Wird in Dortmund „alles immer schlimmer“? 600 Facebook-Nutzer diskutieren mit der Polizei

dzKriminalität

Die Zahlen der Kriminalstatistik und das Sicherheitsempfinden der Dortmunder driften auseinander. Die Polizei stößt darüber jetzt eine Facebook-Diskussion an. Die Resonanz ist riesig.

Dortmund

, 04.08.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist ein Standardkommentar, der da mit schöner Regelmäßigkeit unter den Facebook-Beiträgen der Polizei Dortmund von Social-Media-Nutzern geäußert wird: „Es wird immer schlimmer!“ Zuletzt war das wieder am Donnerstag der Fall, als eine Polizei-Pressemeldung unter den Titel „Hausbewohnerin überrascht drei Einbrecher“ im Sozialen Netzwerk veröffentlicht wurde. Diese Reaktion nahm die Dortmunder Polizei jetzt auf, um via Facebook eine Diskussion zu starten.

„Der Einbruch in Kirchlinde oder das Tötungsdelikt in Lütgendortmund - immer, wenn sich in kurzer Zeit mehrere solcher 'herausragenden' Delikte ereignen, merken wir, dass eine Diskrepanz besteht zwischen dem tatsächlichen Aufkommen von Straftaten und der gefühlten Kriminalität“, erklärt Polizeisprecherin Nina Kupferschmidt. Ein Anlass dafür, mit den Bürgern in den Dialog zu treten. Schließlich bedeuteten gute Zahlen in der Statistik nicht zugleich, dass man sich nun entspannt zurücklehnen könnte. Ganz im Gegenteil: „Der stetig zunehmende Informationsfluss in Zeiten von Social Media sorgt bei den Menschen für ein anwachsendes Unsicherheitsgefühl. “

Subjektives Gefühl versus Fakten

Subjektiv gefühlt nimmt die Kriminalität in Dortmund immer weiter zu. Doch die Statistik behauptet das Gegenteil. In harten Zahlen stellt sich das für das Polizeipräsidium Dortmund, das auch für die Stadt Lünen zuständig ist, so dar, dass die Anzahl angezeigter Delikte von 2014 bis Ende 2018 massiv gesunken ist. So weist die Statistik der Polizei Dortmund für 2014 insgesamt 93.855 Delikte aus (86.549 für Dortmund, 7.306 für Lünen). 2018 sind gesamt 71.818 Delikte erfasst (66.327 für Dortmund, 5.491 für Lünen). Laut Polizei Dortmund handele es sich sogar aktuell um den quantitativen Tiefststand seit 15 Jahren. War es damals also gefährlicher auf Dortmunds Straßen? Ein Großteil der rund 600 Facebooknutzer, die das Posting der Polizei kommentiert haben, bejaht das (Hinweis der Redaktion: Die Fehler befinden sich in den Originalkommentaren auf Facebook, es wurden im Sinne der Authentizität keine Korrekturen vorgenommen):

  • „Danke! Das ist das was ich immer sage. Durch Social Media wird man im Minutentakt mit News bombardiert und bekommt einfach alles mit was überall passiert. Früher kannte jeder nur seinen eigenen Ortsteil und kannte das was ein Mal am Tag in der Zeitung stand! Es wirkt mehr, weil einfach alles publiziert werden kann und nicht wie damals nur ausgewählte wichtige Infos auf kleinem Raum! Macht weiter so!“
  • „Aber mit der Aussage „es wird immer schlimmer“ meinen Viele bestimmt nicht dass es „immer mehr wird“ sondern dass die Taten ein neues Ausmaß an Gewalt und Sinnlosigkeit annehmen und dahin geht der Trend ja definitiv.
  • Es mag ja sein dass die Ausführung des TB des Totschlags laut Statistik weniger geworden ist - aber wann ist Dieser denn das letze Mal mit 70 Messerstichen oder einem Schwert begangen worden ? Ich glaube dass es den Menschen eher darum geht ...“

Schockierende Fälle

Auch was die Qualität der Kriminalität angeht, so ist die Mehrheit der Kommentatoren der Meinung, dass sich diese im Vergleich mit anderen Jahrzehnten nicht wesentlich verändert hätte:

  • „Wenn die taten "gefühlt immer schlimmer werden" sollte man sich vielleicht Mal die gewalttaten der letzten 60 Jahre in Deutschland vor Augen führen. Amokläufe wie z.b. das Attentat_von_Volkhoven oder schulamokläufe wie Erfurt oder Winnenden. Den Terror der RAF. Die Morde des NSU. Der Kannibale von Rothenburg, usw. jedes Jahrzehnt hatte seine "schlimmen" gewalttaten. Das ist absolut nicht neu.“

Nur einzelne Facebook-Kommentatoren halten an Verschwörungstheorien & Co. fest oder verweisen auf dubiose Internetseiten als Quellen:

  • „Die Realität liegt in der untersten Schreibtischschublade die abgeschlossen ist und der Schlüssel liegt irgendwo in der Ruhr"
  • „Seien sie mir bitte nicht böse ,aber wir sind schon so oft von der Politik und anderen Behörden getäuscht worden ,dass wir mittlerweile nicht mehr wissen ,was / wem wir glauben können und wem nicht“

Dem zum Trotz bewertet man beim Polizeipräsidium Dortmund die Facebook-Diskussion als überaus produktiv. „Wir dürfen bestimmt nicht resignieren, wenn einzelne an Überzeugungen festhalten, deren Ursprung dubiose Quellen sind. Die Frage, die wir uns in solchen Fällen auch stellen müssen, ist die, wie man sich vernünftig positionieren soll, um solchen Nutzern sachlich zu entgegnen", sagt Nina Kupferschmidt. Man müsse sehen, wo es gut laufe und auch, wo seitens der Bürger Verbesserungen gewünscht werden. „Was die Aufklärung bei Delikten wie Wohnungseinbrüchen und die Situation in der Nordstadt angeht, haben wir in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht. Umfragen wie jene bei Facebook zeigen uns auf, wo wir im konkreten Fall noch besser werden müssen, so die Polizeisprecherin.

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