Mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen soll man im Jugendberufshaus Ausbildungsbetriebe kennen lernen, zu denen man sonst keinen Zugang bekommt. Ein neues Mittel zur Berufswahl im Selbsttest.

Dortmund

, 09.08.2019, 17:39 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ich stehe im Tower des Frankfurter Flughafens. Hier werden Starts und Landungen der Flugzeuge kontrolliert. Die altmodische Kaffeemaschine vor mir passt nicht so recht zu der hochtechnischen Ausstattung um mich herum.

In dem kreisförmigen, rundum verglasten Raum sitzen Menschen an Monitoren, mindestens vier Bildschirme pro Tisch helfen den Mitarbeitern bei der Kontrolle des Flugraums. Hinter ihnen lässt sich in weiter Ferne die Frankfurter Skyline ausmachen.

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Plötzlich quatscht mich jemand von der Seite an: „Keine Sorge, die ersten anderthalb Jahre deiner Ausbildung übst du an einem Simulator, du musst die Flugzeuge nicht direkt selbst steuern.“ Puh, noch mal Glück gehabt. Die vielen Grafen und Tabellen um mich herum sind nämlich alles andere als selbsterklärend. Vielleicht schaue ich mich erst mal weiter um.

Ein Klick und ich bin am Hamburger Hafen. Ich drehe mich einmal um die eigene Achse, das weitläufige Hafengelände erstreckt sich in alle vier Himmelsrichtungen. Eine Anlage ist verstopft, sie muss gereinigt und der entfernte Schlamm in die Verbrennungsanlage transportiert werden. Mhm, auch nicht so mein Ding.

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Zum Glück gibt es über 50 weitere Filme, über 50 Kurzausflüge in Ausbildungsbetriebe in ganz Deutschland, die ich mir anschauen kann. Die Trips nach Frankfurt und Hamburg habe ich nicht mit dem Zug zurückgelegt, sondern mit der Virtual-Reality-Brille (VR-Brille).

Drei solcher Brillen hat das Jugendberufshaus, Teil der Arbeitsagentur Dortmund, angeschafft, um Jugendlichen in der Berufsorientierung darauf die Filme des Projekts „Dein erster Tag“ zu zeigen.

Ein virtueller Rundgang übers Firmengelände

Im Auftrag von Firmen bietet das Projekt der Berliner Firma „Studio2B“ 360-Grad-Filme zur Berufsorientierung an. Auf der VR-Brille abgespielt, kann der Zuschauer dann virtuelle Rundgänge durch Unternehmen machen, sich in aller Ruhe umschauen und sich über die Ausbildung im Betrieb informieren.

Dank VR-Technik hat der Zuschauer das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Mittels detailreicher 360-Grad-Aufnahmen kann der virtuelle Raum fast genauso gründlich erkundet werden wie die analoge Welt.

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Wie arbeitet ein Azubi zur Fachkraft für Systemgastronomie bei McDonald‘s? Was muss ich als angehender Berufskraftfahrer bei der Lüner Firma Remondis können? Und was erwartet mich bei einer Ausbildung als Friedhofsgärtner beim Landesverband Gartenbau?

Teilnehmer des Förderzentrums Dortmund, das Jugendliche beim Einstieg ins Berufsleben unterstützt, sind am Freitag die ersten Dortmunder, die die VR-Brillen ausprobieren dürfen. Ein junger Mann schaut gerade in den Pflegeberuf rein. „Es ist schon interessant zu sehen, worauf man in diesem Beruf achten muss“, berichtet er, als er die Brille abnimmt.

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Per VR-Brille war er in einem Pflegeheim in Berlin unterwegs. Der Umgang mit älteren Leuten, worauf es dabei ankommt, das hat sein Interesse geweckt. „Ich werde jetzt zumindest mal über die Richtung nachdenken“, sagt er.

Ihm gefällt an den VR-Filmen, dass er keine langen Broschüren und Stellenbeschreibungen durchlesen und nicht erst lange überlegen muss, wie etwas gemeint ist. „Ich kann einfach sehen, wie der Alltag in einem Job abläuft.“

Einem anderen Tester des Projekts gefällt, dass man sich mit der Brille einfach mal in der Werkstatt, auf dem Fabrikgelände oder im Krankenhaus umschauen kann.

Ein Praktikum, das nur drei Minuten dauert

„Die Filme sind wie ein Praktikum, dauern aber nur drei bis vier Minuten“, sagt Dirk Engelsking vom Jugendberufshaus. Zusammen mit Kollegin Regine Kreickmann hat er das Projekt nach Dortmund geholt. Sie schafften die Virtual-Reality-Brillen an, die nötigen 360-Grad-Filme stellt das Projekt „Dein erster Tag“ zur Verfügung.

„Bei der Berufswahl geht es nicht nur um kalte Fakten“, sagt Kreickmann. In ihrer Arbeit hätten Engelsking und sie festgestellt, dass eine erfolgreiche Berufsorientierung auch Emotionen und Erlebnisse brauche.

Die VR-Technik bietet, so Kreickmann, ganz andere Möglichkeiten, einen Beruf kennen zu lernen als Broschüren oder Präsentationen: „Es macht den Beruf greifbar“, sagt Kreickmann.

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Die Nutzung der VR-Brillen, das virtuelle Erkunden eines Berufs, soll aber nicht für sich allein stehen, erklärt Engelsking. Vielmehr sei es eine weitere Möglichkeit, sich zu informieren, die in den Beratungsprozess zur Berufswahl integriert werden soll.

Bei Messen oder Gruppenangeboten zur Berufsorientierung sollen die VR-Brillen das Informationsangebot des Jugendberufshauses zukünftig ergänzen. Auch Schulklassen, die sich bereits mit der Berufswahl beschäftigen, sollen die Brillen nutzen können.

Keine lokalen Betriebe dabei

Über 50 verschiedene Unternehmen haben bereits einen Film in Auftrag gegeben, darunter große Unternehmen wie Hapag Lloyd oder Siemens, aber auch öffentliche Arbeitgeber wie Polizei und Feuerwehr. Dortmunder Unternehmen sind bisher noch nicht mit einem eigenen Film bei dem Projekt vertreten.

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Doch gerade von lokalen Ausbildungsbetrieben erhoffen sich Kreickmann und Engelsking, dass sie demnächst ebenfalls die Möglichkeit nutzen, junge Leute per VR-Film von sich als Ausbildungsbetrieb zu überzeugen. Die App, die die Filme auf die VR-Brillen überträgt, wird regelmäßig aktualisiert – und mit jedem Update kommen neue Filme und Unternehmen hinzu. Interessierte Unternehmen können sich direkt an „Dein erster Tag“ oder Studio2B wenden.

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