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Seit Donnerstag fährt Flixtrain von Köln über Dortmund nach Berlin – und das teilweise für nur 10 Euro. Unser Autor war bei der ersten Fahrt dabei. Es wurde eine Reise in seine Kindheit.

Dortmund

, 23.05.2019 / Lesedauer: 3 min

Früher fuhren wir mit der Familie mit dem Nachtzug immer nach Italien. Es war ein großes Abenteuer für einen Zehnjährigen, sich nachts aus dem Schlafabteil zu stehlen und durch die engen Waggongänge zu schleichen, links die großen, herunterschiebbaren Fenster, rechts die zugehangenen Abteile. An diese Reisen muss ich denken, als ich an diesem sonnigen Donnerstagmittag zum ersten Mal einen Fuß in den Flixtrain setze.

Kurz vorher ist der grün lackierte Zug pünktlich um 12.31 Uhr an Gleis 20 des Dortmunder Hauptbahnhofs eingefahren. Es ist die Premierenfahrt der neuen Flixtrain-Strecke Berlin-Köln, der dritten regulären Verbindung des Schwesterunternehmens des Fernbus-Anbieters Flixbus. Da der erste Zug in Berlin gestartet ist, geht die Fahrt gen Westen.

Wie fährt es sich im neuen Billig-Zug nach Berlin? Wir testen den Flixtrain

Die Waggons des Flixtrains sind meistens 30 bis 40 Jahre alt - und das sieht man ihnen auch an. © Thomas Thiel

Hinter der quietschgrünen Fassade empfängt mich meine Kindheit: Die Waggons des Flixtrains sind mindestens 30 Jahre alt. Da sind sie, die Sechs-Personen-Abteile mit den Glas-Schiebetüren und der Holzverkleidung. Da ist er, der leichte Moder-Geruch des alten Auslegeteppichs in den Gängen. Und da ist sie, die stickige Luft, die einen umschließt wie eine zu warme Decke.

Viele der Fenster im Gang sind zur Hälfte heruntergeschoben worden, das hilft etwas, wofür man auch den Fahrtlärm in Kauf nimmt. Trotzdem will ich mir die Fahrt besser nicht im Hochsommer vorstellen.

„Nach zwei Stunden tut einem der Hintern weh!“

Die meisten Abteile sind gut belegt bei der Jungfernfahrt des Berlin-Dortmund-Köln-Flixtrains, auch wenn er nicht ausgebucht ist. Ich finde einen Platz neben Ekhard Giesemann und Stefanie Seidel. Der 73-jährige Rentner aus Braunschweig ist in Wolfsburg zugestiegen, die 22 Jahre alte Studentin aus Berlin ist auf dem Weg zu ihren Eltern in Bonn.

Für Giesemann ist es ein kleiner Tagesausflug: Zwei Stunden Dom gucken, mal an den Rhein, dann nimmt er schon wieder den Flixtrain zurück. Die Zugfahrt hin und zurück kostet den Rentner gerade einmal 10 Euro. „Die Fahrt mit der Regionalbahn von Wolfsburg nach Braunschweig ist teurer!“, sagt er und lacht. Nur die blaue Sitzbank findet er unbequem: „Nach zwei Stunden tut einem der Hintern weh, aber bei dem Preis ist das vollkommen egal!“

Wie fährt es sich im neuen Billig-Zug nach Berlin? Wir testen den Flixtrain

Ekhard Giesemann (73) und Stefanie Seidel (22) waren Passagiere auf der Premierenfahrt des Flixtrains von Berlin nach Köln. © Thomas Thiel

Auch für Seidel ist die Fahrt fast unschlagbar günstig. Sie zahlt für den Trip von Berlin nach Köln und zurück 20 Euro. „Ich frage mich zwar ein bisschen, ob das mit niedrigen Löhnen für die Angestellten erkauft wird, aber als Studentin freut man sich natürlich über die niedrigen Preise.“

Ein paar Wagen weiter schüttelt Fabian Stenger den Kopf, wenn man ihn nach einem Zusammenhang zwischen niedrigen Preisen und dem Lohn seiner Mitarbeiter fragt. Die Auslastung sei das Entscheidende, sagt der Geschäftsführer von Flixtrain: „Wenn wir möglichst viele Passagiere in die Züge bekommen, können wir auch weiter so billige Preise anbieten.“

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"Wann hören Sie mit Ihren Kampfpreisen auf?" Drei Fragen an Flixtrain-Chef Fabian Stenger

Doch dass darüber hinaus zumindest auch an der Einrichtung des Zuges gespart wird, ist bei einem Bummel durch den Zug deutlich. Im „Speisewagen“, der den Charme einer Jugendherberge verströmt, gibt es lediglich ein paar Snacks. Die Toiletten sind sauber, sind aber auch noch im Original-Zustand der 1970er oder 1980er. In der 1. Klasse gibt es immerhin Tische in den Abteilen, dazu Steckdosen. Dafür funktioniert das kostenlose WLAN in allen Waggons, durch die ich gehe.

Mit einer Minute Verspätung erreichen wir Duisburg um 13.17 Uhr. Die Fahrt durch das Ruhrgebiet hat 43 Minuten gedauert. Zurück nach Dortmund geht es zehn Minuten später mit einem ICE. Ich fühle mich, als wäre ich aus einem alten Golf 1 in einen Rolls Royce umgestiegen: Wohltemperiert und ruhig gleitet der Zug über die Schienen. Der Großraum-Waggon ist leise und nur spärlich besetzt. 35 Minuten später bin ich wieder in Dortmund. Dafür hat mich diese Fahrt stolze 21,50 Euro gekostet.

Im Flixtrain drei Stunden später wären nur 4 Euro fällig gewesen.

Vergleich

Flixtrain ist billiger, die Deutsche Bahn hat die größere Auswahl

  • Die Preise von Flixtrain für die einfache Strecke Dortmund-Berlin ändern sich täglich, und das teilweise dramatisch. Bei unseren Stichproben schwankten sie zwischen 9,99 und 75,00 Euro. Je langfristiger man bucht, desto preiswerter werden unserer Beobachtung nach die Tickets. Damit liegt der Flixtrain preislich teilweise deutlich vorne. Das gilt auch bei der Deutschen Bahn, die bei unserer Stichprobe für Ende Juni auch schon einmal Spartickets für 19,90 oder 25,90 Euro anbietet. Wesentlich häufiger werden jedoch Preise zwischen 59,90 und 79,90 Euro aufgerufen.
  • Ende 2018 hatte die Deutsche Bahn deutschlandweit allein 274 ICE-Züge im Einsatz, wohingegen Flixtrain bis zum Sommer 2019 lediglich sieben Züge im Betrieb haben wird. 148 Millionen Reisenden im Fernverkehr des Staatskonzerns stehen bei Flixtrain gut 750.000 im ersten Jahr des Regelbetriebs gegenüber. Inzwischen hat das Unternehmen insgesamt eine Million Fahrgäste gezählt.
  • Die Deutsche Bahn hat das bedeutend größere Angebot. Täglich bietet sie rund zehn Direktverbindungen von Dortmund nach Berlin an. Demgegenüber steht momentan nur eine nachmittägliche Flixtrain-Verbindung, auch wenn am 7. Juni ein Morgenzug dazukommt.
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