Der Mann ist ans Bett gefesselt und kann nur die Augen bewegen. Die Dortmunderin Aileen Räder begleitet ihn, darf ihn aber in der Coronakrise nicht besuchen – doch beide machen das Beste draus.

Brackel

, 10.04.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dies ist eigentlich eine traurige Geschichte. Sie handelt von einem Mann, den eine schwere Krankheit ans Bett fesselt und der in der Coronakrise keinen Besuch mehr bekommen darf.

Es ist aber auch eine Geschichte, die Hoffnung gibt. Denn der Mann macht das Beste aus der scheinbar ausweglosen Situation und hat dabei Menschen an seiner Seite, die ihn unterstützen.

Stephen Hawking ist der bekannteste ALS-Erkrankte

Der heute 41-jährige Olaf stand mitten im Leben, als er motorische Schwächen an sich bemerkte und Ärzte anschließend amyotrophe Lateralsklerose (ALS), eine nicht heilbare Erkrankung des Nervensystems, bei ihm diagnostizierten. Jene seltene Krankheit, die in der Öffentlichkeit vor allem durch den Astrophysiker Stephen Hawking bekannt wurde.

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Die Erkrankung, die einen kontinuierlichen Verlust der Muskelsubstanz bedeutet – von Armen und Beinen über Sprech- und Schluckapparat bis hin zur Atemmuskulatur –, nahm erschreckend schnell Besitz von Olaf. Anfangs konnte er noch laufen, bis vor einem Jahr sprechen und essen; heute hingegen sind es einzig die Augen, die der Dortmunder bewegen kann.

Als die Krankheit festgestellt wurde, kannten sich Aileen Räder und Olaf noch nicht. Die in Asseln lebende Sozialarbeit-Studentin absolvierte damals eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin beim Malteser Hilfsdienst. Nach dem Abschuss stellte sich der 26-Jährigen und ihrer Koordinatorin die Frage, welche Aufgabe zu der jungen Frau passen könnte. Dann meldete sich die Dortmunder Beatmungseinrichtung, in der Olaf liegt.

Ein aufmunterndes Foto: Dieses Bild vom Schmetterling im Rapsfeld schickte Aileen Räder dem 41-Jährigen.

Ein aufmunterndes Foto: Dieses Bild vom Schmetterling im Rapsfeld schickte Aileen Räder dem 41-Jährigen. © Aileen Räder

„Uns wurde mitgeteilt, dass jemand gesucht wird, der mit ihm über das redet, was ihm wichtig ist – und das ist vor allem seine Familie“, erinnert sich Aileen Räder. Bereits bei ihrem ersten Besuch lernte die Studentin so die Frau und die drei Kinder des Dortmunders kennen, die ihn allesamt unterstützen, wo es nur geht.

„Als ich dann aber zum ersten Mal allein bei ihm war, hatte ich schon Nervenflattern“, erzählt die Asselnerin, „aber er hat es mir leicht gemacht. Wir waren uns gleich sympathisch und haben über ganz normale Sachen gesprochen.“ Fortan besuchte sie den 41-Jährigen jeden Dienstag, oft für mehrere Stunden. „So ist eine richtige Freundschaft entstanden; wir unterhalten uns wie andere Freunde auch.“

Mit den Augen die Maus steuern

In der ersten Zeit klappte das noch, doch inzwischen müssen die 26-Jährige und Olaf, der zudem beatmet wird, über einen Computer miteinander kommunizieren. Dabei blickt er in eine Kamera, steuert mit den Bewegungen seiner Augen eine Maus und tippt so Texte ein, die Aileen Räder entweder abliest oder ein Sprachprogramm in Worte fasst.

Obwohl Olaf Lebenswillen besitze und seine Frau und die Kinder alles für ihn seien, gebe es natürlich auch Momente, in denen er nicht gut drauf ist. „Dann verbreite ich eben gute Laute, denn schlechte gibt es bei mir nicht“, sagt die Studentin, deren Lachen keine Zweifel an dieser Aussage lässt. „Und ich gehe erst, wenn er sagt, dass es ihm wieder besser geht.“

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Mittlerweile wisse sie unheimlich viel über den 41-Jährigen, fährt die Begleiterin fort: „Er ist sehr schlau und interessiert. Wenn niemand bei ihm ist, recherchiert er im Internet, hört Musik, schaut Filme oder schreibt mit anderen Mitgliedern der ALS-Gruppe.“ Und für sie sei die Verbindung ebenfalls vorteilhaft, erzählt Räder grinsend: „Mein Musikgeschmack hat sich gebessert. Olaf hat mich zum Heavy Metal gebracht – das hätte ich früher nie gehört.“

Auch als die Studentin auf dem Jakobsweg in Portugal und Spanien unterwegs war, blieb der Kontakt dank digitaler Medien bestehen; schließlich sah man sich am Dienstag nach dem Urlaub ja wieder. Diese regelmäßigen Besuche sollten jedoch ein jähes Ende finden: Aufgrund des Coronavirus, das für den 41-Jährigen den Tod bedeuten könnte, darf Räder seit vier Wochen nicht mehr bei ihm vorbeischauen.

Das Beste daraus machen

Die Vorstellung, unbeweglich in einem Bett zu liegen und auf Besuch verzichten zu müssen, dürfte für alle Menschen schlimm sein – und natürlich erweist sich die momentane Situation auch für die Begleiterin und den Erkrankten als schwierig. Doch die beiden versuchen, das Beste daraus zu machen.

Statt der räumlichen Nähe kommunizieren sie nun vermehrt per WhatsApp, unterhalten sich so über Gott und die Welt. „Er schreibt zum Beispiel, er freue sich, dass es nun endlich Frühling ist oder bedankt sich für Fotos, die ich geschickt habe.“

Der Wald beim Sonnenuntergang: Ebenfalls ein Schnappschuss, der Mut macht.

Der Wald beim Sonnenuntergang: Ebenfalls ein Schnappschuss, der Mut macht. © Aileen Räder

Und davon gibt es momentan reichlich, denn die 26-Jährige bringt dem Schwerkranken das Frühjahr quasi auf sein Zimmer. Häufiger als sonst geht Räder nun spazieren, fotografiert oder filmt dabei die sich Bahn brechende Natur und schickt die Fotos und Videos an den 41-Jährigen, der so in gewisser Weise bei den Spaziergängen dabei ist. „Er bedankt sich dann für die Fotos und schreibt, dass er es genießt.“

Aber auch ihr selbst habe die Zeit der Begleitung weitergeholfen, sagt Räder. „Ich weiß jetzt: Wenn ich etwas machen will, dann mache ich es sofort und schiebe es nicht mehr vor mir her. Es ist eine Win-win-Situation für uns.“

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