Kennt Scoperty den Wert von fast jedem Haus in Dortmund? Seit kurzem ist der Schätzdienst in Nordrhein-Westfalen aktiv. Makler und Eigentümer reagieren kritisch. © (A) Dieter Menne
Immobilien

Wirbel um Scoperty: Portal zeigt Preis für fast jedes Haus in Dortmund

Kennt ein Münchener Start-up namens Scoperty den Wert jedes Hauses in Dortmund? Jedenfalls hängt im Internet an fast jeder Immobilie ein Preisschild. Das sorgt für Aufregung.

Eine neue Plattform hat Schätzwerte für Dortmunder Wohnungen und Häuser ermittelt und ins Netz gestellt. Scoperty heißt das Münchener Unternehmen, das unter scoperty.de jetzt auch die Bewertung von Dortmunder Immobilien anzeigt – und für einigen Wirbel sorgt.

Fast jedes Haus zwischen Brechten und Syburg hat von Scoperty ein virtuelles Preisschild bekommen. Dazu wurden verfügbare Daten wie Grundstücksgröße, Wohnfläche, Lage oder öffentlicher Mietspiegel herangezogen. Anhand eines Algorithmus wurde schließlich eine Preisspanne bestimmt.

Scoperty will so Eigentümer und Kaufinteressenten von Häusern und Wohnungen anlocken. Doch es gibt viel Kritik daran.

Scoperty-Schätzwerte irritieren Eigentümer und Makler

Schaut man in der Karte auf die Häuser von Verwandten oder Freunden, fallen schnell Fehler auf. Für ein Haus in Brechten beispielsweise, das erst um die Jahrtausendwende errichtet wurde, wird das Baujahr 1975 angegeben – und ein Preis von fast 200.000 Euro.

„Da werden Preise genannt, die kommen einfach aus dem Bauch heraus“, sagt der Brechtener Magnus Benkhofer, als er sich die Werte für sein Haus am Rauhen Kamp und die seiner Nachbarn anschaut. „Ich weiß“, sagt er, „dass in Brechten vor kurzer Zeit Häuser für 430.000 bis 450.000 Euro verkauft wurden, die hier mit 299.000 Euro bewertet werden. Das kann man also vergessen, das ist wohl nicht seriös.“

So sieht die Internetplattform Scoperty aus. An vielen Häusern Halterns kleben Preisetiketten.
So sieht die Internetplattform Scoperty aus. An 35 Millionen Immobilien Deutschlands, davon 7,8 Millionen in NRW, kleben Preisetiketten. © Jürgen Wolter © Jürgen Wolter

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Maklerin Wiebke Dumitroff von Engel & Völkers in Dortmund. Sie schaut auf die Gartenstadt, die zu den begehrtesten Wohnlagen in der Stadt gehört, und sagt: „Eigentümer dürften irritiert sein, dass Informationen zu ihrer Immobilie, wie Wohnfläche, Baujahr, Kaufpreisschätzung derzeit im Netz ohne ausdrückliche Zustimmung veröffentlicht werden. Die angegebenen Schätzwerte schöpfen zudem die Marktspitzen nicht aus. Erzielbare Kaufpreise liegen etwa in der Gartenstadt zum Teil deutlich über den angegebenen Werten.“

Scoperty will festgefahrenen Markt in Bewegung bringen

Die Immobilienwirtschaft sieht Scoperty insgesamt kritisch. Das habe mit seriöser Wertermittlung nichts zu tun und sei offenkundig Unfug, heißt es aus der Maklerbranche. Der Dortmunder Makler Prof. Dr. Raphael Spieker erklärt: „Die Preise, die angegeben werden, sind viel zu grob und damit nicht zu gebrauchen.“

Ob es im Haus einen Investitionsstau gibt, ob es eine energetische Sanierung gab, ob eine Eigentümergemeinschaft Rücklagen gebildet hat oder ob die Bewohner regelmäßig Miete zahlen – all diese Faktoren bleiben bei Scoperty unberücksichtigt.

Der Geschäftsführer von Scoperty, Michael Kasch, hat sich gegenüber dem Redaktions-Netzwerk Deutschland verteidigt: „Da der Schätzwert eben keine klassische Wertermittlung ist, soll und kann er nur als erster Orientierungspunkt für die Bestimmung des Wertes einer Immobilie gelten.“

In anderen Interviews erklärte Kasch, er glaube fest daran, den Immobilienmarkt transparenter und agiler zu machen. Das Angebot solle weniger die Neugier befriedigen, was das Haus des Nachbarn oder des Chefs theoretisch kosten würde, sondern mit der Veröffentlichung der Informationen solle vor allem der vielerorts festgefahrene Markt in Bewegung gebracht werden.

Eigentümer könnten erstmals ohne Zutun den aktuellen Marktwert ihres Wohneigentums erfahren und ein reales Marktinteresse testen – ohne in einen verbindlicheren Kaufprozess einsteigen zu müssen und Geld zu investieren.

Scoperty verdient sein Geld über Provisionen

Makler Raphael Spieker glaubt das nicht: „Nur wegen Scoperty sind Leute jetzt nicht eher bereit, ihre Immobilie zu verkaufen. In Dortmund und auch bundesweit werden jährlich im Schnitt 1,7 bis 2,5 Prozent des Immobilienbestandes verkauft. Wenn irgendwo mal mehr Immobilien verkauft werden, dann wegen eines Neubaugebiets und nicht wegen Scoperty.“

Woran verdient Scoperty überhaupt? Nun, das Unternehmen verdient an einem Vergütungsmodell, das auf zwei Säulen beruht, wie das Redaktions-Netzwerk Deutschland schreibt. Die Homepage vermittelt zum einen Makler an kaufwillige Interessenten. Zum anderen arbeitet das Portal mit dem Finanzvermittler Interhyp zusammen, der den Käufern den nötigen Kredit anbietet. Sein Geld verdient Scoperty also über Provisionen.

Bleibt noch die Frage, ob all die Daten, die Scoperty öffentlich anzeigt, auch angezeigt werden dürfen. „Die Wohnfläche ist für mich eine Angabe aus dem persönlichen Bereich, die nicht jeder sehen darf“, lautet die spontane Reaktion des Brechtener Immobilienbesitzers Magnus Benkhofer.

Skepsis bezüglich der einsehbaren Daten

Das Unternehmen hat sich allerdings wohl durch eine Widerspruchsregelung datenschutzrechtlich abgesichert. Eigentümer und Mieter können per Klick das Löschen der Daten veranlassen.

Bei der Verbraucherzentrale in Dortmund sind bisher nur vereinzelte Anfragen eingegangen. „Bei den Verbrauchern herrscht vor allem Skepsis bezüglich der bei Scoperty einsehbaren Daten. Einerseits stellt sich die Frage nach dem Datenschutz, andererseits nach der Richtigkeit der Daten“, sagt Rafael Lech, Leiter der Beratungsstelle an der Reinoldistraße.

Er fügt hinzu: „Ein rechtlicher Verstoß ist (derzeit) nicht erkennbar. Die angegeben Immobilienwerte stellen wohl auch keine personenbezogenen Daten dar, sondern sachbezogene Daten. Man sollte aber grundsätzlich immer darauf achten, welche Daten man von sich preisgibt.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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