Will Dortmund fast 5000 russische Kriegsopfer vergessen?

dzKriegsgedenken

Gedenken unerwünscht? 75 Jahre nach Kriegsende hofft Dmitriy Kostovarov auf ein Stelen-Feld, das auf dem Hauptfriedhof an Tausende russische Kriegsopfer erinnern soll. Er wird scheitern.

Brackel

, 04.03.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Das ist hier kein Park zum Hundeausführen oder Picknicken", sagt Dmitriy Kostovarov (56). Der gebürtige Russe blickt auf eine weite Rasenfläche des Hauptfriedhofs am Rennweg. „Das sind Gräber“, sagt Kostovarov. Tausende seiner Landsleute wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs hier von den Nazis begraben.

Es ist das grausame Schicksal der russischen Zwangsarbeiter, das Dmitriy Kostovarov seit Jahren beschäftigt. Seit Jahren kämpft er für einen würdigen Ort des Gedenkens an die fast 5000 zum Teil brutal zu Tode gequälten Kriegsgefangenen. Denn das, was Dmitriy Kostovarov als Grabfeld Nummer 4, Grabfeld Nummer 3 und Grabfeld Nummer 8 ausweist, sind bisher grüne Rasenflächen und ein paar wenige Bäume - nur an der Ruhe merkt man, dass man auf einem Friedhof ist.


Aufwendige Detektivarbeit mit vielen Akten

Kostovarov ist ein stiller Mensch, einer, der sich hinter Akten wohlfühlt und der nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt. Trotzdem hat er am Karfreitagsgedenken auf dem Friedhof eine Rede gehalten über die toten Zwangsarbeiter auf dem internationalen Friedhof. Für Kostovarov sind die Russen, die in Dortmund im Zweiten Weltkrieg starben, zur Lebensaufgabe geworden. Auf 23 Dortmunder Friedhöfen hat er den toten Russen ihre Namen zurückgegeben. „Nie gab es ein Problem", sagt Kostovarov. Nur beim 24., dem Hauptfriedhof, gehe nichts voran: Die Dortmunder vergruben hier mindestens 4900 der russischen Zwangsarbeiter, die bis 1945 aufgrund der brutalen Arbeitsbedingungen oder in dem Gefangenenlager Stalag VI D starben.

Schüler der Europaschule erinnern bereits auf Tontafeln an die über 600 auf dem Dortmunder Hauptfriedhof begrabenen Russen

Schüler der Europaschule erinnern bereits auf Tontafeln an rund 500 auf dieser Rasenfläche des Hauptfriedhofs begrabenen Russen. Kostovarov möchte weitere 4.466 Zwangsarbeitern ihre Namen zurückgeben. © Jonathan Josten

Zuhause in Russland sind die Opfer nicht vergessen worden. Kostovarov berichtet von einem typischen Fall: „Da gab es einen Verstorbenen auf Feld Nummer 8. Eine Dame hat ihren Vater gesucht. Sie hat mir den Namen von ihrem Vater geschrieben und gefragt: Können Sie mir helfen?" Da viele Russen auf der Suche nach ihren verstorbenen Vorfahren auf ihn zukamen, hat Kostovarov den Verein Ar.Kod.M (Allrussische Kriegsopferdaten Memorial) gegründet.

Mittlerweile hat Kostovarov in aufwendiger Detektivarbeit neben den schon rund 500 bekannten Namen noch 4466 weitere Namen von russischen Zwangsarbeitern auf dem Hauptfriedhof ermittelt, die im Zweiten Weltkrieg unter anderem für die Dortmunder-Union-Brückenbau AG, die Stahlwerke der Hoesch AG und auf Kohlezechen arbeiteten. Er benutzte dafür unter anderem Personalkarten der Nationalsozialisten. Oft musste er auch Rechtschreibfehler korrigieren. Kostovarov konnte schließlich helfen und den Vater der russischen Frau in den Dokumenten finden. „Die Dame kam nach Dortmund und hat hier einen Kranz niedergelegt“, sagt Kostovarov.

Stelen-Feld ist „nicht aus dem Ärmel zu schütteln“

Kostovarov möchte, dass die Namen der russischen Kriegsgefangenen und zivilen Gefangenen, die zwischen 1941 und 1945 in Dortmund Zwangsarbeit verrichteten und hier starben, in Granit gemeißelt werden. Doch obwohl die Bezirksregierung Arnsberg, die russische Botschaft und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge seit 2016 daran arbeiten, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes mit schönen Stelen gebührend an die Opfer zu erinnern, tut sich nichts. Wie der damalige Stadtrat Arnulf Rybicki auf Nachfrage der Bezirksverwaltung Brackel vor Jahren schrieb, sollten die Stelen eigentlich „2019, spätestens 2020" stehen.

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Der Brackeler Bezirksbürgermeister Karl-Heinz Czierpka (SPD) hofft zu Kostovarovs Enttäuschung nun auf einen Baustart in 2021. „Das bekommen wir nicht aus dem Ärmel geschüttelt", so Czierpka. Die Steinmetze stünden mit der kyrillischen Beschriftung vor einer schwierigen Aufgabe. Die Friedhofsverwaltung lässt auf Anfrage verlauten, man sei „dran". „Demnächst" solle ein Büro beauftragt werden, das die Kostenschätzung verifiziert, damit die Bezirksregierung Arnsberg dann das nötige Geld bereitstellen kann.

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