Stefan Altstadt in Oespel, brummt der Laden vor allem am Wochenende ab 20 Uhr. Seine Gäste hätten mit großer Enttäuschung auf die Sperrstunde reagiert, erzählt der Wirt. „Einer hat mich gefragt, ob das Virus ab 23 Uhr gefährlicher ist.“

Gäste und Wirt fühlen sich „unnötig drangsaliert“

Genau wie seine Kundschaft fühle er sich „unnötig drangsaliert“, sagt der Oespeler Gastronom. „Im Umfeld meiner Kneipe ist es bisher zu keiner Virus-Ausbereitung gekommen, weil wir uns alle Regeln halten.“ Schon vor der Corona-Krise habe er penibel auf Hygiene geachtet: „Wenn einer sich nach dem Toilettenbesuch nicht die Hände gewaschen hat, bin ich wütend geworden.“

Sein Umsatz sei durch die Corona-Krise bereits um 50 Prozent zurückgegangen. „Viele Kunden kommen nicht mehr, weil sie Angst haben. Darum schließe ich in der Woche bereits um 22 Uhr.“ Umso wichtiger sei das Wochenende für ihn. „Das ist unser Geschäft. Durch die Sperrstunde werde ich weitere Verluste einfahren.“

Gerade mal zehn Gäste konnte Bianca Brix am ersten Samstag mit neuer Sperrstunde in ihrer Kneipe begrüßen.

Gerade mal zehn Gäste konnte Bianca Tix am ersten Samstag mit neuer Sperrstunde in ihrer Kneipe begrüßen. © Carolin West

Nebenan in Lütgendortmund lief der erste Samstag mit neuer Sperrstunde mehr als bescheiden. „Ich hatte zehn Gäste, die anderen sind erst gar nicht gekommen“, erzählt Bianca Tix, Inhaberin der Gaststätte „Zur alten Post“. An normalen Samstagabenden säßen locker 25 Gäste im Thekenraum. „Von den Freitag- und Samstagabenden haben wir in der Corona-Krise gezehrt. Damit ist es ja nun auch vorbei.“

„Übler Abend“ im Kleyer Dorfkrug

Ihre Umsatzeinbußen an diesem Abend beliefen sich auf rund 50 Prozent. „Ich möchte am liebsten gar nicht in meine Kasse gucken“, so Bianca Tix. Die Sperrstunde ab 23 Uhr sei Gesprächsstoff Nummer eins in ihrer Kneipe, Verständnis habe dafür niemand.

Genauso „übel“ lief der Samstag im Kleyer Dorfkrug, wo Jasmin Nickstat hinterm Tresen steht. „Sieben bis acht Leute sind über den Tag verteilt gekommen“, erzählt die 46-Jährige. Um 23 Uhr seien alle brav gegangen, vorher hätten sie hitzig über die Sperrstunde diskutiert. „Die finden alle total doof.“

Wirtin Jasmin Nickstat erlebte wegen der Sperrstunde einen „üblen Samstagabend“.

Wirtin Jasmin Nickstat erlebte wegen der Sperrstunde einen „üblen Samstagabend“. © (A) Beate Dönnewald

Auch die Kleyer Wirtin spart nicht mit Kritik: „Das hat doch alles weder Hand noch Fuß. Wo ist der Unterschied zu einem Frühschoppen, der Sonntagsmorgens um 8 oder 9 Uhr beginnt? Um 15 Uhr sind dann alle genauso voll“, so Jasmin Nickstat.

Sie hoffe, dass der „Spuk“ Ende Oktober ein Ende hat. „Über Monate kann das so nicht laufen.“

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Mit der gegenwärtigen Situation ist auch Rechtsdezernent und Krisenstabs-Chef Norbert Dahmen alles andere als glücklich. Er hätte den Beginn der Sperrstunde lieber auf 1 Uhr festgesetzt, hieß es in einer Mitteilung der Stadt in der vergangenen Woche.

Dahmen befürchtet nämlich, dass um 23 Uhr eine „viel höhere Gefahr“ bestehe, da sich dann noch „ganze Freundeskreise“ in private Wohnungen begeben, „um zu Hause weiter zu feiern“. Die Hygiene-Konzepte der Dortmunder Gastronomen hätten sich laut Dahmen „richtig gut bewährt“. Diese Bedingungen gebe es in Privatwohnung nicht. Damit dürfte er vielen Gastronomen aus der Seele gesprochen haben.

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